Nr. 17/2022 vom 28.04.2022

Und doch ist die Welt schön

Der glücklichste Tag war, als er «Adije» sagen durfte: «Starkes Ding» ist Lika Nüsslis neuer Comic über ihren Vater, der als Kind verdingt wurde. Die Retrospektive im Cartoonmuseum Basel zeigt, wie sie auch mit anderen schweren Themen verspielt umzugehen weiss.

Von Alice Galizia

Die wilden, düsteren Träume des Verdingbuben: Lika Nüssli verwebt in «Starkes Ding» Kühe, Milchchessi und dunkle Abgründe zu verworrenen Tableaus. Zeichnung: Lika Nüssli

Warum man ihn von daheim weggeschickt habe, fragt sich Ernst, vielleicht weil er so gut arbeiten könne oder weil er der frechste Schlingel, der verfressenste Gof gewesen sei? Beim Bauern Schweizer ist er jetzt. Dort wird Ernst nur noch «Bub» gerufen; seine Eltern erhalten einen Franken am Tag für seine Arbeit und haben ein Maul weniger zu füttern. Er arbeitet jeden Tag, nur am Sonntag hat er manchmal frei.

Im Toggenburg, kurz nach dem Zweiten Weltkrieg: Ernst wächst in einer armen Bauernfamilie auf, mit zwölf Jahren kommt er als Verdingbub auf den Hof der Schweizers, pflegt die Tiere, geht einkaufen für die Frau, mistet, putzt, erledigt, was anfällt; kann nach der Schule nicht zum Spielen bleiben, wird mit Schlägen bestraft, etwa wenn er zu spät kommt, hat vor Hunger ein schwarzes Loch im Bauch. Nach vier Jahren darf er aufhören, da ist der Bauer Schweizer gerade weg und sagt ihm nicht mal «Adije». «Es ist trotzdem der glücklichste Tag.»

Stall, Weide, Stube

Die Schweizer Künstlerin und Comiczeichnerin Lika Nüssli hat die Geschichte ihres Vaters Ernst in ihrem Comic «Starkes Ding» verarbeitet. Behutsam und unaufgeregt zeigt sie diese so schweren Jahre. Urteile braucht es da kaum, es ist eh schlimm genug, und Nüssli lässt auch die Lichtblicke nicht aus: Wie Ernst jassen lernt und immer besser darin wird, wie die Verkäuferin im Dorfladen ihn Schokolade stehlen lässt, wie er gut mit den Tieren kann.

Nüssli hat dafür ihren Vater immer wieder besucht, ihn von dieser Zeit berichten lassen, von der sie vorher kaum etwas gewusst hatte. So ist auch das Buch aus der Perspektive des Vaters erzählt, der klar macht, wie hart, aber auch wie wenig aussergewöhnlich eine solche Kindheit in der Schweiz damals war.

Die Bilder sind in Schwarzweiss gehalten, das bäuerliche Leben zwischen Stall, Weide und Stube wird detailliert geschildert. Ein wenig erinnern die Bilder an Bauernmalereien – das Idyll durchbrochen von Ernsts Erzählungen, aber auch von seinen wilden, düsteren Träumen, in denen sich Kühe, verschüttete Milch und dunkle Abgründe zu verworrenen Tableaus verweben. Und immer dann, wenn von Missbrauch die Rede ist, werden die Figuren ganz seltsam verformt; etwa nur noch zwei Beine, ein Kopf und ein riesiger glänzender Hintern. Und auf dem Schulweg sagt der Freund Jakob bloss: «Das kenn ich. Mein Meister ist auch launisch.»

«Starkes Ding» ist das neuste Werk von Lika Nüssli, deren Arbeiten gerade im Cartoonmuseum Basel in der schönen Retrospektive «Im Taumel» zu sehen sind und die auch ab und zu für die WOZ zeichnet. Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich mit ihrer Familie auseinandersetzt: 2018 erschien «Vergiss dich nicht», eine Begegnung mit der Mutter, die damals in einem Pflegeheim für Demenzkranke lebte und sich immer stärker in der eigenen Welt verlor. Weil die Besuche immer stiller wurden, begann Nüssli, andere Ereignisse aus dem Heim aufzuzeichnen: die manchmal absurden Aussagen der Bewohner:innen, die schwierigen Arbeitsverhältnisse der meist migrantischen Angestellten.

Einfach normal

So sind die Bücher über Nüsslis Eltern auch Zeugnisse prekärster Arbeit in einem Land, das auf seinen Reichtum stolz ist und von den Armen nichts wissen will. Erst 2017 trat, angestossen von der Wiedergutmachungsinitiative, ein Gesetz in Kraft, das Opfern von Fremdplatzierungen und fürsorgerischen Massnahmen finanzielle Entschädigung in Aussicht stellte sowie die historische Aufarbeitung und die Akteneinsicht regelte. Mittels der Geschichten ihrer Eltern vermag Nüssli so auch, etwas über die Schweiz zu erzählen, gerade weil sie scheinbar ganz gewöhnlich sind. «Weisst du, das war einfach normal», sagt der Vater einmal zu ihr – es gab in jeder Klasse ein paar Verdingkinder, und die hatten nun mal ab und zu blaue Flecken oder schliefen in der Schule ein, weil sie so müde waren.

«The world isn’t beautiful, I tend to forget that», steht auf einer grossen Rolle Papier, die von der Decke im ersten Ausstellungsraum des Cartoonmuseums hängt. Lika Nüssli hat ihre Zeichnerinnenkarriere mit Bilderbüchern begonnen, hat bunte Traumwelten gemalt und surreal anmutende Geschichten erzählt. Als Textildesignerin gestaltet sie bis heute auch grossformatige Stoffe, einige von ihnen sind in Basel ebenfalls zu sehen.

Mit den Jahren hat sich Nüssli, so lässt sich in der Ausstellung nachverfolgen, vermehrt schwereren Themen zugewandt. Wobei sie auch da ihren verspielten, sehr warmherzigen Zugang nicht aufgegeben hat: Im Umgang mit dem leisen, unvermeidbaren Verschwinden der Mutter sind es die vielen komischen Gespräche im Heim, die die Lektüre trotz allem auch vergnüglich machen. Und «Starkes Ding» ist nicht einfach nur bedrückend, sondern lässt den Vater manchmal gar heiter erscheinen, jedenfalls als stolzen Menschen.

Die Ausstellung «Im Taumel» im Cartoonmuseum Basel läuft noch bis am 29. Mai 2022.

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