Nr. 50/2018 vom 13.12.2018

Das Ende der Welt am Monatsende

Wer die Proteste der Gilets jaunes ernst nimmt, untergräbt damit nicht zwingend den Klimaschutz. Stattdessen zeigt der Aufruhr in Frankreich einmal mehr, dass die ökologische Frage immer auch eine soziale ist.

Von Bettina Dyttrich

Wer schon einmal versucht hat, in der französischen Provinz mit öffentlichen Verkehrsmitteln vorwärtszukommen, versteht die Gilets jaunes besser. Es ist zum Verzweifeln: Da fährt frühmorgens ein Bus in die nächste Provinzstadt, abends einer zurück. Das wars. Am Wochenende ist schon gar nichts zu wollen. Die Gleise des einst hervorragend ausgebauten Schienennetzes rosten vor sich hin; auf manchen fahren im Sommer noch Dampfzüge für TouristInnen. Man kommt zwar von jeder grösseren Stadt mit dem TGV schnell nach Paris, aber das Nachbartal bleibt unerreichbar. Um zur Arbeit zu fahren, einzukaufen, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, braucht man ein Auto: In der Schweiz mit ihrem hervorragend ausgebauten ÖV ist das eine Behauptung rechter PolitikerInnen. In Frankreich stimmt es leider.

Am Samstag demonstrierten sie beide in Paris: die Klimabewegung und die Gilets jaunes. Zwei Bewegungen, die auf den ersten Blick wenig gemeinsam haben – herrscht doch in der Klimabewegung Konsens, dass fossile Treibstoffe nicht nur teurer werden, sondern in den nächsten Jahrzehnten ganz verschwinden müssen. Mehdi Ouraoui von der neuen Linkspartei «Génération.s» fand schon Ende November in der «Libération» ein treffendes Bild: Hier stehen jene, die das Ende der Welt fürchten, jenen gegenüber, die vor dem Ende des Monats Angst haben. Sein Text ist ein Aufruf an die ökologische Linke, die Gilets jaunes ernst zu nehmen. Es gab viele solche Beiträge in den letzten Wochen. Das Bündnis der Klimademo vom Samstag rief die Gelbwesten zur Teilnahme auf: «Soziale Gerechtigkeit und Klima – gleicher Kampf!»

Ein eingängiger, vielleicht aber auch zu einfacher Slogan – er blendet aus, dass fast alle in Europa, auch die Benachteiligten, auf Kosten von noch Ärmeren und Ökosystemen anderer Kontinente leben. Trotzdem: Wenn die Klimabewegung eine Chance haben soll, braucht sie genau solche Bündnisse. Eine ökologische Transformation aller Lebensbereiche ist dringend nötig, aber sie darf nicht auf Kosten jener gehen, die in unökologischen Strukturen gefangen sind, für die sie nichts können. Wer wenig Geld hat, muss oft weiter pendeln, weil die Wohnungen in der Innenstadt zu teuer sind, lebt statt in einem Ökohaus in einem schlecht isolierten Altbau mit Ölheizung und ist auf Billiglebensmittel angewiesen. Angeprangert gehören jene, die an dieser Ungerechtigkeit verdienen. Die ökologische Transformation betrifft alle, aber sie muss beim Luxuskonsum der Reichen beginnen, bei ihren Offroadern und Flugreisen. Auch höhere Benzinpreise sind nötig, aber sie können als Lenkungsabgabe, die an die Haushalte rückverteilt wird, gerecht gestaltet werden.

Es gibt in Frankreich die Bewegung der «microfermes»: winzige Biohöfe, die dank geringer Kosten und Direktvermarktung oft gar nicht schlecht verdienen. Sie sind nur ein Beispiel, auch in vielen anderen Branchen könnte eine ökologische Transformation sinnvolle Arbeitsplätze schaffen. Aber dazu müssten Regierung und Parlament den Mut haben, sich mit den Wirtschaftslobbys anzulegen, die vom heutigen Zustand profitieren.

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