Nr. 07/2019 vom 14.02.2019

Den Seinen gibts der Herr im Schlaf

Von Franziska Meister

Die gute Nachricht lautet: Lernen im Schlaf funktioniert! Das haben Forschende der Uni Bern in einem ausgeklügelten Experiment mit 41 Freiwilligen nachgewiesen. Sie «flüsterten» ihren ProbandInnen im Tiefschlaf Vokabeln einer Fantasiesprache und deren deutsche Übersetzung ein, zum Beispiel «tofer» und «Haus». Im Schnitt bekam jede Versuchsperson über einen Kopfhörer rund 36 solcher Wortpaare zu hören, und zwar jeweils viermal in wechselnder Abfolge.

Dieses «Einflüstern» im sogenannt langwelligen Schlaf war dann erfolgreich, wenn es ganz spezifisch getaktet war: wenn das zweite Wort zum Höhepunkt der Welle eingespielt wurde. In dieser Phase, die ungefähr eine halbe Sekunde dauert, sind die Gehirnzellen gemeinsam aktiv, ähnlich wie im wachen Zustand. Gleich nach dem Aufwachen wurden die ProbandInnen mit den Fantasiewörtern konfrontiert und mussten angeben, ob das vom Wort Bezeichnete grösser oder kleiner als eine Schuhschachtel ist – was sie «überzufällig korrekt», will heissen: zu knapp sechzig Prozent, taten.

Nun ja. Was im Fall von «Haus» funktioniert, dürfte bei «gopfertamihueresiech» aus verschiedenen Gründen schwierig werden. Versuchen Sie mal, das in einer halben Sekunde über die Lippen zu bringen. Und haben Sie sich schon mal überlegt, ob sich so ein «gopfertamihueresiech» in eine Schuhschachtel zwängen lässt?

Item. Die Berner Forschungsgruppe will auf etwas ganz anderes hinaus: «Lernen braucht kein Bewusstsein.» Nun, Brainwashing auch nicht, wie die geneigte Kinogängerin aus Filmen wie Don Siegels «Telefon» (1977) oder John Frankenheimers «The Manchurian Candidate» (1962) weiss. Betreibt die Uni Bern da Dual-Use-Forschung, die aufzeigen soll, wie effizient sich Menschen im Schlaf «programmieren» lassen? Das wäre dann die schlechte Nachricht. Ausser natürlich, man könnte ein paar Autokraten aus Politik und Wirtschaft ein «Flüsterböxchen» unters Bett stellen.

Die Berner ForscherInnen scheinen sich übrigens uneins zu sein, ob «tofer» jetzt eigentlich «Haus» oder «Elefant» heisst. Egal. In eine Schuhschachtel passt beides nicht.

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