Nr. 47/2018 vom 22.11.2018

«Was tun gegen die Gefühle, mit denen Menschen sich ihre ‹Selbstbestimmung› zimmern?»

Das Versprechen auf «Selbstbestimmung» ist ein Gift, das über die Abstimmung hinaus wirkt: Der politische Diskurs verkommt zu einem Schaulaufen von Behauptungen, das die Sache verfehlt und die Materie zuspitzt.

Von Silvia Henke

Wer nicht zuhört, muss vor die Tür! So sähe es in der «Arena» aus, wenn dieselben Diskussionsregeln wie in der Schule gelten würden. Foto: Ennio Leanza, Keystone

Ob ihre Partei da nicht wieder einmal zu viel Wind um nichts mache, so wird Magdalena Martullo-Blocher in der «Arena» von Moderator Jonas Projer gefragt. Erst schüttelt sie den Kopf, dann trumpft sie auf. Es gehe gar nicht um Verträge, es gehe um den Willen des Volkes, um die direkte Demokratie und damit um das Recht, «ein für alle Mal» selber zu bestimmen. Das wiederholen sie und ihr Parteikollege Hans-Ueli Vogt mehrmals in dieser Sendung. Warum verfängt das bei so vielen? Weil der Begriff «Selbstbestimmung» Gefühle suggeriert, die weit über das Politische hinausgehen.

Selbstbestimmung verheisst zunächst Freiheit, Autonomie, Stärke und Stolz. Alles um das «Selbst» herum evoziert starke Gefühle – Selbstbestimmung und Selbstermächtigung sind die Krönung der «Selbstkompetenzen», wie sie von Primar- bis Hochschule als wichtige Erziehungsziele geführt werden. Das Gegenteil sind Prozesse, die mit «Ver-» beginnen: Verträge, Verhandlungen, Vertrauen, Verlässlichkeit, Vernehmlassungen, Veränderung, Verletzlichkeit – mithin alles, was zur sozialen und politischen Realität gehört.

Ich selbst, ich zuerst, ich allein

Dass es in der Politik längst mehr um Gefühle als um politische Argumente geht,  haben schon einige wissenschaftliche Studien und Politbarometer erkannt. Wer von einem starken «Selbst» ausgeht, befindet sich deshalb nicht nur in einem anderen politischen Narrativ, er spricht immer ganz direkt von einem Gefühl und aus einem Gefühl heraus, das impliziert: ich selbst, ich zuerst, ich allein, allenfalls wir selbst – aber nur, solange man dieses Wir kennt. Schon das Bundesgericht, insofern es auch internationalem Recht verpflichtet ist, gehört also zu den anderen, den Fremden.

Indem man nun auf solche Selbstbehauptung pocht, verweist man ja darauf, dass dieses Selbst fragwürdig ist, dass es eigentlich ein neues, ultimatives Selbst braucht, das noch dringlicher ist als der «Volkswille». Schliesslich werden die wirtschaftlichen Verstrickungen, die Quelle «unseres» wohlhabenden Selbst, immer komplexer. Deswegen sagen die VertreterInnen der SVP in der «Arena» auch immer wieder: Es gehe nicht nur um Freihandel. Andrea Huber, Vertreterin der Zivilbewegung «Schutzfaktor M» sagt, es gehe um den grundsätzlichen Schutz von Menschen. Hans-Ueli Vogt spricht, wenn er von Menschen spricht, von ausländischen Kriminellen. Ein solches Gespräch profitiert also einzig vom Widerspruch. Weil Gefühle das logische Denken ersetzen und jeder Widerspruch diese Gefühle nur noch verstärkt, stellt sich die Frage, wie miteinander sprechen, immer dringlicher. Im Alltag wie in der Politik. Was tun mit den Gefühlen oder gegen die Gefühle, mit denen Menschen sich ihre «Selbstbestimmung» zimmern?

Sie können nicht zuhören

In besagter «Arena» musste der Moderator wiederholt anmahnen, dass die GesprächsteilnehmerInnen rechts von ihm weder  auf Fragen antworteten noch sich auf die Voten der anderen bezogen und immer vom Thema abwichen. In der Schule oder Familie würde man sagen: Sie können nicht zuhören.  Bei SVP-PolitikerInnen, die Öffentlichkeit  gewohnt sind, ist diese Unfähigkeit natürlich auch Strategie. Erst ihre Weigerung und ihre Unfähigkeit, zuzuhören, erlaubt es nämlich, eine Autonomie zu verteidigen,  die niemand hat, weder in einem Gespräch noch in der Politik. Es ist eine Unfähigkeit mit Folgen. Denn sie negiert den tiefen Zusammenhang von Antwort und Verantwortung. Damit verkommt die Kultur des Gesprächs zu einem Schaulaufen der Behauptungen, das die Sache verfehlt und die Materie zuspitzt. Wer nicht antworten kann, will sich nicht verändern, oder, um es mit einem Begriff von Jean-Luc Nancy zu sagen: Er will sich nicht «ver-andern». Wie liesse sich im Alltag, aber auch in den Medien eine neue Zuhörfähigkeit erzeugen?

Zur Frage, wie man Andersdenkende erreichen kann, hat die US-Soziologin Arlie  Russell Hochschild mit «Fremd in ihrem Land» (2017) eine viel beachtete Studie vorgelegt. Für ihre «Reise ins Herz der amerikanischen Rechten» hat sie ihnen zugehört, ihren Sorgen und ihrem Traum von Selbstbestimmung. So hat ihr Buch zwar gezeigt, was es heisst, «Empathiemauern» zu republikanischen WählerInnen zu überschreiten, die eigentlich an kognitiver Dissonanz leiden und gegen ihre Interessen stimmen. Das Mantra «Wir schaffen das selbst» hat ihnen jede Möglichkeit genommen, sich am richtigen Ort zu wehren. Hochschild hat aber nicht gezeigt, ob auch ihre neuen rechten «FreundInnen» ihr zugehört haben – ob es überhaupt einen Dialog zwischen ihr, der Linksintellektuellen aus Berkeley, und den «Rechten» gab. Dabei wäre genau dies das Politische an ihrem Projekt und die Voraussetzung für den täglich beschworenen Dialog als Mittel politischer Bildung.

Denken, was noch nicht feststeht

Zuhörfähigkeit ist mittlerweile aber eine schwindende Begabung, nicht nur in Talkshows und auf Podien. Sie gehört zu jenem Schulstoff, der sich nicht downloaden oder auswendig lernen lässt. Zuhörfähigkeit ist auch kein theoretisches Konzept, sie gehört zu einer Gesprächspraxis, die sich etwa mit den Dialogen von Bertolt Brechts epischem Theater lernen lässt. Keiner hat wie Brecht gezeigt, dass sich Meinungen und Haltungen erst formen, wenn sie durch den anderen auf ihre Substanz hin geprüft, umgedreht und dabei verändert werden. Meisterhaft dazu der Dialog von Galileo Galilei mit seinem Schüler Andrea Sarti, in dem der Konflikt zwischen wissenschaftlicher, geistlicher und politischer Wahrheit so lange auslegt wird, bis jeder nachvollziehen kann, was der  andere meint – ohne die Fakten aufzugeben und ohne einen Helden zu küren: «Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.»

Man sollte den Dialog nach brechtscher Manier als Mittel politischer Bildung keineswegs aufgeben. Er impliziert Veränderung, ist dynamisch und produziert Erkenntnisse nicht primär durch eigene Gefühle, sondern, im Gegenteil, durch Selbstdistanz. «Veränderung» heisst bei Brecht, Konflikte produktiv und Widersprüche sichtbar zu machen. Auch die eigenen. Nicht nur Schulen und Kommunikationsseminare, auch öffentliche Diskussionen sollten versuchen, Gesprächsbeziehungen zu stiften, in denen etwas gedacht werden kann, was noch nicht feststeht, zum Beispiel, wie unser «Selbst» auch in Zukunft auf den anderen angewiesen ist.

Das Gegenteil davon ist der Slapstick, wo der Genuss daher kommt, dass man aneinander vorbeiredet. Dass in der «Arena» besonders dort gelacht wird, wo nichts mehr stimmt, bezeugt das eigentliche Desinteresse am anderen, das sich durch Lachen befreit. Und alle bleiben sie «selbst».

Silvia Henke ist Kulturwissenschaftlerin und Professorin für Kulturtheorie an der Hochschule Luzern.

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