«Die Experten» : Vibrierende Vielschichtigkeit

Nr.  16 –

Merle Kröger schreibt dokumentarische Krimis, die zugleich spannend und politisch brisant sind. Eine Begegnung mit der Berliner Schriftstellerin.

Sie will nicht die Welt erklären: Merle Krögers Interesse gilt eher den Zwischenbereichen. Foto: Maria Sturm

Bei einem Thriller denkt man nicht unbedingt an tiefgründige Literatur. In das Genre fallen handlungsgetragene Spannungsromane, in denen die ProtagonistInnen physischer oder psychischer Gewalt ausgesetzt sind. Doch bei der Berliner Schriftstellerin Merle Kröger ist fast immer alles anders. Dabei hat der Stoff ihres neuen, auf minutiös recherchierten Fakten beruhenden Romans «Die Experten» alles von einem klassischen Agententhriller: Der Ingenieur Friedrich Hellberg, im Zweiten Weltkrieg am NS-Rüstungsprogramm beteiligt, geht 1961 nach Kairo, um für die ägyptische Regierung ebenfalls an einem Rüstungsprogramm zu arbeiten.

Vom Film zur Literatur

Präsident Abdel Nasser verfolgt ein revolutionäres Projekt: Er will sein Land aus der postkolonialen Abhängigkeit befreien, setzt auf eine unabhängige technische Entwicklung und lässt in diesem Zusammenhang eine eigene Rüstungsindustrie aufbauen, die Ägypten in die Lage versetzen soll, das Nachbarland anzugreifen – Israel. Die Aussicht wiederum, ihre antisemitischen Vernichtungspläne in Nordafrika fortsetzen zu können, lockt viele deutsche Altnazis nach Ägypten; sie stellen ihr technisches Know-how bereitwillig einer doch eigentlich linken Regierung zur Verfügung und werden dafür bestens entlohnt.

Diese Geschichte, die sich tatsächlich so ereignet hat, rollt Merle Kröger jedoch anders auf, als es die Genreklischees erwarten liessen. Die 1967 geborene Autorin erzählt den Roman nämlich aus der Perspektive der minderjährigen Tochter Rita Hellberg – und so ist man die ersten 200 Seiten vor allem mit einer Familienkonstellation beschäftigt, die für Nachkriegsdeutschland charakteristisch war und auf die die 68er-Bewegung eine Reaktion darstellte: Der Vater Friedrich will sich nicht mit seiner Verantwortung auseinandersetzen und flüchtet sich in eine gefühlsarme, technisch-funktionale Pseudovernunft, die Mutter Ingrid wird von Depressionen und Zwangsstörungen geplagt, und die drei Kinder versuchen, sich aus dieser Beklemmung zu befreien, indem sie sich etwas Eigenes aufbauen.

Auf die Frage, ob es in Anbetracht dieser feinsinnigen Coming-of-Age-Geschichte am Vorabend von 1968 nicht Etikettenschwindel sei, das Buch als Thriller zu bezeichnen, antwortet Merle Kröger beim Treffen in einem Berliner Park abwägend: Für sie sei es ein Thriller, aber eben auch ein Antithriller – denn die Regeln des Genres seien ihr durchaus suspekt. «Dahinter steckt das doch sehr männliche Prinzip, die Welt erklären zu wollen. Mich hat hingegen eher die Unmöglichkeit interessiert, eine Wahrheit hinter der Wahrheit zu finden», sagt sie.

Die Künstlerin Kröger hat sich immer für derartige Zwischenbereiche interessiert. Ihr kreatives Schaffen begann in den frühen Neunzigern im «dogfilm»-Kollektiv, das Dokumentarfilme und Filmessays produzierte, sich als Teil des politischen Aktivismus begriff und in der damals noch wenig kommerzialisierten Ostberliner Clubszene bewegte. Zur Literatur wechselte sie erst, als sich dieses Kollektiv, das auch ein Lebenszusammenhang war, um die Jahrtausendwende auflöste. «Man kann sagen, dass ich mich vorher nicht getraut hatte zu schreiben. Aber dann habe ich die Romane als Möglichkeitsraum entdeckt. In einem Buch kann man die verschiedenen Ebenen viel schneller zusammenbringen», erzählt sie.

Nach dem Debütroman «Cut» von 2003, der die Auseinandersetzung mit dem Kino nicht nur im Titel trägt, gewann die Literatur in Krögers Leben immer stärker an Bedeutung. Zwei wichtige Romane – «Grenzfall» (2012) und «Havarie» (2015) – entstanden in Verbindung mit Dokumentarfilmen, an denen Kröger gemeinsam mit Philip Scheffner arbeitete. Mit «Grenzfall», der vom Tod zweier rumänischer WanderarbeiterInnen in Deutschland erzählt, gewann Kröger 2013 den deutschen Krimipreis. Ihr eigentlicher Durchbruch als Autorin war dann jedoch der Roman «Havarie», der 2015 auf Platz eins der KrimiZEIT-Bestenliste gewählt wurde. Das Buch kreist wie der gleichnamige Dokumentarfilm um die Begegnung von in Seenot geratenen Geflüchteten in einem Schlauchboot mit einem Kreuzfahrtschiff im Mittelmeer. «Wir haben für den Dokumentarfilm mit sehr vielen Leuten gesprochen. Dieses Material habe ich fiktionalisiert. Mich hat das sehr interessiert, weil die ganze Situation – Schlauchboot, Frachter, Kreuzfahrtschiff – ja wie ein Modell von Europa ist.» Auch mit «Havarie» bewegte sich Kröger weit ausserhalb der Genregrenzen: Das Buch war viel eher ein dokumentarischer Roman über globale Klassenverhältnisse und Migration als ein Krimi.

Die Perspektive der Tochter

In «Die Experten» hat Kröger nun noch einmal einen ganz anderen Weg beschritten. Mit dem Stoff geht sie zurück in eine Zeit einige Jahre vor ihrer eigenen Geburt. Auf die Geschichte sei sie über die Leiterin der Berlinale-Sektion «Forum Expanded», Stefanie Schulte Strathaus, gestossen, deren Grossvater als Ingenieur am Rüstungsprogramm der ägyptischen Regierung beteiligt war und die ab 2010 ihre Familiengeschichte in Kairo zu rekonstruieren begann. Nach einem Treffen mit Verwandten von Schulte Strathaus, erzählt Kröger, sei schliesslich die Idee entstanden, die Ereignisse aus der Perspektive der Tochter zu erzählen. Genau das erweist sich als Clou des Romans: Eine junge Frau kämpft in den frühen sechziger Jahren um Autonomie – sie sucht sich einen eigenen Job, distanziert sich von den Eltern, erobert sich eine selbstbestimmte Sexualität. Doch sie tut dies, indem sie ausgerechnet für das Raketenprogramm der deutschen Ingenieure arbeitet, an dem auch ihr Vater beteiligt ist.

Der Roman «Die Experten» vibriert unablässig dank solcher Ambivalenzen: Deutsche Altnazis und Spiesser unterstützen ein Land, das an der Spitze der antikolonialen Blockfreien-Bewegung steht. Frühe Achtundsechziger bewegen sich wie Ritas Bruder Kai (der aus Rebellion gegen den Vater in Deutschland geblieben ist) in der aufkommenden westdeutschen Subkultur und engagieren sich in einer Solidaritätsgruppe für Israel. Israelische Agenten geben sich in Ägypten als SS-Leute aus, um das Raketenprogramm zu stoppen, junge ÄgypterInnen kämpfen für Nasser, weil sie ihre Gesellschaft gleicher und freier machen wollen.

Das Material spricht selbst

Genau diese Gleichzeitigkeiten, erzählt Kröger, hätten sie am Stoff interessiert: Während sich deutsche Ingenieure aus dem NS-Raketenprogramm in Ägypten versammelten, lasen Jüngere bereits die Bücher von William Burroughs oder entwickelten ihre eigene Idee von Feminismus. Und schliesslich, sagt Kröger, habe sie auch beschäftigt, wie traumatisch die Lage für Menschen in Israel gewesen sein muss: «Fünfzehn Jahre nach Auschwitz tauchen deutsche Nazis in Ägypten auf, um an einem Rüstungsprogramm gegen Israel zu arbeiten.»

Dass diese Vielschichtigkeit von Kröger so grandios eingefangen wird, liegt auch daran, dass der Roman immer vielstimmiger wird und das Material selbst zu sprechen beginnt. Die Kapitel werden über Fotobeschreibungen aus dem Familienalbum eingeleitet, Kröger zitiert aus Berichten des Bundesnachrichtendienstes, aus Texten linker JournalistInnen, aus der Biografie eines israelischen Agenten sowie aus Briefen und Kurzgeschichten, die Angehörige von Schulte Strathaus hinterlassen haben.

«Zwischendrin hat es sich fast ein wenig angefühlt wie eine Doktorarbeit», sagt Kröger und klingt ein wenig verlegen: «Eigentlich hatte ich gedacht, ich würde immer knappere Bücher schreiben. Aber das Material hat mich dann woanders hingeführt.» Tatsächlich umfasst «Die Experten» inklusive Quellenverzeichnis fast 700 Seiten. Trotzdem ist der Roman Krögers bisher spannendstes Buch – eben im besten Sinne ein packender Antithriller.

Merle Kröger: Die Experten. Suhrkamp Verlag. Berlin 2021. 688 Seiten. 25 Franken