Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Darf Theater rassistisch sein?

Die Figuren in den Stücken von Katja Brunner sagen manchmal Dinge, die sie selbst völlig daneben findet. Die Autorin ist überzeugt, dass es Störstellen braucht.

Von Julia Wartmann (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Katja Brunner: «Was gilt als rassistisch und was nicht? Wenn voreilig gewisse Stellen oder Wörter zensiert werden, nimmt man dem Zuschauer die Mündigkeit.»

WOZ: Frau Brunner, im Vorwort Ihres neusten Buches, «Wie weit du vom Raubtier entfernt bist», steht: «Privat bleibt politisch.» Was ist damit gemeint?
Katja Brunner: Ursprünglich heisst der Ausspruch ja «Das Private ist politisch» und ist auf die Frauenbewegung in den 1970er Jahren zurückzuführen. Damals ging es den Frauen darum, sichtbar zu machen, dass sich Machtgefälle in allen Lebensbereichen abzeichnen. Das Büchlein ist ein Essay, komponiert aus Fragen, die auch aufs vermeintlich Private abzielen. Sie sollen aufzeigen, was das politische System mit einer Privatperson macht. Es geht um unsere Verantwortung als Bürgerinnen und Bürger.

Worin sehen Sie Ihre Verantwortung?
Ich sehe sie darin, meine ethischen Grundsätze dann und wann zu hinterfragen und entsprechend zu handeln. So individualistisch, wie wir leben, ist es jedoch schwierig, einen kollektiven Ort dafür zu finden. Theater ist in meiner Erfahrung ein guter Raum für Reflexion.

Der Sinn des Theaters ist also, Raum für Diskussion zu schaffen?
Theater soll und darf keinen messbaren Zweck haben – ausser vielleicht Unterhaltung. Aber natürlich ist es ein politischer Ort oder mindestens ein Ort, der politisiert ist. Theater hat etwas Ritualisiertes; Menschen stellen für andere Menschen etwas dar. Das sind klar Zeichen, die politisch zu lesen sind. Ob die Zuschauerinnen und Zuschauer auch tatsächlich politisiert werden, ist eine andere Frage.

Ist es Ihr persönliches Ziel, Menschen zu politisieren?
In dieser Frage bin ich zwiegespalten. Wenn man einem Kunstwerk bereits von weitem anmerkt, was der politische Zweck dahinter ist, dann ist es meiner Meinung nach zu simpel aufgebaut. Theater ist ein von der Tagesaktualität unabhängiger Raum, es muss keine Antworten auf politische Zusammenhänge geben. Meine Theatertexte sind losgelöst von meiner Verantwortung als Bürgerin. Die Figuren sagen zum Teil Dinge, die ich persönlich vollkommen ablehne. Diese Berechtigung möchte ich beibehalten, denn ich will streitbare Inhalte zur Verfügung stellen.

Was verstehen Sie unter streitbaren Inhalten?
Ich finde, Theater sollte sprachkritisch sein. Im Namen der politischen Korrektheit entstehen beispielsweise enorm viele neue Sprachregelungen. Sofern ich sie nachvollziehen kann, befolge ich sie auch. Doch wenn wir Regeln einfach befolgen, ohne verantwortlich zu handeln, können sie einen Diskurs verhindern. Ich meine, ich trage garantiert auch rassistische Ideen in mir. Doch bloss weil ich eine aktuell korrekte Sprache benutze, also die Sprachmode befolge, heisst das nicht automatisch, dass ich diese Ideen erkannt, geschweige denn reflektiert habe. Diese Differenzierung finde ich sehr wichtig. Theater kann diese Dinge zur Disposition stellen, ohne sich der Sprachregelung völlig zu unterwerfen.

Finden Sie das verbreitete Streben nach einer politisch korrekten Ausdrucksweise übertrieben?
Grundsätzlich bin ich froh über Entwicklungen in diese Richtung – wie die Gründung von Bühnenwatch, einem Berliner Verein, der auf die Nutzung von rassistischen Darstellungsformen aufmerksam macht. Doch gleichzeitig stellt sich mir die Frage: Was ist Kunstfreiheit – wo beginnt sie, wo hört sie auf? Und wann werden Stücke nur noch konsumierbar für jene, die ohnehin gleich denken? Natürlich hat man eine gewisse Darstellungsverantwortung. Aber oft basieren die Massstäbe für das, was gerade als politisch korrekt gilt, auf der Wahrnehmung einer gebildeten Mittelschicht. Sie bestimmt über andere, die gar nicht an der Diskussion teilnehmen.

Darf man auf der Bühne auch mal etwas Rassistisches sagen?
Die Schwierigkeit liegt darin, eine Messlatte zu bestimmen: Was gilt als rassistisch und was nicht? Denn wenn voreilig gewisse Stellen oder Wörter zensiert werden, nimmt man dem Zuschauer die Mündigkeit. Ich bin sehr wohl fähig zu erkennen, wenn es sich bei einer Figur zum Beispiel um einen Neonazi handelt. Die Figurenrede ist ja klar gekennzeichnet. Wenn seine Sprache im Stück aber zensiert wird, erstickt man eine Diskussion über das zugrunde liegende Thema – Rassismus.

Die Zensur eines Wortes verhindert also die Aufarbeitung des ganzen Themas?
Der Systemtheoretiker Niklas Luhmann betont, dass es in künstlerischen Zusammenhängen sogenannte Störstellen brauche, da diese eine Reflexion erst ermöglichten. Anstatt das Wort «Neger» kommentarlos aus Kinderbüchern zu streichen, fände ich es besser, wenn zusätzlich in einer Fussnote die historischen Zusammenhänge erklärt würden. Sonst liegt die Deutungshoheit über den zensierten Begriff automatisch wieder bei jenen, die den Diskurs führen. Damit werden Strukturen reproduziert, die man eigentlich überwinden will.

Am kommenden 2. Februar findet der «Edit-a-thon» in Zürich statt. Katja Brunner (27) und andere Künstlerinnen schreiben und verbessern bei dieser Gelegenheit gemeinsam Artikel zum Thema «Frauen und Literatur» im männlich dominierten Onlinelexikon Wikipedia.

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