Nr. 02/2019 vom 10.01.2019

Narziss und die von ihm verführte Stadt

Der Genfer Regierungsrat Pierre Maudet galt als politisches Wunderkind – bis er über seine Luxusreise nach Abu Dhabi stolperte. In Genf herrscht seither der grosse Kater nach dem Rausch. Nächste Woche verhandelt die kantonale FDP sein politisches Schicksal.

Von Sarah Schmalz, Genf

Immer mit Blick auf die öffentliche Inszenierung: Pierre Maudet im April 2018 auf dem Genfer Flughafen. Foto: Nicolas Righetti, Lundi13

Über eines ist man sich in Genf einig: Pierre Maudet weiss sich zu inszenieren. Schon als Jugendlicher, als er mit dem Fahrrad vor der Migros herumhing, um mit den Leuten über Politik zu reden. Und erst recht 2017, als er mit nur 39 Jahren Bundesratskandidat wurde. Die Medien übertrafen sich mit euphorischen Artikeln über den visionären, unkonventionellen Macher. Vor allem aber präsentierte sich der Genfer Regierungsrat als ein Politiker mitten aus der Bevölkerung, der weder Berührungsängste noch Allüren kennt.

Inzwischen ist Maudet tief gefallen. Im Mai letzten Jahres wurden in Westschweizer Medien erste Details über seinen Luxustrip nach Abu Dhabi bekannt, den ihm der Kronprinz der Vereinigten Arabischen Emirate gesponsert hatte. Seither kommen immer neue Skandale ans Licht, doch der FDP-Politiker klammert sich verbissen an seinem Amt fest. Für seine Partei ist er längst vom Zugpferd zur Hypothek geworden.

Doch zum Treffen in einem Café nahe des Flohmarkts auf dem Plainpalais erscheint Maudet strahlend. Er hat seinen Sohn dabei, sagt, sie seien wie meist sonntags etwas über den Markt geschlendert. «Der Plainpalais ist ein guter Ort, um den Puls der Bevölkerung zu fühlen», sagt Maudet. Und gerade heute habe er wieder einmal festgestellt, dass seine Beliebtheit nach wie vor gross sei. Wie zum Beweis ruft ihm im Vorbeigehen die Kellnerin zu, sein Kaffee sei übrigens bezahlt, von der Dame am Fenster. «Voilà», sagt Maudet. Und man staunt darüber, wie sympathisch er tatsächlich wirkt – und fast gelassen. Wäre da nicht ein nahezu unmerkliches Zittern seiner Hand, das verrät, wie gross der Druck ist.

Genf kannte wohl nie einen beliebteren Politiker als Pierre Maudet, der als 15-Jähriger das Genfer Jugendparlament gründete. Mit 21 wurde er ins Stadtparlament gewählt, mit 29 in die Stadt-, fünf Jahre später in die Kantonsregierung. Nur Maudet schaffte die letzte Wiederwahl im November 2013 bereits im ersten Wahlgang. Die kantonale Partei hielt sich im Gegensatz zur nationalen in der Causa Maudet lange zurück. Als Ende November auch der Vorstand der Kantonalpartei seinen Rücktritt forderte, tat er dies notgedrungen. Zu viele Skandale waren ans Licht gekommen, zu viele Lügen enttarnt worden.

Gibt es Gegengeschäfte?

Die Genfer Staatsanwaltschaft hat wegen der Abu-Dhabi-Reise ein Verfahren wegen Vorteilsnahme eröffnet. Doch das ist längst nicht mehr Maudets einziges Problem. Publik wurde zudem, dass er sich zu seinem 40. Geburtstag eine Party für mehrere Tausend Franken bezahlen liess. Spendiert hat sie Antoine Daher – derselbe Immobilienhändler, der Maudets Reise nach Abu Dhabi organisiert hatte. Daher arbeitet für den Genfer Immobilienmogul Magid Khoury, einen Milliardär, der ebenfalls zu Maudets engstem Umfeld gehört und mehrmals Geld für dessen Wahlkampagnen springen liess. Auch hinter der «Escobar», wo Maudets Geburtstag gefeiert wurde, standen die selben libanesischen Freunde*. Weil die Bar trotz unvollständiger Unterlagen innerhalb von sieben Tagen eine Bewilligung erhielt, droht Maudet und seinen Mitstreitern ein Verfahren wegen Amtsmissbrauch. Über all diesen Geschichten aus den zwielichtigen Ritzen der geldgetränkten Stadt schwebt die Frage: Gab es Gegengeschäfte? Anders gefragt: Welche Interessen leiteten die Genfer Immobilienfreunde? Und was erhoffte sich Kronprinz Scheich Muhammad Bin Zayed al-Nahyan von der Einladung des Genfer Regierungsrats?

Da war etwa die Konzessionsvergabe für die Bodenabfertigung am Flughafen, die nur drei Monate nach der Abu-Dhabi-Reise an die Firma Dnata ging, die vom Königshaus der Vereinigten Arabischen Emirate kontrolliert wird. Und da sind die Baupläne von Maudets Freund Khoury, der gemäss Recherchen der «Rundschau» beim Flughafen Land mit einer Renditeaussicht von hundert Millionen Franken erworben hat. Der Genfer Regierungsrat hat einem ersten Schritt zur Umzonung der Landwirtschaftszone bereits zugestimmt – Maudet hat sich der Stimme nicht enthalten. Eine Einflussnahme in beiden Fällen streitet er ab, die Medien haben keine Beweise, dass es sie gegeben hat. Die Untersuchung der Justiz dauert an, für Maudet gilt die Unschuldsvermutung.

Doch Maudet hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wahrheiten oder das, was er dafür verkauft, hat er seit den ersten Enthüllungen nur häppchenweise preisgegeben: immer erst, wenn die Lüge nicht mehr aufrechtzuerhalten war. Erst wollte er seine Reise nach Abu Dhabi selbst bezahlt haben, dann sollte es ein libanesischer Geschäftsmann gewesen sein. Wenig Vertrauen weckt zudem die ebenfalls publik gewordene mögliche Steuerhinterziehung, die der Genfer Rechnungshof derzeit prüft: Mehrfach hat Maudet den Beitrag, den er als Regierungsrat seiner Partei jährlich spenden muss, aus dem Topf eines Unterstützungskomitees bezahlt, seine Spende aber gleichwohl von den Steuern abgezogen.

Maudet sieht sich bis heute in erster Linie als Opfer, vor allem der Medien. Die Reise sei ein Fehler gewesen, die Lüge danach sowieso. «Ich habe meine Schwächen, aber es ging mir immer um das Gemeinwohl», sagt er. Auch die Einladung nach Abu Dhabi habe er nur im Interesse des Wirtschaftsstandorts Genf angenommen. «Es ging mir nie darum, mich selbst zu bereichern. Aber mit dem Erfolg habe ich etwas die Bodenhaftung verloren. Ich war im Kampfmodus, hatte das Gefühl, meine Projekte gegen alle Widerstände durchsetzen zu müssen.» Was nun alles auf ihn einprassle, entbehre aber jeder Verhältnismässigkeit. «Fake News» nennt Maudet die Recherchen der Medien seit dem Publikwerden der Abu-Dhabi-Reise. «Ein Riesentheater. Die Leute werden bald die Nase voll haben. Ich hoffe, dass wir die Geschichten im neuen Jahr auf die Seite legen können und die Justiz in Ruhe ihre Arbeit machen kann.»

Druck auf die Presse

Raphaël Leroy war der erste Journalist in Genf, der zur Abu-Dhabi-Affäre recherchierte. Bereits im Februar 2016 hatte ihm eine Quelle Informationen zugespielt. Leroy, der damals für «Le Matin Dimanche» arbeitete, wusste schon damals mehr, als die «Tribune de Genève» zwei Jahre später publik machte. Er hatte die Daten der Flugreise, des Hotels, er wusste, dass Maudet mit seiner Familie und seinem Kabinettschef gereist war. Und auch von seinem Treffen mit einem Mitglied der Königsfamilie am Formel-1-Grand-Prix von Abu Dhabi. Heute sagt Leroy: «Ich bin froh, dass ich nicht mehr alleine bin, das war das Schwierigste in dieser Phase.» Alle in diesem Genfer Mikrokosmos aus Medien und Politik seien voller Enthusiasmus für den jungen Politiker gewesen. «Man sprach von ihm wie von einem Wunderkind.» Ständig dieses «un homme incroyable!». Maudet, der in Genf gleichzeitig Sans-Papiers legalisierte und eine knallharte Sicherheitspolitik betrieb, habe einen neuen Politikertypus repräsentiert. «Maudet strahlte Wagemut aus, einen Revolutionsgeist. Er hat Politik betrieben, wie man sie aus Frankreich kennt, mit mehr Personenkult, ganz im Stil eines Macron. Davon haben sich die Medien blenden lassen.»

Mit wem man in Genf in diesen Tagen auch spricht: Die meisten zeichnen einen Politiker, der seine Ziele um jeden Preis erreichen wollte. Einen Machtmenschen mit narzisstischen Zügen. Jemanden, der die Leute um sich herum manipuliert und für seine Zwecke instrumentalisiert. Ein Parteikollege sagt: «Maudet hat keinerlei Unrechtsbewusstsein, er will auch jetzt einfach sich selbst retten. Seine Partei oder die Institutionen sind ihm dabei egal.» Gegenüber der Partei habe Maudet in den letzten Monaten immer wieder gelogen.

Leroy, der mittlerweile für das Genfer Radio Lac arbeitet, sagt: «Maudet ist ein Chamäleon.» Er checke jeweils ab, was sein Gegenüber wisse, «und wenn du nichts weisst, weicht er dir aus». Leroys Recherche über die Abu-Dhabi-Reise ist nie erschienen. Laut «Matin Dimanche»-Chefredaktorin Ariane Dayer, weil es nicht genügend Beweise gegeben habe. «Es hätte nicht unseren Standards entsprochen, die Geschichte zu bringen», sagt sie. Hat Maudet interveniert? Leroy kann es sich durchaus vorstellen. Die Chefredaktion habe einen guten Draht zu Maudet gehabt. «Er war der Kommunikationskönig, pflegte wichtige Leute aus der Presse zu privaten Feiern einzuladen, diese Nähe wollte man wohl nicht gefährden.» Fakt ist: Nach seinen Recherchen zur Abu-Dhabi-Reise berichteten bei «Le Matin Dimanche» andere über Maudets Bundesratswahlkampf, obwohl Leroy bei der Zeitung als Genf-Korrespondent angestellt war. Man habe ihn nie mehr mit einem Artikel über Maudet beauftragt, sagt Leroy.

Auch die RTS-Radiojournalistin Laetitia Guinand, die immer wieder mit harten Recherchen zu Maudets Geschäften auffiel, ist im November verstummt. Krankgeschrieben. Weil derzeit über ihren Wiedereinsteig verhandelt wird, spricht sie nicht über den Disput mit ihrer Chefredaktion. RTS-Radiochefredaktor Laurent Caspary hat gegenüber der Presse jedoch eingeräumt, dass Maudet und sein Umfeld immer wieder bei der Chefredaktion interveniert hätten. Im Juni schickte Eric Benjamin, ein Maudet nahestehender PR-Berater und Mitglied des RTS-Regionalkomitees, gar ein E-Mail an den RTS-Direktor Pascal Crittin, in dem er sich über die Journalistin beklagte. Man habe jedoch nie einen Beitrag von der RTS-Website genommen, sagt Caspary.

«Genève, c’est lui»

Maudet sei längst nicht der einzige Politiker, der Druckversuche unternehme, doch bei ihm habe das eine ganz andere Qualität gehabt, sagt Guinand: «Als Regionaljournalistin bist du es gewohnt, mit Politikern zu streiten, aber Maudet hat immer gleich oben interveniert. Ein kritischer Artikel, und die Chefredaktion erhielt ein fünf-, sechsseitiges E-Mail.» Maudets Verhalten sagt viel über sein Selbstverständnis aus: «Genève, c’est lui», hört man in Genf oft. Maudet habe das Gefühl, zum Regieren berufen zu sein. Entsprechend nehme er mediale Kritik nicht als demokratische Kontrollfunktion wahr, sondern als Störfaktor bei der Umsetzung seiner Reformpläne.

Maudet inszeniert sich gerne als der grosse, undogmatische Reformer. Tatsächlich hat er in Genf Reformen bei der Polizei oder den Taxis durchgebracht. Diese allerdings seien längst nicht so positiv wie behauptet, sagt Jean Batou. Der Kantonsparlamentarier der Linkspartei Ensemble à Gauche kritisiert besonders die grosse Polizeireform. Maudet habe die Polizei militarisiert, sagt er. Die neue Organisationsform funktioniere schlecht. Auch halte Maudet als Radikaler zwar den Staat hoch, in der Realität jedoch setze er Privatisierungen um. «Und nun besteht der Verdacht, dass er sich bei der Auftragsvergabe von seinem Umfeld begünstigen lässt.»

Maudets Unterstützungskomitee

Renaud Gautier ist ein Typ, wie man ihn sich nicht besser ausdenken könnte: Mit dem gegerbten Gesicht und dem gewölbten Bauch unter seiner Lederjacke erinnert er genauso an vergangene Zeiten wie der Kir Royal auf der Tafel des altehrwürdigen Restaurants, in das er geladen hat. Gautier gehört zu jenem Teil der FDP-Basis, die ihrem Regierungsrat die Stange hält. Rund 250 Personen haben Maudet mit einer öffentlichen Onlinepetition die Unterstützung zugesichert, andere haben sie anonym unterzeichnet. Sie haben erreicht, dass sich die Kantonalpartei nächsten Dienstag zu einer ausserordentlichen Generalversammlung trifft, um Maudet zuzuhören. Wer jetzt noch zu Maudet hält, tut es bedingungslos. Ganz so, als wäre die Alternative zu schmerzhaft: diese Entzauberung eines Idols, das so viel Projektionsfläche bot. Für Gautier, der vierzehn Jahre lang im Kantonsparlament sass, sind deshalb alle anderen an der Affäre schuld: zuallererst die Polizei, die sich für die Reform von Maudet rächen wolle und deshalb den Medien Sachen stecke; und dann die Presseleute, die offenbar nichts von der Unschuldsvermutung hielten. Maudet sei immer der Klassenbeste gewesen, sagt Gautier. Auch deshalb werde er jetzt so stark angegriffen.

Die Reise nach Abu Dhabi: Für Gautier keine grosse Sache – eine Dummheit, das natürlich. «Er hatte die Füsse nicht genug auf dem Boden, war zu arrogant. Aber Shit happens.» Solle doch der Politiker den ersten Stein werfen, der sich in dieser Stadt der tausend Funktionäre nicht schon zu einer Einladung habe verleiten lassen. «Du triffst als Genfer Politiker den Papst oder John Kerry, das kann einem schnell einmal zu Kopf steigen.»

Die Angst vor Kleinlichkeit schwingt auch immer mit, wenn man den verbliebenen Maudet-AnhängerInnen zuhört. Philippe Serrano und Nicolas Aubert, zwei FDP-Gemeindepolitiker, die an vorderster Front für Maudet kämpfen, sagen es so: Eine Lüge stehe hier einem riesigen Einsatz für Genf gegenüber. «In andern Ländern wäre das noch nicht einmal ein Skandal», scherzt Serrano. Maudet sei ein wahrer Staatsdiener, finden beide. Er stehe jeden Tag um vier auf, alles, was er tue, mache er für die Politik. «Da darf ihm doch auch mal ein Fehler passieren.»

Aubert hat das Unterstützungskomitee für Maudet mitgegründet. Er hofft, dass an der GV die Stimmung der Basis zugunsten von Maudet kippt. Das ist seit dieser Woche noch unwahrscheinlicher: Am Dienstag sind weitere Vorwürfe publik geworden. Maudet soll auch von einer grossen Genfer Hotelkette begünstigt worden sein. Doch Maudet richtet sich an der Unterstützung auf. Er habe noch viel vor als Regierungsrat, sagt er zum Abschied. Gerade sei die Digitalisierung des Arbeitsmarkts ein grosses Thema. Sagts und stürmt nach draussen an die Winterluft.

* Korrigendum vom 16. Januar 2019: In der Printversion sowie in der alten Onlineversion fehlt die Angabe, dass es sich um «die selben libanesischen» Freunde handelt.

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