Nr. 02/2019 vom 10.01.2019

Relotius oder die Frage nach der Realität

Die Fälschungen des «Spiegel»-Reporters Claas Relotius bieten dem Journalismus eine Chance: Er könnte sich endlich seinem unterkomplexen Realitätsbegriff stellen.

Von Kaspar Surber

Als wären sie auf einsamer Antarktisexpedition: ReporterInnen sehen sich gerne in der alten Rolle der Entdeckerin oder des Abenteurers. Foto: Robert Bösch, Corbis/Getty

Einzelfall oder Extrembeispiel? An dieser Frage scheiden sich die KommentatorInnen, seitdem kurz vor Weihnachten bekannt wurde, dass «Spiegel»-Redaktor Claas Relotius zahlreiche seiner Texte gefälscht hat. Als Einzelfall eines Hochstaplers bewertete das deutsche Nachrichtenmagazin selbst die Fälschungen, als es sie publik machte. Auf mehr als zwanzig Seiten breitete es aus, wie Relotius, der als höflicher junger Redaktor beschrieben wird, alle hinters Licht geführt hatte: die KollegInnen und die Vorgesetzten und vor allem die legendäre hauseigene Dokumentationsabteilung, die doch immer alle Fakten bis ins letzte Detail überprüft.

«Sagen, was ist», der Grundsatz von «Spiegel»-Gründer Rudolf Augstein, prangte in grossen Lettern auf der Titelseite. «Rette sich, wer kann» hätte auch gepasst, denn bekanntlich bringt sich mit der Feststellung des Einzelfalls in Deckung, wer selbst der Mitverantwortung bezichtigt werden kann.

«Kurz vor dem Ende seiner Karriere kommen sich Glanz und Elend im Leben des Claas Relotius einmal ganz nahe»: Mit diesem Satz beginnt der designierte «Spiegel»-Chefredaktor Ulrich Fichtner den Beitrag zur Enttarnung seines Redaktors. Dass er im gleichen schicksalsdräuenden Ton verfasst ist wie die Reportagen von Relotius, hat wiederum jene KritikerInnen bestärkt, die nicht an einen Einzelfall glauben mögen, sondern in den Fälschungen einen Extremfall sehen: eines Storytellings, das in einer schwer durchschaubaren Gegenwart auf möglichst runde, personalisierte Geschichten abzielt. «Journalismus, der nur nach der grossen Erzählung sucht, wird blind für eine komplexe und widersprüchliche Wirklichkeit», meinte etwa Elsa Koester, Redaktorin beim «Freitag».

Sehnsucht nach Storys

Solch grosse «Geschichten» hat auch Relotius «aufgeschrieben», wie es im Branchenjargon heisst: über den Bub in Daraa, der mit einem Graffito den Syrienkrieg ausgelöst haben soll, oder über die US-Kleinstadt Fergus Falls, in der die Leute angeblich bewaffnet rumlaufen und für Donald Trump beten. Relotius’ Reportagen werden nun vorschnell als Groschenromane abgetan, doch liest man sie, staunt man vielmehr, wie raffiniert sie konstruiert sind: Der Reporter fälschte nicht eigentlich «Geschichten», vielmehr verfälschte er sie.

Die tiefreligiöse Frau etwa, die als Zeugin an Hinrichtungen fährt, um damit die Vollstreckung der Todesstrafe erst möglich zu machen, hat er erfunden. Weil sie angeblich nicht will, dass ihr Name in der Zeitung steht, gibt Relotius der erfundenen Frau im Text gleich noch einen erfundenen Namen: Gayle Gladdis. Mit dieser doppelten Täuschung erschwert er nicht nur die Überprüfbarkeit der Person, sondern erhöht gleich noch die Glaubwürdigkeit der Reportage. Die Hinrichtung des Serienmörders Anthony Shore, zu der Gladdis angeblich fährt, hat am 18. Januar letzten Jahres tatsächlich in Texas stattgefunden, und so kann Relotius auch deren Uhrzeit festhalten. Diese lässt sich überprüfen, was wiederum die Faktizität des Beitrags steigert.

Die zahlreichen Journalistenpreise für Relotius’ Arbeiten zeigen, dass die Form seiner Texte durchaus erwünscht war, ja dass sie regelrecht gefördert wird: Das Storytelling hat in den letzten Jahren einen eigentlichen Siegeszug erlebt, wird an Journalismusschulen gelehrt und an Weiterbildungsanlässen diskutiert. Da werden dann auch einmal Szenen filmisch beschrieben, obwohl die Autorin, der Autor nicht dabei war, Nebenfiguren weggelassen, weil sie bloss stören, und Abläufe nach Spannungsbögen geglättet, auch wenn sie eigentlich von Brüchen durchsetzt sind. Claas Relotius hat diese Methode letztlich ad absurdum geführt: Er hat die nie da gewesene Perspektive wie die der Betschwester Gladdis in letzter Konsequenz einfach erfunden.

Neben der Sehnsucht nach einer persönlichen, häufig versöhnlichen Geschichte im Weltdurcheinander kann man die Beliebtheit des Storytellings wohl auch strukturell begründen. Die JournalistInnen arbeiten in der Medienfinanzierungskrise unter immer prekäreren Bedingungen, können diese aber kaum selbst beeinflussen: So flüchtet sich der Mittelständler, der der Journalist als kritischer Vermittler der Macht häufig ist, halt wieder einmal ins Handwerk.

Als Reaktion auf die Fälschungen von Relotius wird nun vielfach mehr Nüchternheit gefordert, wobei die meisten KommentatorInnen gleich auch ihr jeweiliges Patentrezept feilbieten, vom Lokaljournalismus bis zur Investigativrecherche. Viel eher aber sollte der Fall von Relotius, der an der Grenze von Wahrheit und Fiktion spielt, diese Grenze selbst zum Thema machen: Wie kann die Wirklichkeit überhaupt beschrieben werden? Der Fall bietet dem Journalismus die Chance für einen Reality-Check.

Drinnen statt draussen

«Sagen, was ist»: Schon Augsteins Diktum lässt sich so lesen, als ob sich die Wirklichkeit eins zu eins abbilden liesse. Bis heute ist diese Vorstellung im Journalismus weit verbreitet. So hat auch das neugegründete Onlinemagazin «Republik» in seinem Manifest erklärt: «Guter Journalismus schickt Expeditionsteams in die Wirklichkeit.» Nun weiss jeder Journalist, jede Journalistin, dass die strengste Realität sowieso die Schreibarbeit im eigenen Büro ist.

In der Werbeformel der «Republik» beginnt die Wirklichkeit, die es auf einer Expedition zu erschliessen gilt, aber erst draussen vor der Tür. Was hier aufscheint, ist eine postkoloniale Vorstellung der ReporterInnen als Entdeckerinnen und Eroberer, letztlich die alte Sehnsucht des weissen Mannes, «far away from home» Gold zu finden.

Wen wunderts übrigens, dass Claas Relotius gerne im unwegsamen Gelände im Ausland unterwegs war, auch wenn man KorrespondentInnen vor Ort hätte um Rat fragen können? Letztlich zeigt sich in seinen Reportagen eine Erste-Welt-Sicht.

Einer Realitätsdiskussion sollte sich nicht nur die Reportage stellen, sondern auch ihr vermeintliches Gegenstück, die Recherche. Abgesehen davon, dass hoffentlich jede Reportage recherchiert und jede Recherche verständlich geschrieben ist: Auch der Geste der investigativen Enthüllung liegt eine unterkomplexe Vorstellung der Realität zugrunde.

Demnach ist alles nur Schein, Glanz oder Nebel, erst mit dem brisanten Dokument tritt die tiefere Wahrheit hervor. Als ob die meisten Informationen nicht offen einsehbar wären, etwa in den amtlichen Protokollen der Parlamente. Doch lieber wird – wie in den Panama Papers – ein Steuerskandal in Szene gesetzt als die Steuergesetzgebung an sich thematisiert.

Nein, es gibt keine Wirklichkeit nur da «draussen» und auch nicht bloss eine Wahrheit «dahinter». Was auch immer die Journalistin, der Journalist erzählt, ermittelt oder entdeckt: Vor allem gestaltet er oder sie mit jedem Wort, mit jedem Satz, mit jeder Schlagzeile die Wirklichkeit mit.

Die ReporterInnen stehen nicht ausserhalb, sondern mittendrin in einer massenmedialen Gegenwart, die von PR-Strategien durchkreuzt ist. Und sie werden entsprechend auch nie auf natürliche ProtagonistInnen treffen, als wären diese «Indianer»: Die Porträtierten wissen, im Selfiezeitalter erst recht, um die mediale Wahrnehmung und verhalten sich entsprechend: Der Beobachtete passt sich an die Erwartung der Beobachterin an.

Wirklichkeit als Annäherung

Gesucht ist also ein Journalismus, der nicht nur seine Fakten belegt, sondern unabhängig von der Form seine eigenen Herangehensweisen und Produktionsbedingungen in den Beiträgen auch thematisiert. Der nicht nur eine Spur verfolgt, sondern seine eigene Spur für das Publikum auch nachverfolgbar macht. Der die Wirklichkeit nicht als gegeben behauptet, sondern weiss: Die Realität ist nie als solche, sondern nur in der stetigen Annäherung zu fassen. Kurz: Das Leben ist keine Story.

Diesen Journalismus gab und gibt es im Übrigen schon längst. Empfehlenswert ist eines der eindrücklichsten journalistischen Bücher überhaupt: «Das Massaker von San Martin», 1957 geschrieben vom argentinischen Journalisten und Schriftsteller Rodolfo Walsh.

In dieser Dokumentation hat sich Walsh der Erschiessung eines Dutzends unbeteiligter Arbeiter nach einem Putschversuch angenähert. Er tat es in immer neuen Versionen, bis das Massaker belegt war. Walsh erreichte, was Journalismus im besten Fall sein kann: eine Beschreibung der Wirklichkeit, die jede Fiktion übertrifft.

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