Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Wer über Wort und Bild verfügt

Polizeigewalt in bislang nicht gekanntem Mass prägte 2017 den Hamburger G20-Gipfel. Ein Buch von AktivistInnen beschäftigt sich aber auch selbstkritisch mit den Grenzen bestimmter Protestformen.

Von Jens Renner

Fantasievoller Protest gegen G20: Die Performance «1000 Gestalten» am 5. Juli 2017. Foto: Christian Angl

Wer im Internet nach «G20 Hamburg 2017» sucht, erhält ganz oben auf der Liste Meldungen mit den Schlagwörtern «Ausschreitungen», «Krawalle», «Ausnahmezustand». Dem medial vermittelten Bild einer Woche von Chaos und Gewalt hat eine Gruppe von etwa hundert AktivistInnen nun mit dem Buch «Das war der Gipfel. Die Proteste gegen G20 in Hamburg» ihre eigene Sicht der Ereignisse entgegengesetzt. Dabei liegt der Fokus nicht auf dem grössten Polizeieinsatz der deutschen Nachkriegsgeschichte mit insgesamt 31 000 BeamtInnen, sondern auf der Vielfalt der Proteste gegen die provokative Show der Mächtigen mitten in der zweitgrössten Stadt Deutschlands.

Theo Bruns, der Verleger und Mitherausgeber des Buchs, fasst in einem Vorwort auf zwei Seiten pointiert zusammen, was das Ziel der inhaltlich und gestalterisch aufwendigen Veröffentlichung ist: «Unser Anspruch war, die eigene Geschichte zu schreiben, sie nicht den Herrschenden zu überlassen, deren Definitionsmacht infrage zu stellen.»

Bewegungsgeschichte von unten

Herausgekommen ist ein lesenswertes Stück Bewegungsgeschichte von unten: lebendig und voller Leidenschaft erzählt, parteilich, aber auch selbstkritisch, in Teilen kontrovers und zu weiterer Debatte einladend. Streiten liesse sich über die Gewichtung der einzelnen Abschnitte. So wird der mehrtägige Gegengipfel auf gerade mal vier Seiten abgehandelt, und auch die riesige Abschlussdemo mit 76 000 TeilnehmerInnen hätte etwas mehr Raum verdient. Angemessen gewürdigt werden dagegen diverse Aktionen, die jede für sich zum bunten Bild fantasievoller Proteste beigetragen haben: der Rave «Lieber tanz ich als G20», das Massen-Cornern, die Performance der «1000 Gestalten», die Blockadeversuche auf den für die Staatsgäste gesperrten Strassen.

Auch wichtige Treffpunkte für die aus aller Welt angereisten AktivistInnen werden beschrieben: die Camps, die Freie Oase Gängeviertel, der Arrivati-Park – und nicht zuletzt das im Stadion des FC St. Pauli eingerichtete alternative Medienzentrum FC/MC («masslos, verwegen und inspirierend»), wo auch die WOZ-Delegation ein und aus ging, wenn sie nicht gerade auf Hamburgs Strassen unterwegs war. Was sich dort ereignete, wurde in etlichen Medien grob verfälscht. Dass die AutorInnen dem ihre – keineswegs immer einheitliche – Sicht von unten entgegenstellen, ist das wichtigste Verdienst des Buchs. Auch im Zeitalter digitaler Informationsflut bleibt Gegenöffentlichkeit in gedruckter Form unverzichtbar. Das zeigt vor allem die Aufarbeitung zweier besonders spektakulärer Ereignisse: der Demo «Welcome to Hell» am Donnerstag und des Riot einen Tag später im Schanzenviertel.

«Welcome to Hell», «die Demonstration, die nicht stattfinden sollte», begann am Fischmarkt als bunte Kundgebung mit Redebeiträgen internationaler Gäste, Musik und ausgelassener Stimmung. Als sich der Demozug in Bewegung setzte, wurde er nach wenigen Metern von der Polizei angegriffen. Dabei wurden etliche Demonstrierende erheblich verletzt. Dass in dieser gefährlichen Situation Panik vermieden und eine Spontandemo gegen Polizeigewalt durchgeführt werden konnte, war ein grosser Erfolg, der allerdings hart erkämpft werden musste. Gerade auf jüngere TeilnehmerInnen wirkte der brutale Polizeieinsatz traumatisierend – und das war mit Sicherheit auch so beabsichtigt.

Gewinnerinnen und Verlierer

Weniger leicht fällt die Bewertung der Krawalle am Freitagabend. Das zeigt das auf sechzehn Seiten dokumentierte Streitgespräch, an dem vier linke Augenzeugen beteiligt sind: ein Restaurantbetreiber, ein Anwohner, zwei Aktivisten der Roten Flora. «Freitag war für Donnerstag» stand später an einer Häuserwand – Revanche für die Zerschlagung der «Welcome to Hell»-Demo. Das liegt auf der Hand. Unwidersprochen bleibt aber auch der Satz des Rote-Flora-Anwalts: «Der Riot in der Schanze war nicht ein Moment, an den andere anknüpfen können.» Die «Deutungshoheit» über die Ereignisse sei verloren gegangen, in der öffentlichen Auseinandersetzung darüber habe sich die politische Schwäche der radikalen Linken gezeigt. Die Diskussionen um die Freitagnacht der «vielen Akteure» und «vielen Wahrheiten» werden weitergehen, nicht nur in Hamburg.

Ebenso wenig beendet ist die staatliche Verfolgung vieler, die an den Protesten beteiligt waren. Auch über die noch anstehenden Prozesse berichtet das Buch – und über die Polizeigewalt, die es laut einer viel zitierten Lüge des damaligen Hamburger Bürgermeisters und heutigen Vizekanzlers Olaf Scholz (SPD) «nicht gegeben» hat.

Dass die vielfältigen Aktionen gegen den Gipfel ein Erfolg waren, steht für alle am Buch Beteiligten ausser Frage. Diskussionsbedürftig erscheint der positive Ausblick des Mitherausgebers Sven Stillich am Ende des Buchs. «Der Protest war der einzige Gewinner des G20-Gipfels in Hamburg», schreibt er: «Denn auf der anderen Seite, da stehen heute die Verlierer, die in Uniform und die in Anzügen.» Das ist eher Wunschdenken als Realität, schmälert aber nicht den Wert dieser gelungenen und zur Diskussion anregenden Protestchronik.

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