Nr. 49/2018 vom 06.12.2018

Feuchtkühle «Totenfinger»

Von Karin Hoffsten

Am merkwürdigsten an einem meiner Lieblingskäse scheint mir, dass ich ihn schon viele Jahre nicht mehr gegessen habe: Den Harzer Roller, auch als Handkäse bekannt, erhält man nämlich fast nur im nördlichen Ausland. Der aus Magerquark hergestellte Sauermilchkäse stammt aus Hessen, kam aber auch in meiner saarländischen Heimat auf den Tisch. Als Kind liebte ich ihn, als ständig in Diäten verstrickter Teenager schätzte ich auch seine Fett- und Kalorienarmut, die ich allerdings gern mit dicker Butter neutralisierte.

Den Käse gibt es als Rolle aus kleinen, mit Kümmel gewürzten Laiben, doch ich erinnere mich auch an lange dünne Würstchen, die meine Mutter «Totenfinger» nannte und gern mit einer Anekdote servierte: Besagte Finger hätten sie im Schullager in Gummihandschuhe gesteckt und die feuchtkühle «Hand» dann einer Mitschülerin ins Bett gelegt, wo sie im Dunkeln bei Entdeckung markerschütterndes Geschrei auslöste.

In Mainz lernte ich auch den typisch hessischen «Handkäs mit Musik» kennen, wobei die «Musik» mit kurzem «u» und «i» ausgesprochen wird. Sie ist eine Marinade aus Essig, Öl, Kümmel und Zwiebeln, in die der Harzer eingelegt wird.

In Zürich habe ich den Harzer Roller trotz teutonischer Zuwanderung noch nicht gesehen. Ein Youtube-Video zeigt zwar, wie man ihn selbst herstellen kann, aber so was liegt mir nicht. Jedoch bekommt man ihn dort, wo es alles gibt: bei Amazon. Da warte ich wohl lieber auf meine nächste Reise.

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