Nr. 06/2019 vom 07.02.2019

Reformkurs mit Risiken

Seit in Addis Abeba der junge Premierminister Abiy Ahmed regiert, ist nichts mehr, wie es war. Das lange autoritär geführte Äthiopien öffnet sich nach innen und nach aussen. Gelingt das Experiment?

Von Marc Engelhardt, Addis Abeba und Dano (Text und Foto)

Neue Chancen: Dank der Reformpolitik von Premier Abiy Ahmed bleiben viele ÄthiopierInnen im Land wie der Imker Damea Werra oder kehren aus dem Ausland zurück.

Die braune Wolke vor Damea Werras Gesicht summt und brummt. Die kleinen, besonders aggressiven afrikanischen Wildbienen versuchen, den jungen Äthiopier in die Flucht zu schlagen. Doch Damea Werra lacht, verborgen hinter dem Netz seiner Schutzkleidung, und zeigt auf die nur wenige Meter entfernt gestapelten Bienenstöcke.

«Nach meinem Schulabschluss stand ich mit nichts da, es gab keine Arbeit, und ich musste zurück auf den Hof meiner Eltern», ruft der 24-Jährige über die Bienen hinweg. Doch im ländlichen Äthiopien mit seinen von der Erosion zerfurchten Böden zwischen den bröckelnden Lehmhütten seiner Kindheit gab es ausser gelegentlichen Transportjobs mit einem Handkarren nichts zu tun. «Dann hörte ich von der Möglichkeit mit den Bienen – und habe sofort zugegriffen», erzählt er.

Dreissig Millionen junge ÄthioperInnen haben keinen Job. Damea Werra war einer von ihnen – ein Queroo, was aus der Sprache der Oromo übersetzt bedeutet: unverheirateter junger Mann. Inzwischen sind die Queroo auch Menschen im Rest des Landes ein Begriff. Je nachdem, wen man fragt, sind sie mutige Revolutionäre – oder wütende und gesetzlose Strassenkämpfer.

Frieden und freie Wahlen

Mehr als zwei Jahre lang blockierten die Queroo in ihrer Heimat Oromia Verkehrswege, protestierten gegen die autoritäre Politik der äthiopischen Regierung und stellten sich dem Militär entgegen, bewaffnet mit nichts als Stöcken und Steinen. «Die Jugendlichen sagten: ‹Kommt her, erschiesst uns doch! Was haben wir schon zu verlieren?›», erinnert sich Berhanu Negussie, der in den achtziger Jahren an der Seite von Karlheinz Böhm das Äthiopienhilfswerk «Menschen für Menschen» gründete. Heute ist Negussie Landesdirektor der Organisation. Für das grösste Problem im Land am Horn von Afrika hält er nicht wie damals verhungernde Kinder, sondern die Zukunft einer perspektivlosen Generation. «Wenn dieses Land stabil bleiben soll, dann müssen die Probleme der jungen Leute Priorität haben. Sie sind bereit, ihr Leben zu geben, weil sie sagen: ‹Wir haben ja gar keines.›»

Seit vergangenem April schöpfen die Queroo und viele andere im Land Hoffnung. Damals einigte sich die Einheitspartei auf einen Premier, dessen Wahl als unwahrscheinlich galt: Abiy Ahmed ist erst 42  Jahre alt und Oromo wie die Mehrzahl der Protestierenden. Es ist das erste Mal seit dem Sturz des Diktators Mengistu Haile Mariam 1991, dass ein Mitglied der grössten Ethnie das Land führt. Seit seinem Amtsantritt hat Abiy das Land im Eiltempo reformiert: Er hat Tausende politische Gefangene frei- und verbotene Parteien wieder zugelassen, Frieden mit Eritrea geschlossen und Dutzende inhaftierte JournalistInnen rehabilitiert. 250 kritische Websites und Blogs liess er entsperren, was umso verwunderlicher ist, als Abiy einst Mitgründer des Internetgeheimdiensts war. Doch jetzt braucht der junge Premier die JournalistInnen, um die einstige Elite in die Schranken zu weisen.

Für 2020 verspricht Abiy freie Wahlen, zur Chefin der Wahlkommission hat er eine prominente Oppositionelle gekürt. Aufbruchstimmung hat das ganze Land erfasst. Doch der Erfolg von Abiys Reformkurs wird am Ende wohl vom weiteren Schicksal der jungen Menschen im Land abhängen. Zwei Drittel der 105 Millionen ÄthiopierInnen sind unter 25. Sie brauchen vor allem eines: eine Perspektive. Und so ist Werras Imkerei ein kleines, aber wichtiges Puzzlestück im Vorhaben, arbeitslose Jugendliche zu beschäftigen.

In Dano, sechs Autostunden von der boomenden Hauptstadt Addis Abeba mit ihren gläsernen Bürotürmen entfernt, sollen die Queroo zu Unternehmern werden, im Rahmen von vernetzten Start-ups. Die Zielgruppe kennt der Imker Werra gut, es sind seine früheren KlassenkameradInnen. «Die Leute kommen zurück und bauen sich etwas auf», sagt der Imker. Im Mittelpunkt steht dabei das Start-up-Zentrum, das offiziell Agro Processing Center heisst und das Negussies Hilfsorganisation aufgebaut hat. Mehr als 400 junge Frauen und Männer gehören bereits zur wachsenden UnternehmerInnenszene. Grundlage ist die Landwirtschaft. Doch anstatt wie früher die Ernte zu verkaufen und die lukrative Veredelung anderen zu überlassen, decken die Start-ups von Dano die ganze Wertschöpfungskette ab.

Die Zukunft liegt auf dem Land

So hat Werra gelernt, wie er die traditionellen, in den Bäumen hängenden Bienenkörbe durch dauerhaft verwendbare Bienenstöcke ersetzen kann. «Früher habe ich pro Jahr 3000 Birr mit dem Honig verdient, jetzt sind es 20 000 und mehr», sagt er freudig. 20 000 Birr, das sind knapp 700 Franken. Der Honig, den Werra gewinnt, wird von einem Start-up aufgekauft, ein anderes reinigt ihn, verpackt ihn in Gläser und organisiert den Vertrieb. So entsteht Honig, zu hundert Prozent «made in Dano». Die Zukunft für die Millionen junger, arbeitsloser ÄthiopierInnen liegt auf dem Land. Auch das soll das Wirtschaftswunder von Dano beweisen.

Dschamal Awol, der als Vorarbeiter in der Ölmühle des Zentrums arbeitet, sieht das auch so. «Wenn wir abends von der Arbeit nach Hause gehen, dann sind wir mental zufrieden und körperlich geschafft», sagt der muskulöse 27-Jährige. «Die Arbeitslosen sind dagegen hungrig, ängstlich, frustriert, viele nehmen Drogen.» Awol kennt das, er war einer von ihnen. Jetzt steht er in der heissen Werkhalle, die Presse wummert laut. Eimerweise schüttet eine Arbeiterin gereinigte Ölsaat in die Presse, ein anderer Arbeiter entfernt den Ölkuchen, der sich bei der Pressung bildet und später – von einem weiteren Start-up – zu Kraftfutter verarbeitet wird. Es ist ein harter Job, aber immerhin ein Job.

Um diejenigen, die die Hoffnung aufgegeben haben, werben dagegen die SeparatistInnen. Der Kampf der Queroo, sagen sie, sei noch nicht vorbei. Ende Oktober 2018 gingen die Queroo gegen die geplante Entwaffnung der Oromo-Befreiungsarmee auf die Strasse. Und am Stadtrand von Addis Abeba überfielen Oromo-Extremisten im September BewohnerInnen, die aus anderen Teilen des Landes stammen. Ähnliche Pogrome werden auch aus anderen Provinzen des Vielvölkerstaats gemeldet, mit unterschiedlichen Tätergruppierungen.

Im Militär wächst der Widerstand

Dabei sei der Aufbruch an sich im ganzen Land zu spüren, sagt Constantin Grund, der das Büro der deutschen Friedrich-Ebert-Stiftung in Addis Abeba leitet. «Es herrscht grosse Euphorie um Abiy Ahmed als Person, aber auch wegen des politischen Stils, den er eingeführt hat.» Die Atmosphäre im politischen Betrieb habe sich vollkommen geändert: Alle redeten auf einmal offen über Politik, während früher die Angst geherrscht habe, überall und permanent abgehört zu werden. Allerdings warnt Grund: «So ein Reformkurs erzeugt natürlich auch ein Stück weit Verlierer.» Seit April hat Abiy bereits einen Anschlag und einen Putschversuch überstanden. Vor allem im Militär, dessen korrupte Geschäfte von der neuen Regierung mehr und mehr ans Licht gebracht werden, wächst der Widerstand gegen Abiy. Viele Generäle stammen aus Tigray, der Provinz im Norden, die von Abiys autoritären Vorgängern bevorzugt wurde. Dass nun ein Oromo regiert, wollen sie nicht akzeptieren. Radikalen Oromo dagegen geht Abiys Politik nicht weit genug. Sie wollen ihren eigenen Staat.

Während die Wut der jungen Männer den Wandel erst erzwungen hat, könnte ihm der Pragmatismus vieler Frauen Stabilität verleihen. Zahlreiche Frauen, egal welcher Bevölkerungsgruppe, halten grosse Stücke auf Abiy, auch weil er die Hälfte der Kabinettsposten, das oberste Richter- und das Präsidentenamt an Frauen vergeben hat. Sitina Tesfaye studiert Elektrotechnik in der Stadt Harar, sie will Elektrikerin werden. In Äthiopien gilt das immer noch als Männerberuf. «Aber das ändert sich jetzt, Frauen bekommen mehr Macht im Land.» Auch deshalb sieht Tesfaye ihre Zukunft nicht in Übersee, sondern in der Heimat. Kürzlich hat Abiys Regierung die Emigration von Hausangestellten und Bauarbeitern in die Golfstaaten gestoppt, weil viele der 100 000 dort lebenden ÄthiopierInnen über Misshandlungen, sklavenartige Arbeitsbedingungen und ausbleibende Löhne klagen.

«Ich bin glücklich, wenn ich mich in meiner Heimat in meinem Beruf verwirklichen kann», sagt auch die angehende Mechanikerin Besait Fikadu, die in einem verschmierten Overall den Motor eines Toyota Corolla zerlegt. Ihr grosser Lebenstraum: «Ein eigenes Auto, ein Toyota, den könnte ich dann selber warten.» Für sie würde ein eigener Wagen einen grossen sozialen Aufstieg bedeuten, was zugleich zeigt, wie hoch die Erwartungen an Abiys Reformkurs sind: Fikadus Eltern haben zu Hause nur einen Ochsenkarren stehen.

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