Nr. 50/2018 vom 13.12.2018

Mit den Frühnazis im Bett

Von Jens Renner

Zum 100. Geburtstag der Novemberrevolution erscheint ein 1969 geschriebenes Buch in neuer Auflage: Sebastian Haffners Standardwerk «Die deutsche Revolution 1918/19». Der Autor (1907–1999), der 1938 nach England emigrierte, macht schon im Vorwort klar, dass er parteiliche Geschichtsschreibung betreibt: «Die deutsche Revolution von 1918 war eine sozialdemokratische Revolution, die von den sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde: ein Vorgang, der in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen hat.» Sprachlich brillant und teilweise polemisch erzählt Haffner die Geschichte einer hoffnungsvollen, dann aber «verratenen und verleugneten» Revolution. Der Verrat begann nur einen Tag nachdem Kaiser Wilhelm II., einer der Hauptschuldigen am Weltkriegsgemetzel, nach Holland geflohen und das Deutsche Reich zur Republik geworden war: Am Abend des 10. November vereinbarten General Wilhelm Groener und der neue Reichskanzler Friedrich Ebert (SPD) telefonisch, im Kampf gegen die Linke gemeinsame Sache zu machen. Es folgten, so der General, Absprachen «täglich abends auf einer geheimen Leitung zwischen der Reichskanzlei und der Heeresleitung über die notwendigen Massnahmen».

Dass Haffner sich immer wieder an Ebert abarbeitet, dem «Prototyp des deutschen Handwerksmeisters», ist vielleicht die einzige Schwäche des Buches. Seine Stärke besteht in der Widerlegung immer noch verbreiteter Geschichtslügen, etwa über den «Spartakusaufstand», der in Wahrheit eine spontane Revolte war. Während in vielen Darstellungen die deutsche Revolution mit der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg und der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 endet, schildert Haffner auch den darauf folgenden blutigen Bürgerkrieg. Vor allem aber geht es ihm um die fatalen Langzeitfolgen des «Ebert-Groener-Pakts». Das Bündnis der Sozialdemokratie mit «avantgardistischen Frühnazis» habe die nazistische Barbarei erst möglich gemacht. Ein glänzend geschriebenes Buch, das auch nach fünfzig Jahren noch fasziniert.

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