Nr. 46/2018 vom 15.11.2018

Die Stehende Musik

Ruedi Widmer über Faschismus, laufende Bilder und Jason Brot

Von Ruedi Widmer

Ich stehe am Bahnhofplatz in St. Gallen, es ist früher Abend, ich schaue die Menschen an, die vom Bus zum Zug hasten, es duftet nach Marroni. Die Szenerie hätte sich so schon 1978, 1998 oder 2008 abspielen können. Und jetzt und in dieser Welt soll die Zeit des Faschismus wieder beginnen? Ist das wirklich der Wille der Menschen? Meinen viele nicht eher, sie dürften bald selber mehr bestimmen, wenn sie mit Ja auf die orange «direkte Demokratie» antworten? Würden sie auch Ja stimmen, wenn «Faschismus» auf den Plakaten stünde? Denn diese gewünschte «Demokratie» auf den Plakaten ist nach Ansicht aller Sachverständigen keine Demokratie der Gewaltenteilung und der politischen Auseinandersetzung mehr, sondern eine «gelenkte» Demokratie, wie sie in Moskau und Budapest ausgeübt wird. Eine Vorstufe der faschistischen Machtausübung. Die mit dem vielen Geld sagen von oben, was das Volk gut finden muss, und dann fragen sie es, mit der vorgehaltenen Waffe der Alternativlosigkeit, im Idealfall in Sportpalästen.

Veränderungen passen eigentlich nie. Sie kommen wie die Wellen am Meeresufer. Bis wir sie erkennen, sind sie schon zu gross, um sie zu stoppen oder wenigstens zu hinterfragen.

An einer Ecke filmen sich junge Frauen mit ihren Handys; sie machen das ganz beiläufig, es filmt einfach, und es stellt in die Cloud. Ich stelle mir vor, dass alles, was ich sehe, permanent mitgeschnitten und ins Netz gespeist wird (Hornhautcam o. ä.), und wenn mir etwas erinnerungswürdig erscheint, dann wird es ganz einfach getaggt, und den Link an die richtige Stelle erhalte ich dann direkt auf meine vernetzten Geräte. Eigentlich so, wie es das Hirn auch macht.

Es gibt die Krankheit, bei der Menschen in ihrem Hirn alles abspeichern, unselektioniert. Im Normalfall wird das Überflüssige permanent neu überschrieben, nur das Wichtige wird im Hirn gespeichert. Die am HSAM-Syndrom (Highly Superior Autobiographical Memory) Erkrankten leiden an ihrem Informationsoverkill.

Im Prinzip ist das Foto, das stehende Bild ja etwas vollkommen Unnatürliches, und es wird uns bald so komisch vorkommen wie uns heute die Stehende Musik vorkommt. Bevor die Musik (wie später die Bilder) laufen lernte, musste sie zusammengepresst in einem unausgedehnten Ton verharren. Wir können uns das nicht oder nicht mehr vorstellen.

Natürlich kann man heute von Musik einen Schnappschuss machen, und würde dann einen einzelnen Klang ohne Ausdehnung hören. Dieser Klang erzählt aber, anders als ein Foto (und die Stehende Musik), überhaupt nichts vom Vorher oder vom Danach. Es fehlt uns die Vorstellungskraft, die wir beim Bild immer noch haben. Aber vielleicht verlernen wir dies, wenn das Bild oder besser gesagt der stehende Film aus der Welt verschwindet, weil die Bilder durch die technologische Weiterentwicklung (LED) überall bewegt werden.

Es gibt heute Musiker wie zum Beispiel Jason Brot, der sich mit der Stehenden Musik beschäftigt und auch daran arbeitet, Stehende Musik zu spielen und bald aufführen zu können.

Vor dem Urknall war die Zeit auch zusammengepresst und ohne Ausdehnung. Die stehende Zeit ist heute nur noch existent in der Langeweile des Kindes. Die laufende Zeit hat zur Folge, dass Ereignisse immer wieder hinter den Erinnerungshorizont fallen und sich so unablässig wiederholen. Das Ende eines Menschenlebens ist immer auch ein Verlust im Gedächtnis einer Gesellschaft. So wenig HSAM dem Einzelnen zu gönnen ist, so gut wäre ein seriös getaggtes HSAM für die Gesellschaft, um endlich den Faschismus vor der Tür zu erkennen.

Die Stehende Musik und Jason Brot sind Erfindungen von Ruedi Widmer Cartoons Ltd., um wenigstens ein bisschen Lustigkeit in diese Zeilen zu bringen.

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