Nr. 49/2018 vom 06.12.2018

Widerstand in Cord

Stefan Gärtner hält die allerorten angestrebte ewige Jugend für ein Unglück

Von Stefan Gärtner

Am Wochenende war ich mit Jugendfreunden in K., einer kleinen Grossstadt auf der halben Strecke zwischen Hannover und da, wo ich aufgewachsen bin und die Freunde noch wohnen. Wir machen das einmal im Jahr, mieten ein Appartement, trinken Bier, gehen auf den Weihnachtsmarkt, trinken noch mehr Bier, und dann gehen wir in ein Tanzlokal, wo aber jedenfalls ich nicht tanze, sondern eine wunderbar melancholische Stunde damit verbringe, deutlich jüngeren Leuten beim Jungsein zuzusehen und erleichtert zu sein, dass es mich nichts mehr angehen muss, dass es natürlich immer diese Person gibt, in die ich mich vor 25 Jahren auf der Stelle verliebt hätte, und zwar rundum unglücklich, weil ich damals derselbe Zuschauer war wie heute. Nach einer Stunde, wenn es lauter wird und voll, lässt sich dann nicht mehr davon absehen, dass ich erwachsen bin, und wir brechen auf, bevors falsch wird, und zu Hause google ich dieses Lied, das ich damals gemocht hätte und das mich bei Youtube aber schon nicht mehr interessiert.

Ein Kollege hat einmal freundlich moniert, ich solle nicht immer mit dem Alter kokettieren, aber ich muss das berichtigen: Ich kokettiere mit dem Erwachsensein. Ich bin, alles in allem, gern erwachsen und glaube überdies, dass ein massgebliches Unglück auf der Welt die allerorten angestrebte und praktizierte ewige Jugend ist. (Wenn wir zu fünft ausgehen, bin ich der Einzige ohne Turnschuhe.) «Geschichtslosigkeit», mosern gute Linke da, aber ich will nicht ausschliessen, dass ich mich bloss für meine beklagenswert ereignislose Jugend revanchiere, die nicht glauben soll, es ginge nicht auch ohne sie.

Weil ich der Kritischen Theorie ein wenig Übersicht verdanke, liegt mir auch der Verdacht zu nahe, dass im falschen Alter das Falsche tragen nicht nur dazu führt, wie ein Fussballtrainer zu wirken, sondern auch keinen Abstand zu jenem Zwangsverhältnis wahrt, das es offiziell auch darum nicht gibt, weil alle immer so ungezwungen tun und aussehen, jedenfalls glauben sie das.

Die ETH glaubt es neuerdings ebenfalls. Die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich, die man gern für den Inbegriff des Erwachsenen halten konnte – «Ich studiere an der ETH» klingt nun mal nicht nach Drogensex, Kommunismus oder was immer sonst man in jungen Jahren im Kopf haben soll –, hat nämlich jetzt ein Rapvideo ins Netz gestellt, das sinngemäss (und aus dem Amerikanischen übersetzt) so geht: «An der ETH, da ist es super / studierst du woanders, bist du ein Puper! / Hier kriegen alle dauernd Nobelpreise / gegen uns ist es selbst in Harvard scheisse / mit’m Abschluss von hier fressen sie dir aus der Hand / Pharma, Google, Biotech, auf ins Geldverdienland!»

Das Video hat 160 000 Franken gekostet und ist vielen sehr peinlich («Ich denke, mein ETH-Master hat gerade an Wert verloren»), wird von der Universität aber für nützlich gehalten, um international auf die ETH aufmerksam zu machen. Derart neue Wege will der Leiter der Hochschulkommunikation laut «Blick» auch in Zukunft gehen, «nächstes Mal hoffentlich mit mehr Likes».

Die Sorge, man könne nicht genug Likes einfahren, ist freilich eine pubertäre, denn Erwachsensein wäre der Zustand, dass man seinen Ort gefunden hätte. In der übergeschnappten Konkurrenz- und PR-Gesellschaft gibt es diesen Ort nicht mehr, denn wir sollen lebenslang lernen, uns lebenslang neu aufstellen und eine der renommiertesten Hochschulen auf Erden nicht für ihr Renommee, sondern für ihren coolen Auftritt schätzen.

Yale, eine andere renommierteste Hochschule, macht derlei übrigens auch, und wenn ich mit meinem Schrottdiplom, aber in Cordhose, Mantel und Brogues dagegen alt aussehe, möchte ich finden, es sei aus Widerstand.

Stefan Gärtner (BRD) war Redaktor bei der «Titanic» und ist heute Schriftsteller und «linksradikaler Satiriker» («Die Zeit»). An dieser Stelle nimmt er jede zweite Woche das Geschehen in der Schweiz unter die Lupe.

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