Nr. 49/2018 vom 06.12.2018

Depression und leere Handyakkus

Von Rahel Locher

Plötzlich hält die junge Frau der Person neben mir das Mikrofon vors Gesicht: «Und was macht dich truurig?» Schrecksekunden. Auch bei mir. Im Stück des Jungen Theaters Basel wird der «Sadspace» erkundet, die Traurigkeit – und Gefühle im Allgemeinen –, in einem schnellen Wechsel zwischen monologischen Erzählungen, kollektiver Performance, Tanz und Gesang. Und unter Einbezug des Publikums.

Dieser Sadspace sieht zunächst aus wie eine Disco: Künstlicher Nebel wabert beleuchtet von bläulichem Scheinwerferlicht durch den Raum, lauter Electro dringt aus den Boxen. In der Mitte auf einer sich drehenden Scheibe eine junge Frau im Skelettkostüm, deren sphärischer Gesang an Popsongs und Meditations-CDs erinnert. «Let’s perform sadness» ist das Motto dieses Abends, an dem die Musik nur selten schweigt und Atmosphäre und Körperausdruck der acht jungen SchauspielerInnen wichtiger sind als biografisches Material. Wobei auch Persönliches Platz erhält: Ein Darsteller geht sämtliche Handykontakte durch, um zum Schluss zu kommen, dass er niemanden anrufen kann, wenn er Hilfe braucht. Eine Schauspielerin erzählt von den Weinkrämpfen ihres Vaters, während der Rest der Familie beim Abendessen sitzt. Eine andere lässt immer wieder mitten im Klavierspiel ihren Kopf auf die Tastatur fallen und starrt mit leerem Blick ins Publikum.

Dieses sitzt auf im Quadrat angeordneten Bänken rund um die Drehscheibe in der Mitte. Die SchauspielerInnen agieren mal von der Bühne, mal mitten aus dem Publikum, was die Grenzen weiter verwischt. Im Frage-und-Antwort-Spiel geht es um leere Handyakkus und die Welt als solche, um tote Tiere und das Verlassenwerden. Von diesen Interaktionen hätte es durchaus mehr geben können, um die ZuschauerInnen noch stärker in eine eigene Auseinandersetzung mit oft tabuisierten Gefühlen zu bringen.

Mein Sitznachbar übrigens hauchte nach einigen Augenblicken des Schweigens doch noch etwas ins Mikrofon: «Ungerechtigkeit.»

«Sadspace» in: Basel Junges Theater Basel, bis 2. Februar 2019. www.jungestheaterbasel.ch

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