Nr. 46/2018 vom 15.11.2018

Du blinkst so schön, mein Schatz

Der psychedelische Doom-Rock von Lord Kesseli and The Drums kommt wie eine Trauermesse daher. Bleibt zu hoffen, dass wir etwas mehr Glück haben mit unserer Roboterliebe.

Von David Hunziker

Täuschend menschlich: The Drums (links) mit Lord Kesseli. Foto: Elias Raschle

Was für ein Ton! Er verbindet dich mit einem höheren Bewusstsein, beseitigt deine mentalen Blockaden und eröffnet dir einen Weg zu einem erfüllenden Leben – weil er mathematisch konsistent ist mit dem Universum. Nein, das ist nicht die Beschreibung einer esoterischen Klangtherapie, sondern der Beipackzettel zu «Melodies of Immortality», dem neuen Album der St. Galler Band Lord Kesseli and The Drums. Physikalisch entspricht jener Ton einer Schwingung von 432 Hertz. So nämlich stimmt die Band ihre Instrumente statt auf den in den meisten Ländern üblichen Kammertton A (440 Hertz). Ist das eine augenzwinkernde klangliche Dissidenz, oder geht es hier doch um Pop als Seelenbalsam?

Wenn man bei Youtube «432 Hertz» eingibt, öffnen sich gleich unzählige Türen zu kosmischen Klängen: ein Video mit einem «Wunderton für positive Vibrationen», eines mit «engelhaftem Ambient» für Harmonie, Frieden und Glück oder eines mit heilender Meditationsmusik, «um alle negative Energie loszulassen». Ob es also doch an der Stimmung der Instrumente liegt, dass man seine Seele auch in den ozeanischen Weiten des psychedelischen Doom-Rock von Lord Kesseli and The Drums angenehm treiben lassen kann?

Wenn es mit dem kosmischen Klang wirklich so einfach wäre, würde man früher oder später bei den Verschwörungstheorien landen, die das Internet ausspuckt, wenn es um den 440-Hertz-Standard geht, der 1939 in London beschlossen wurde. Und überhaupt: Bei Lord Kesseli and The Drums geht es zwar auch um Spiritualität, aber ganz anders – nicht um die Verbundenheit mit der kosmischen Harmonie, sondern um ihre Störung durch die menschengemachte Technik.

Lord Kesseli and The Drums setzen sich zusammen aus den umtriebigen St. Galler Musikern Dominik Kesseli und Michael Gallusser. Am erfolgreichsten sind die beiden als Teil der Band des Liedermachers Manuel Stahlberger. Musikalisch sind die dezent arrangierten Stahlberger-Songs mit ihren lakonischen schweizerdeutschen Texten ziemlich weit entfernt vom ausladendenden ScienceFiction-Rock von Lord Kesseli. Doch in ihren Texten spielen beide mit Verfremdungseffekten: Stahlberger beschreibt alltägliche Begebenheiten, bis sie ungemütlich und abgründig werden, Lord Kesseli vermenschlicht die künstliche Intelligenz, bis diese uns die Innerlichkeit streitig macht.

Priester mit Lidstrich

Schön zu hören ist das in «Robert My Robot», einer schleppenden Trauerballade. Lord Kesseli beklagt darin den Verlust seines Freundes – genau, das ist der Roboter – und bittet ihn zurückzukommen. Doch Robert ist losgezogen, um ihm «a perfect girl» zu finden – dabei hat der Lord seine grosse Liebe bereits gefunden: genau, den Roboter. «Ich liebe dein Blinken, wenn du high bist.» Nur konsequent ist da auch der Aufbau der Band: Lord Kesseli spielt ja nicht mit einem Menschen zusammen, einem Drummer, sondern einer Maschine: The Drums.

Doch halt, bis auf ein bisschen Elektronik aus dem Synthie oder die subtilen Effekte auf der Stimme verfügen die beiden über einen ordentlich organischen Bandsound. Lord Kesseli and The Drums klingen ja gerade nicht nach Maschinenmusik oder mechanischer Repetition, nach Computer oder Autotune. Ihre Konzerte kommen daher wie eine okkulte Messe, Kerzenlicht dringt durch den Nebel, und Lord Kesseli trägt schwarzen Lidstrich, eine weisse Priesterrobe und um den Hals ein Symbol oder einen grossen Bergkristall – Indierock im Black-Metal-Pelz.

So perfekt, so traurig

Doch wieso ist dieser Prediger aus der Zukunft so traurig? Im Video zu «Chemical Mother» spielt die Band auf einer Bühne, eingelullt von farbigen Lichtschwaden. Diese sehen nur so lange nach kosmischem Formenspiel aus, bis klar wird, dass die Reise hier in die andere Richtung geht: ins Innere von biologischen Strukturen, zu roten Blutkörperchen, Zellen und Atomen. Das Licht flackert, und ein Synthesizer zittert auf und ab durch einen Sequencer, bevor das schwerfällige Schlagzeug ein wiegendes Gitarrenriff vor sich herschiebt.

Es klingt dann wie eine Klage, als Lord Kesseli mit hallbelegter Stimme den Ursprung seiner Existenz besingt. Der Lord ist nicht wie seine Freunde, die aus Liebe gemacht sind, die aus ihren Fehlern und von verrückten Müttern lernen, Freunde mit genetischen Krankheiten und einem schwachen Geist. Er hat all das nicht, denn er wurde nicht gezeugt, sondern erschaffen, im Labor, von Mutter Chemie. So perfekt, so traurig.

Im Titelsong richtet sich Lord Kesseli an einen gewissen John und fragt diesen nach dem Geheimnis für das ewige Leben: War es ein Pakt mit dem Teufel oder doch das Blut von Arnold, einer hypermaskulinen Übermenschfigur von einem früheren Album der Band? Das klingt alles recht düster, und eine Antwort kriegen wir auch nicht. Doch soll man einem Schwerenöter glauben, nur weil er aus der Zukunft kommt? Bei aller Melancholie der Perfektion: Ohne gebrochenes Herz kommt auch die Roboterliebe nicht aus.

Konzerte: Luzern, Südpol, Donnerstag, 29. November 2018, 21 Uhr; St. Gallen, Palace, Freitag, 30. November 2018, 21.30 Uhr; Düdingen, Bad Bonn, Samstag, 1. Dezember 2018, 21.30 Uhr.

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