Nr. 04/2019 vom 24.01.2019

Der Anfang und das Ende von Europa

Beim liberalen Bürgermeister von Gdansk (Danzig) liefen viele Fäden zusammen, etwa in der Flüchtlingspolitik oder bei den LGBT-Rechten. Das tödliche Attentat von letzter Woche auf Pawel Adamowicz ist ein Angriff auf das progressive Polen – aber nicht nur.

Von Simone Brunner, Gdansk

Auf die Frage des Fernsehreporters, was sie gerade fühle, sagt Marta Siciarek nur: «Trauma, Schock und Verdrängung. Ich schlafe schlecht und denke darüber nach, wie es jetzt weitergehen soll.» Dann bricht sie in Tränen aus.

Gdansk trauert. Vor einer Woche ist der Oberbürgermeister Pawel Adamowicz bei einer Benefizveranstaltung auf offener Bühne von einem jungen Mann mit einem Messer niedergestochen worden. Während Adamowicz stundenlang in Lebensgefahr schwebte, gingen die Bilder von den Menschenschlangen, die dem Bürgermeister im Krankenhaus Blut spenden wollten, um die Welt. Doch am nächsten Tag schon erlag er seinen Verletzungen. Zum Begräbnis versammelten sich am Samstag 45 000 Menschen in der Gdansker Altstadt, vor der Marienkirche und vor den Leinwänden, auf denen die Zeremonie übertragen wurde, um ihrem Bürgermeister die letzte Ehre zu erweisen.

Für Marta Siciarek war Adamowicz nicht nur irgendein Bürgermeister. Als die studierte Kulturpsychologin nach Auslandsaufenthalten wieder in ihre Heimatstadt zurückkehrte, baute sie hier 2012 eine NGO auf, um MigrantInnen zu unterstützen. Es war vor allem Adamowicz, bei dem sie damit auf offene Ohren stiess. Gemeinsam entwickelten sie ein Integrationsmodell – das erste seiner Art in Polen. Heute arbeitet ihre Organisation in elf Bereichen mit der Stadtverwaltung zusammen, von der Gesundheitsversorgung über die Wohnungssuche bis hin zu Sprachkursen.

Immer mehr Drohungen

Zwar sei die Initiative von der Zivilgesellschaft ausgegangen, sagt die 39-Jährige später, nach dem TV-Interview, bei einer Tasse Tee. «Aber Adamowicz hat immer den Dialog gesucht.» Keine Selbstverständlichkeit in einem Land, in dem die rechtskonservative Partei Prawo i Sprawiedliwosc (PiS) seit der alleinigen Machtübernahme 2015 eine harte Migrationspolitik betreibt und sich bis zuletzt weigerte, die EU-Quoten zur Aufnahme von Flüchtlingen zu erfüllen. «Ich bin ein Europäer, und es liegt nun mal in meiner Natur, offen zu sein», sagte Adamowicz 2016 gegenüber dem britischen «Guardian» in einem Interview. «Gdansk ist ein Hafen und muss deswegen immer offen sein, als Zufluchtsort vom Meer.» Seine klaren Worte hätten das Klima in der Stadt verändert, glaubt Siciarek. «Wenn sich ein führender Politiker hinstellt und klipp und klar sagt, dass dieser Weg wichtig ist, dann macht das auch etwas mit den Bürgern», sagt sie.

Doch jetzt ist Adamowicz tot. Wieder schiessen Siciarek die Tränen in die Augen. Sie seien über all die Jahre auch FreundInnen geworden. Sie, die linke, weit gereiste Aktivistin und Feministin, und er, der gläubige Christ, Familienvater, der eigentlich aus einer konservativen Partei, der Platforma Obywatelska (heute die grösste Oppositionspartei im Parlament), kommt. In diesem Jahr wollten sie in den grossen Gdansker Unternehmen gemeinsam neue Antidiskriminierungsmassnahmen durchbringen. «Schick mir die Liste mit den Namen der Unternehmen, die sich dagegen sträuben», habe er ihr erst unlängst geschrieben, «die werde ich schon noch motivieren.» Typisch Adamowicz, sagt Siciarek: «Er hat seine Macht mit uns geteilt. Und jetzt fühlt es sich so an, als wäre alles entzweigebrochen.»

Pawel Adamowicz hat die 460 000-EinwohnerInnen-Stadt an der Ostsee geprägt wie kaum jemand sonst. Mit nur 32 Jahren wurde der Jurist 1998 zum Oberbürgermeister gewählt, im vergangenen Herbst stimmten die GdanskerInnen deutlich für seine sechste Amtszeit. Sein Tod hat die Innenstadt verwandelt. Wo sonst TouristInnen durch die pittoreske Innenstadt mit den knallbunten Fassaden schlendern, legen PassantInnen an fast jeder Ecke Kerzen und Rosen nieder. In den Auslagen hängen Bilder des verstorbenen Bürgermeisters. Am Langen Markt werden nicht Souvenirs verkauft, sondern Grablichter.

Auch vor dem Rathaus, einem schmucklosen Verwaltungsgebäude hinter dem Bahnhof, funkelt ein Meer aus Kerzen und Rosen in Rot-Weiss, den polnischen Nationalfarben. Drinnen führt die Mitarbeiterin Anna Kieturakis durch die Räume. Auch heute, am fünften Tag nach dem Attentat, kann die blonde Frau mit dem Trauerflor auf der Bluse nicht glauben, dass der Chef nicht mehr kommen wird. Ebenso wenig, wie sie sich daran gewöhnen kann, dass mittlerweile nur noch Zugangsberechtigte in den Seitenflügel im dritten Stock, dem ehemaligen Amtssitz Adamowicz’, gelassen werden. «Das ist erst seit zwei oder drei Monaten so», sagt Kieturakis. Warum? Weil zuletzt immer öfter Menschen in sein Büro gestürmt seien, um sich über seine Politik zu beschweren – oder ihn eben auch unverhohlen zu bedrohen, erzählt sie. 2017 hatte die rechtsextreme Allpolnische Jugend einen virtuellen Totenschein Adamowicz’ ins Netz gestellt: «Todesursache: Liberalismus, Multikulturalismus und Dummheit.»

Der «Regenbogenpräsident»

Deswegen glauben viele hier, dass die Tragödie nicht einfach so geschehen ist. Zwar haben die Behörden beim Attentäter eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert, vor dem Attentat hatte er schon Gefängnisstrafen wegen versuchter Banküberfälle abgesessen. Doch welche Medien hat der Attentäter im Gefängnis, aus dem er erst vor kurzem entlassen wurde, konsumiert? «Selbst wenn der Attentäter geistig verwirrt war – irgendetwas muss diesen Impuls, gerade diesen Politiker zu töten, doch ausgelöst haben», sagt der Beamte Piotr Kowalczuk, der wenige Türen weiter sein Büro hat. Einen Politiker wie Adamowicz, der voll in der Schusslinie der von der PiS kontrollierten öffentlich-rechtlichen Medien gewesen sei, eine Hassfigur der Rechten und der rechtskonservativen Staatsregierung.

Kowalczuk ist im Rathaus für Sozialpolitik verantwortlich. Im vergangenen Sommer wurde eine Gleichheitsinitiative beschlossen, die auch LGBT-Rechte umfasst. «Eine Stadt für alle», das sei Adamowicz’ Vision gewesen, sagt Kowalczuk, «damit sich niemand ausgeschlossen fühlt. Immerhin ging es Gdansk immer am besten, wenn es weltoffen, bunt und tolerant war. Das liegt in unserer DNA.» Dieses Projekt habe dem Bürgermeister in rechten und konservativen Kreisen besonders viel Hass eingebracht, und Kowalczuk erlebte das an vorderster Front mit. «Regenbogenpräsident» sei Adamowicz von seinen politischen GegnerInnen abfällig genannt worden, sagt Kowalczuk. Selbst nach seinem Tod bezeichnete ihn der rechte Publizist Grzegorz Braun in einem regierungsnahen Sender als «Volksverräter».

In linken Kreisen hat ihm hingegen gerade seine Minderheitenpolitik viel Anerkennung eingebracht. Etwa bei Adam Szczepanski, der für die linke Graswurzelpartei Razem im Bezirksrat von Gdansk sitzt. Zwar habe er Adamowicz immer wieder für seine neoliberale Wohnungspolitik und die zunehmende Gentrifizierung in der Stadt kritisiert. «Zugleich haben wir seinen Einsatz für Integration und LGBT-Rechte sowie seine Zusammenarbeit mit lokalen NGOs immer sehr geschätzt», sagt Szczepanski. Fast stündlich lädt er auf seinem Facebook-Account neue Bilder von den Trauerfeiern hoch.

Solidarität, Offenheit, Liberalismus

Wer verstehen will, wofür Adamowicz sonst noch stand, muss die herausgeputzte Altstadt mit ihren bunten Bilderbuchfassaden hinter sich lassen. Zwanzig Minuten Fussmarsch entfernt liegt nämlich das Europäische Solidarnosc-Zentrum, ein moderner, wuchtiger Bau wie ein rostbrauner Tanker, gestrandet zwischen Ruinen und Kränen der alten Lenin-Werft. Als Adamowicz 1998 als frisch gewählter Bürgermeister Berlin besucht und dort die erhaltenen Reste der Berliner Mauer gesehen habe, erzählt man sich, da habe er sich gewünscht: So eine Erinnerungskultur brauchen wir in Gdansk auch. Immerhin formierte sich hier, aus der Gewerkschaftsbewegung unter Lech Walesa heraus, der Widerstand gegen die kommunistische Herrschaft, der sich im Rahmen der Studierendenproteste 1988 auch Pawel Adamowicz angeschlossen hatte. 2014 wurde das Solidarnosc-Zentrum, eine Art Museum, Gedenk- und Forschungsstätte, auf dem ehemaligen Areal der Gewerkschaft eröffnet. Es gilt als Adamowicz’ Lebenswerk. Hier wurde denn auch sein Sarg vor dem Begräbnis aufgebahrt, damit sich die GdanskerInnen von ihm verabschieden konnten. Manche von ihnen standen bis zu sechs Stunden in der Schlange.

Oben, im dritten Stock des Zentrums, steht Basil Kerski. Die Augen des gedrungenen Mannes sind gerötet, gleich wird er die Familie seines verstorbenen Freundes – er hinterlässt eine Frau und zwei Töchter – empfangen. Der Sohn eines Irakers und einer Polin war von Adamowicz als Direktor des Zentrums engagiert worden, gegen den erbitterten Widerstand der PiS. Kerski lässt den Blick über die Fensterfront schweifen, die den Blick auf die Werftkräne und die Industrieruinen freigibt. Ein Ort, von dem aus Europa verändert wurde. «Dieser Tod wird das gesamte öffentliche Leben in Polen verändern», sagt Kerski in perfektem Deutsch, denn letztlich gehe es hier nicht nur um Polen, sondern um Europa.

Pawel Adamowicz sei ein Symbol der polnischen OberbürgermeisterInnen gegen die Staatsregierung gewesen, sagt Kerski. Jemand, der für alles stand, wofür die PiS nicht steht: für Solidarität, Offenheit, Liberalismus. Auch in der Europapolitik. Und Kerski, der selbst zwischen Gdansk und Berlin hin und her pendelt, betont, dass Polen in dieser Hinsicht nicht alleine dastehe. «Wir alle haben die gleichen Probleme mit Demokratie, mit Populismus, mit Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit», sagt Kerski.

Unten, hinter dem berühmten Werfttor, durch das BesucherInnen das Areal des Solidarnosc-Zentrums betreten, steht auf einer neuen, gläsernen Schiebetür vor der Eingangshalle: «Europa beginnt hier.» Aber hatte Adamowicz denn eine Antwort auf die grossen Fragen der europäischen Gegenwart, als Konservativer und Katholik und zugleich gesellschaftlich Progressiver? «Wir sind Katholiken, und Jesus war der bekannteste Flüchtling», sagte Adamowicz, dessen Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg aus Litauen nach Gdansk umgesiedelt worden waren, einmal in einem Interview. «Und jetzt sollen wir uns weigern, selbst Solidarität zu beweisen?»

Gerade in Gdansk liefen in dieser Hinsicht zuletzt viele Fäden zusammen. Aus Weissrussland und der Ukraine seien immer wieder AktivistInnen hergekommen, etwa um Workshops über Demokratie und Selbstverwaltung zu besuchen, oder auch RussInnen, die seit 2012 visumfrei aus der russischen Exklave Kaliningrad nach Nordostpolen reisen durften, bis dieser «kleine Grenzverkehr» unter der PiS wieder ausgesetzt wurde. Neben Englisch habe Pawel Adamowicz auch Russisch gesprochen, sagt Kerski: «Er stand für ein Europa von Portugal bis Russland.»

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