Nr. 49/2018 vom 06.12.2018

Der grosse Durst

In «Die Klarheit» schreibt die US-Autorin Leslie Jamison gegen männliche Trinkermythen an – und verfällt beinahe einer platten Läuterungsgeschichte.

Von Silvia Süess

Warum waren die legendären alten Trinker allesamt Männer? So fragt Leslie Jamison in ihrem neuen Buch. Foto: Franck Ferville, VU, Laif

Als kleines Mädchen wollte Leslie Jamison von ihrem Vater wissen, warum Menschen Alkohol trinken. «An jenem Tag sagte mein Vater mir, dass Alkohol zu trinken nicht falsch sei, aber gefährlich. Nicht für alle Menschen, aber gefährlich für uns.» Wie er das meinte, erfuhr die heutige Bestsellerautorin ein paar Jahre später: Bei ihrem ersten Schwips mit dreizehn Jahren hätte sie am liebsten der ganzen Welt zugerufen: «Warum hat mir denn nie jemand gesagt, dass sich das so gut anfühlt!» Mit fünfzehn begann sie heimlich zu trinken; während ihres Creative-Writing-Studiums in Iowa City wurde der Alkohol Teil ihres Alltags, über Jahre trank sie sich regelmässig in die Bewusstlosigkeit. Gleichzeitig promovierte sie in Yale und schrieb einen Roman. Heute ist sie trocken, lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in New York und unterrichtet an der Columbia University.

Diese Geschichte erzählt sie in ihrem soeben auf Deutsch erschienenen Buch «Die Klarheit. Alkohol, Rausch und die Geschichten der Genesung». Es handelt von ihrem nie endenden Durst und davon, wie sie alles ihrer Trinksucht unterordnete. Davon, dass bereits ihr Grossvater, ihr Vater und ihre Tante diesen Durst verspürt hatten. Und davon, wie sie versuchte, mit dem Trinken aufzuhören, aber besessen war vom Gedanken daran und geplagt von der Angst, ohne Alkohol nichts mehr zu reden zu haben. Doch das über 600-seitige Buch geht weit über die biografische Erzählung hinaus, denn Jamison interessiert sich dafür, wie wir überhaupt Geschichten von Sucht und Genesung erzählen und wie diese wiederum die Gesellschaft beeinflussen.

So zieht sich zwar ihre Biografie – chronologisch und sehr nüchtern und schonungslos erzählt – als roter Faden durch das Buch. Doch Jamison ergänzt diese mit Exkursen in die Literatur, die Wissenschaft und die Geschichte der US-Drogenpolitik, deren Gesetzgebung massgeblich von den Narrativen über Abhängigkeit beeinflusst wurde. Das Buch liest sich wie eine Fortsetzung ihres Bestsellers «Die Empathie-Tests. Über Einfühlung und das Leiden anderer», nach dem Jamison international gefeiert und mit Susan Sontag und Joan Didion verglichen wurde. Denn wie die zwei Essayistinnen geht sie jeweils von eigenen Erfahrungen aus und stellt diese in den Kontext universeller Fragen.

Saufende Genies

Warum waren die legendären alten Trinker allesamt Männer? Das fragt sich Jamison zu Beginn ihres Buches und stellt fest, dass sie, wenn sie zu ihrer Zeit als Alkoholikerin an Sucht dachte, nicht Billie Holiday vor sich sah, sondern «diese weissen Schreiberlinge und ihre episch dimensionierten Probleme»: Raymond Carver, John Cheever, John Berryman oder Denis Johnson. Allesamt Schriftsteller, die auch in Iowa lebten und soffen und auch darüber schrieben. Diese Schriftsteller und ihre Werke haben den Mythos des (männlichen) Genies geprägt, das dank Alkohol noch genialer wird.

Jamison, die im Schatten dieser Autoren durch Iowa City torkelt, sucht nach Bildern von weiblichen Trinkerinnen in der Literatur und stellt bald schon fest: «Trinkerinnen werden nur selten ähnlich einzelgängerisch und verschlagen gezeichnet wie ihre männlichen Kollegen.» Die wiederkehrende trinkende Heldin in den Romanen der Autorin Jean Rhys, die selber Alkoholikerin war, klammert sich an andere und erniedrigt sich ständig. Und Margerite Duras, auch sie eine notorische Trinkerin, schrieb: «Eine trinkende Frau, das ist, wie wenn ein Tier, ein Kind tränke.» Wie Jamison diese Werke seziert, analysiert und dabei den Mythos des männlichen Trunkenheitsgenies demontiert, ist erhellend, erschütternd und vergnüglich zugleich.

Schreiben ohne Rausch

Wenn der Rausch hilft, geniale Geschichten zu erzählen, was hat man dann noch zu erzählen, wenn man nüchtern ist? Diese Frage treibt Jamison in der zweiten Hälfte des Buches um, die vom Versuch handelt, vom Alkohol loszukommen. «Die Nüchternheit nahm allmählich genau die von mir befürchtete Leere an. Jeden Tag wachte ich auf und hatte nichts, worauf ich mich freuen konnte (…). Worüber sollte ich schon reden?» Jamison wird Mitglied der Anonymen Alkoholiker und geht regelmässig an deren Treffen. Hat sie beim ersten Treffen noch Angst, dass ihre Geschichte zu wenig spektakulär sein könnte, merkt sie bald, dass es gerade nicht darum geht, einzigartig zu sein. Denn nüchtern geworden stellt sie fest, dass ihr zwanghafter Drang nach Einzigartigkeit von eben jenen männlichen Erzählungen rund um den Mythos des trinkenden Dichtergenies genährt wurde.

Jamison versucht, diesem Narrativ etwas entgegenzuhalten, indem sie fünfzehn unterschiedliche und doch ähnlich klingende, unspektakuläre Sucht- und Genesungsgeschichten von Menschen erzählt, die sie bei den Anonymen Alkoholikern kennengelernt hat. Sie habe mit diesen Lebensgeschichten aufzeigen – nicht bloss erzählen – wollen, dass Abhängigkeit nicht einem bestimmten Weg folge, sagte Jamison in einem Interview mit dem «Guardian»: «Manche werden sauber. Manche nie. Und manche werden sauber und begehen Suizid.» Indem sie ihre Geschichte in einen Reigen von anderen einreiht, will Jamison also zeigen, dass sie nur eine von vielen ist. Doch leider liest sich dieser Teil auch so, als ob sie – wie von ihr befürchtet – ihrer eigenen Geschichte in der Nüchternheit nicht mehr vertrauen würde. Ärgerlich ist schliesslich, wie viel Raum die Organisation der Anonymen Alkoholiker und deren spirituell fundiertes Genesungsprogramm in der zweiten Hälfte des Buches bekommen. Hier hätte man sich von der Autorin, die noch heute unregelmässig zu diesen Treffen geht, mehr kritische Distanz gewünscht.

Der englische Originaltitel lautet übrigens «Recovery», also «Genesung», was dem Buch gerechter wird als «Klarheit». Zwar hat die Autorin es aus völliger Klarheit heraus geschrieben, doch im Zentrum steht der Weg dorthin. Es geht nicht um einen fertigen Zustand, sondern um einen Prozess, der nie ganz abgeschlossen ist. Sie habe nicht ein simples Vorher und Nachher kreieren wollen, betont Jamison in jenem Interview, wohlwissend, dass die meisten Genesungsnarrative von zwei Zuständen handeln: von einem schlimmen, falschen, und einem geläuterten, richtigen. Leider unterschlägt Jamison in ihrem Buch, dass die amerikanische Geschichte und Kultur geradezu wimmelt von öffentlichen Geständnissen und die US-Gesellschaft nach Geschichten von Süchtigen, die Busse getan und ihre Sucht aus eigener Kraft besiegt haben, lechzt. Auch Jamisons Buch schrammt nur haarscharf an einer solchen Läuterungsgeschichte vorbei.

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