Nr. 43/2013 vom 24.10.2013

Staunen mit Platon

Unrechtsregimes und Fussball-WMs.

Von Etrit Hasler

Ich bin ja wieder einmal ein bisschen erstaunt. Daran ist grundsätzlich nichts Falsches – oder wie sagte schon Platon: «Das Staunen ist die Einstellung eines Mannes, der die Weisheit wahrhaft liebt, ja es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.» Falls sie sich nun fragen, was ein Platon-Zitat in einem Text über Sport zu suchen hat, gebe ich offen zu: Ich habe keine Ahnung, ausser vielleicht, dass es Ausdruck einer ähnlich männerdominierten Weltsicht ist (das Staunen scheint ja den Männern vorbehalten), wie sie insbesondere im Sport noch vorherrscht. Und in mittelalterlichen Monarchien und anderen Diktaturen.

Womit wir denn auch beim Grund meines Staunens sind. Natürlich bot die Fussball-WM 2022 in Katar von Anfang an Diskussionsstoff – von Korruption und gekauften Stimmen war (wieder einmal) die Rede. So trat der Sohn des Uefa-Präsidenten Michel Platini nur wenige Wochen nach der Vergabe einen Posten bei Qatar Sports Investments an, Teil derselben Qatar Investment Authority, der übrigens auch sechs Prozent der Credit Suisse gehören, die ihrerseits wieder Hauptsponsor der Schweizer Fussballnationalmannschaft ist. Aber ich schweife ab.

Zu den Vorwürfen gesellten sich massive organisatorische Schwierigkeiten: Aufgrund des heissen Klimas denkt die Fifa laut darüber nach, das Turnier im Winter statt im Sommer durchzuführen – eine noch nie da gewesene Umstellung, welche die Terminkalender des Weltfussballs völlig über den Haufen werfen würde. Mein erstes Staunen darüber, dass man bei der Fifa erst Monate nach der Vergabe gemerkt haben soll, dass es in Katar etwas heiss werden könnte mitten im Sommer, hat sich schnell gelegt. Das ist wohl in einer ähnlichen Kategorie anzusiedeln wie die Tatsache, dass es Fifa-Präsident Sepp Blatter jahrelang entging, dass sein guter persönlicher Freund Charles Taylor, Expräsident von Liberia, ein Kriegsverbrecher ist.

Wirklich zum Staunen brachte mich erst die Nachricht letzte Woche, dass Katar die WM tatsächlich noch aberkannt werden könnte – zumindest, wenn ihrem Fussballverband Korruption nachgewiesen werden könnte. Das wäre dann doch ein Novum. Und Gründe dafür gäbe es ohnehin zur Genüge: Katar ist eine fundamentalistische Monarchie, die wahhabitische ExtremistInnen weltweit finanziell unterstützt. Die Presse- und die Meinungsfreiheit im Land tendieren gegen null, und Homosexualität ist verboten. Nicht zuletzt werden die ganzen Gastarbeiter, die die geplante Science-Fiction-Lagune mit ihren Fussballstadien aus dem Boden stampfen sollen, in sklavenartigen Zuständen gehalten. Da bietet es sich eigentlich an, dass die Fifa ihr ramponiertes Image ein bisschen aufbessert, indem sie dem kleinen Unrechtsstaat die Meisterschaft entzieht.

Doch davor wird sich die Fifa wohl hüten. Denn 2018 wird die Weltmeisterschaft ebenfalls an einem Ort stattfinden, der durchaus als (de facto) fundamentalistische Monarchie durchgehen kann, in dem die Presse- und die Meinungsfreiheit ebenfalls gegen null tendieren und Homosexuelle verfolgt werden. Sie erinnern sich? Die Fussball-WM 2018 wird in Russland stattfinden. Nun gut, wenigstens kann man «Rainbow-Hitler» (ich danke Hazel Brugger, der Schweizer Meisterin im Poetry Slam, für den Begriff) Wladimir Putin nicht vorwerfen, er unterstütze wahhabitische ExtremistInnen. Stattdessen tut er alles dafür, die Arktis zu zerstören.

Aber dagegen zu protestieren, wie Greenpeace im St.-Jakob-Stadion oder vor dem Opernhaus Zürich, scheint ja moralisch noch verwerflicher zu sein als die Aktivitäten des verbrecherischen russischen Staatskonzerns Gazprom. Und ruft Reaktionen hervor wie die des Klassikorganisators Patrick Neuenschwander gegenüber «Newsnet»: «In solchen Fällen sollte man (also die Polizei) ohne langes Federlesen aufräumen.» Da komme ich dann aus dem Staunen wirklich nicht mehr heraus.

Etrit Hasler geht jetzt mal und 
philosophiert ein bisschen, damit er 
nicht auf die Idee kommt, den 
Fifa-Hauptsitz oder das Opernhaus 
anzuzünden.

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