Nr. 13/2021 vom 01.04.2021

«Schweigen ist keine Option mehr»

Am Anfang stand ein norwegischer Exfussballprofi – jetzt breitet sich die Bewegung für einen Boykott der Fussball-WM 2022 in Katar rasant aus. Doch bringt so ein Boykott überhaupt etwas? Und wie verhält sich die Schweizer Nati, deren Hauptsponsor in Katar Milliardeninteressen verfolgt?

Von Dinu GautierMail an AutorIn und Jan JirátMail an AutorIn

Lange Schichten bei 50 Grad und wenig Trinkwasser: ArbeitsmigrantInnen im Al-Janoub-Stadion in Al-Wakrah. Foto: Corinna Kern, Reuters

«Argentinien ist ein Land, in dem Ordnung herrscht. Ich habe keinen einzigen politischen Gefangenen gesehen.»
Berti Vogts, Captain der deutschen Nationalmannschaft, nach der Fussball-WM in der Militärdiktatur, 1978.

Tom Hoglis fussballerische Sternstunde kam, als der norwegische Aussenverteidiger im Sommer 2011 auf den portugiesischen Superstar Cristiano Ronaldo traf: CR7 sah neunzig Minuten lang kaum einen Ball – und war sichtlich genervt.

Hoglis aktivistische Sternstunde ist jetzt gekommen: Auf seine Initiative hin begann sich der Fussballklub Tromsö IL, bei dem Hogli inzwischen als Funktionär arbeitet, beim norwegischen Fussballverband für einen Boykott der WM in Katar einzusetzen. Am Telefon erzählt Hogli von seinen Projekten mit benachteiligten Jugendlichen im hohen Norden: «Wir bringen Kindern über den Fussball Dinge wie Fairplay oder Teamwork bei. Und dann wird das wichtigste Fussballturnier der Welt in Katar veranstaltet, einem Land, in dem die Arbeiter praktisch keine Rechte haben und zu Tausenden auf den Baustellen sterben …»

Weitere norwegische Profiklubs haben sich inzwischen der Forderung Tromsös angeschlossen; der norwegische Fussballverband entscheidet im Juni, ob er seine Mannschaft im Fall einer Qualifikation vom Turnier zurückziehen wird. Auch die Nationalspieler beschäftigt das Thema. Beim Qualifikationsauftakt in Gibraltar letzte Woche trugen die Spieler bis zum Anpfiff T-Shirts, die Menschenrechte einforderten – «auf und neben dem Platz». Tags darauf tat es ihnen die deutsche Nationalmannschaft gleich.

Und auch der Druck der Fans steigt: In Deutschland rufen im Bündnis #BoycottQatar2022 organisierte Fanklubs genauso wie der Verband Pro Fans zum Boykott auf – eine erstaunlich populäre Forderung: Laut einer repräsentativen «Spiegel»-Umfrage befürworten etwa zwei Drittel der Befragten in Deutschland einen Boykott. «Wir werden von Zustimmung und Unterstützung geradezu überrollt», sagt Bernd Beyer von #BoycottQatar2022. Nahezu täglich würden sie Protestideen und -pläne von Fangruppierungen erreichen. «Ich bin mir sicher, dass sich der Druck auf die Fussballverbände noch deutlich erhöhen wird.» Sig Zelt von Pro Fans erklärt sich die Popularität des Aufrufs folgendermassen: «Die Verletzung von Menschenrechten steht in Katar direkt mit unserem Sport und der Ausrichtung des Turniers in Zusammenhang. Das nimmt uns allen wirklich die Lust daran, unser Nationalteam dort spielen zu sehen.»

Die Diskussion hat auch in Dänemark und den Niederlanden Fahrt aufgenommen. Die niederländische Gärtnerei Hendriks Graszoden weigert sich, Katars Stadien mit Rasen zu beliefern, nachdem im Februar der «Guardian» die Zahl von 6500 Toten auf Katars Baustellen seit Vergabe der WM vor zehn Jahren genannt hatte. Zahlreiche Fans gelangten an den niederländischen Fussballverband, der mit einem ziemlich scharf formulierten Communiqué reagierte: Man werde das Turnier zwar nicht boykottieren, sei aber schon immer gegen eine Austragung in Katar gewesen und werde alles daransetzen, dass eine solche Turniervergabe nie mehr geschehen werde.

Schweizer Zurückhaltung

Der Weltfussballverband Fifa ist in der Schweiz zu Hause – und fühlt sich hier pudelwohl. Der Verband darf trotz Milliardenumsätzen als Verein auftreten und profitiert dadurch von Steuerprivilegien. Und wenn die Bundesanwaltschaft wegen Korruption ermittelt, wird Fifa-Präsident Gianni Infantino auch mal zu einem informellen Meeting ins Berner Hotel Schweizerhof geladen – das dem katarischen Staatsfonds gehört.

Die Boykottdebatte ist im Schweizer Fussball noch bei weitem nicht so fortgeschritten wie in den nordischen Ländern. Josef Zindel, Präsident von Fanarbeit Schweiz: «Zurzeit ist uns keine breit angelegte Organisation von Boykottbefürwortern in der Schweizer Fanszene bekannt.» Man werde das Thema aber mit den lokalen Fanarbeitsstellen diskutieren und dann den Schweizerischen Fussballverband (SFV) mit allfälligen Forderungen konfrontieren.

Dach des Al-Janoub-Stadions in Al-Wakrah, Katar. Foto: Ali Haider, Keystone

Auch bei den Fussballklubs hält man sich Optionen offen: YB-Sprecher Albert Staudenmann verweist zwar in erster Linie auf den SFV, «der die Schweizer Interessen im internationalen Fussball wahrnimmt»; die Young Boys würden sich aber vorbehalten, «zu gegebener Zeit auf Missstände hinzuweisen». Protestaktionen seien «im Moment» jedoch keine geplant.

Für den SFV nimmt auf Anfrage Präsident Dominique Blanc schriftlich Stellung: Die Nati habe das Thema vor dem Auftakt zur WM-Qualifikation diskutiert und beschlossen, keine Aktion auf dem Feld durchzuführen. «Die Spieler und der Staff tragen aber die Haltung des SFV vollständig mit und unterstützen den Verband dabei, unseren Einfluss zum Schutz der Menschenrechte geltend zu machen.» Der SFV setze nicht auf Boykott, sondern auf Dialog: Mit der Fifa und mit Amnesty International hätten bereits Gespräche stattgefunden. «Die Organisation der WM kann zu Verbesserungen beitragen, da ein Land dem Licht der ganzen Welt ausgesetzt ist», schreibt Blanc. Der SFV-Präsident verweist auch darauf, dass sich Amnesty International nicht für einen Boykott ausspreche.

Drohendes PR-Desaster

Dass Amnesty International nicht zum Boykott aufruft, stimmt. Die Menschenrechtsorganisation spricht sich aber auch nicht dagegen aus. Auf Nachfrage heisst es aus der Amnesty-Zentrale in London, es sei an den Teams und Verbänden, den einzelnen Spielern und Fans, zu entscheiden, ob sie teilnehmen wollten.

Lisa Salza von Amnesty International Schweiz erläutert: «Wir haben uns für den Dialog entschieden – wobei dieser natürlich nur im Wechselspiel mit öffentlichem Druck erfolgreich sein kann.» Es sei verständlich, dass manche Spieler und Fans sich nicht für die PR Katars einspannen lassen wollten und dieses Turnier boykottierten. «Gleichzeitig bietet so eine WM ein Zeitfenster, in dem Missstände, auf die wir schon seit Jahren hinweisen, eine ausserordentliche Aufmerksamkeit erhalten und konkrete Verbesserungen bewirkt werden können.» Katar habe sich wegen der internationalen Kritik gezwungen gesehen, ArbeitsmigrantInnen besser vor Ausbeutung zu schützen, wobei sich erst nach der WM zeigen werde, wie nachhaltig diese Reformen sind (vgl. «Gefangen in einem Kreislauf des Missbrauchs»).

Und sogar die Fifa habe in den letzten Jahren ein bisschen dazugelernt: «Es gab massiven Druck – von NGOs, aber auch durch WM-Sponsoren wie Coca-Cola oder Visa», sagt Salza. Der Verband könne Menschenrechtsfragen heute nicht mehr gänzlich ignorieren und habe sie für zukünftige WM-Vergaben zu einem Kriterium gemacht. «Noch vor zehn Jahren hat die Fifa jegliche Verantwortung für Menschenrechtsfragen weit von sich gewiesen», erinnert sich Salza.

«Amnesty International spielt hier im Rahmen einer Good-Cop-Bad-Cop-Strategie den Good Cop, der der katarischen Regierung und der Fifa einen Ausweg anbietet», sagt Volkswirtschaftsprofessor Sebastian Krautheim, der an der Universität Passau zu NGO-Kampagnen und deren Einfluss auf multinationale Konzerne forscht. Bei früheren Grossveranstaltungen im Sport sei es meist so gewesen, dass ein Turnier eher von Missständen im Austragungsland abgelenkt habe. «Das dürfte dieses Mal anders sein, weil die Vorwürfe schwer wiegen und untrennbar mit dem Event selbst verknüpft sind.»

Diese Ausgangslage biete NGOs starke Angriffspunkte: «Das Risiko eines PR-Desasters war selten so gross wie bei dieser WM», sagt Krautheim. Katars Regierung und die Fifa bräuchten Amnesty als Kronzeugin, um ein solches zu verhindern, was der NGO einen starken Hebel gebe, um Verbesserungen für die ArbeitsmigrantInnen zu erreichen. «Insofern ergänzen sich die Strategien: Je mehr Boykottaufrufe und Beinahe-Boykotte, desto einflussreicher wird Amnesty.» Käme es aber tatsächlich zu einem frühzeitigen breiten Boykott, würde das den Interessen der NGO eher schaden, meint Krautheim – weil damit auch der Hebel für konkrete Veränderungen wegfalle.

In Dänemark gab die Arbejdernes Landsbank jüngst bekannt, man werde zwar Sponsor des Nationalteams bleiben, wolle aber an der WM nicht in Erscheinung treten und auch keine VIP-Anlässe in Katar veranstalten. Casper Fischer Raavig, Initiator einer Boykottkampagne in Dänemark, hat bereits ein nächstes Ziel vor Augen: den Ausrüster Hummel. «Wir versuchen, ihn zu einer Reaktion zu bewegen, weil sich Hummel auch als ‹stolzer Sponsor der LGBTQ-Community› bezeichnet.» Angesichts der Verfolgung genau dieser Community in Katar sieht Fischer Raavig den Ausrüster in der Pflicht, die Zustände in Katar anzusprechen.

Der Fussballaktivist macht eine Mitverantwortung aber nicht nur bei den Verbänden und den Sponsoren aus – sondern auch bei den TV-Stationen, die das Turnier übertragen werden: «Denen werden wir als Nächstes Fragen stellen: Sind sie sich bewusst, dass das katarische Regime eine massive PR-Kampagne lancieren wird, sobald das Turnier startet? Und wie werden sie in der Berichterstattung damit umgehen?»

Die WOZ hat Sponsoren der Fussballnati um Stellungnahmen zu den Zuständen in Katar gebeten und sie gefragt, ob sie sich ähnliche Schritte wie jene der Arbejdernes Landsbank vorstellen könnten. Die Reaktionen fallen durchs Band sehr verhalten aus – und gleichen sich stark: Während etwa der Hauptsponsor Credit Suisse der Nati eine «erfolgreiche Qualifikation» wünscht, drückt ihr das Uhrenunternehmen Carl F. Bucherer «die Daumen». Die Swiss begrüsst den «Weg des Dialogs», den der SFV eingeschlagen habe, während Carl F. Bucherer bezüglich Katar selber «in ständigem Dialog» mit dem SFV stehe. Auch die Credit Suisse weist auf den «engen Austausch mit dem SFV hin», vermeidet es in ihrer Stellungnahme aber gänzlich, auch nur das Wort «Katar» zu benützen – von Menschenrechten ganz zu schweigen.

Credit Suisse und der Staatsfonds

Die Zurückhaltung der Grossbank erstaunt kaum: Die Credit Suisse sponsert neben der Fussballnati auch deren Spiele im Schweizer Fernsehen SRF – was aus journalistischer Perspektive fürs Fernsehen heikel werden könnte, sollte sich die Nati für die WM qualifizieren. Die Bank verfolgt nämlich in Katar handfeste Businessinteressen: Sie ist eng mit dem katarischen Staatsfonds verbandelt. Schon länger betreiben die beiden Akteure zusammen das Anlagevehikel Aventicum Capital Management, das im Vorfeld der Fussball-WM in Infrastrukturprojekte in Katar investiert, wie der «Tages-Anzeiger» berichtete.

Im Herbst gaben die beiden Akteure eine weitere «strategische Partnerschaft» bekannt. Künftig werde man über eine gemeinsame Plattform Firmenkredite in der Höhe von mehreren Milliarden US-Dollar vergeben. Der etwa 300 Milliarden US-Dollar schwere katarische Staatsfonds ist der grösste Aktionär der CS, hält direkt gut fünf Prozent der Aktien; zusammen mit indirekten Beteiligungen soll er sogar rund ein Fünftel der Grossbank kontrollieren.

Hoch in Norwegens Norden freut sich Tom Hogli derweil darüber, dass sich zurzeit so viele Menschen mit dem Thema beschäftigen. «Mein Ziel bleibt es, dass sich alle Klubs, die Verbände und letztlich auch die Sponsoren öffentlich zu den Vorkommnissen in Katar äussern und erklären müssen.» Schweigen oder Wegschauen dürfe künftig keine Option mehr sein: «Es steht nichts weniger als die Glaubwürdigkeit unseres Sports auf dem Spiel, die Zukunft des Fussballs», so der Exnationalspieler.

Schweizer Firmen in Katar

Beton nur mit Sorgfaltsprüfung

Katars Investitionen im Rahmen der WM 2022 sind gigantisch: Rund 200 Milliarden US-Dollar werden in Stadien, Häfen, Metrolinien oder Flughäfen gesteckt. Kein Wunder, wollen da auch Schweizer Firmen mitverdienen: Credit Suisse mischt im Finanzierungsbereich mit (vgl. Haupttext oben), Lafarge Holcim betreibt im Wüstenstaat zwei Zementwerke. ABB hat sich in den letzten Jahren mehrere Grossaufträge in der Strominfrastruktur gesichert. Sika wiederum ist seit 2012 im Land präsent, 2019 hat die Firma eine Fabrik zur Produktion von Betonzusatzmitteln eröffnet – explizit im Hinblick auf die WM-Investitionen.

Bei den Mitgliedern des Swiss Business Council Qatar finden sich überdies mehrere Schweizer Ingenieurs- und Architekturfirmen, die über Joint Ventures vertreten sind – oder auch die Eventfirma Habegger. Diese hat im Rahmen der Asian Games 2006 einen ersten «Mammutauftrag» Katars ergattert und durfte Dohas Skyline beleuchten. Inzwischen hat Habegger vor Ort eine Tochterfirma gegründet.

Florian Wettstein ist Professor für Wirtschaftsethik an der Hochschule St. Gallen (HSG). Zur Beurteilung der Mitverantwortung, die Schweizer Firmen vor Ort bezüglich der Missstände auf Katars Baustellen tragen, verweist er auf die Uno-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte, die Firmen selbst dann in die Pflicht nehmen, wenn sie zu einer Menschenrechtsverletzung zwar nicht direkt beitragen, aber mit ihr in Verbindung stehen. «Die Firmen müssen vor dem Markteintritt und auch danach Sorgfaltsprüfungen vornehmen. Sie müssen also laufend untersuchen, welchen Impact sie auf die Menschenrechtssituation haben.»

Im katarischen Bausektor, wo systematische Menschenrechtsverletzungen vorhersehbar seien, müssten die Firmen zwingend Massnahmen ergreifen und – wo möglich – Einfluss auf die Situation nehmen, so Wettstein. Das könne zum Beispiel bedeuten, dass man mit gewissen Kunden nicht zusammenarbeite oder dass man mit anderen Akteuren kooperiere, um Druck auf fehlbare Organisationen aufzubauen. «Die Firmen können heute nicht mehr einfach sagen, dass sie keine Verantwortung dafür hätten, was ausserhalb ihrer Werksmauern geschieht», sagt der Wirtschaftsethiker.

Dinu Gautier

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