Nr. 11/2019 vom 14.03.2019

Mit der S-Bahn ins Parlament

Letztes Jahr gab es im Kanton Zürich einen Linksrutsch in der Agglomeration. Doch wie ist das in Dübendorf, wo immer noch eine erdrückende rechte Mehrheit herrscht? – Kurz vor den Kantonsratswahlen am 24. März: Unterwegs mit der jungen SP-Kandidatin Leandra Columberg.

Von Adrian Riklin (Text) und Florian Bachmann (Foto)

«Die Durchsetzungsinitiative der SVP hat mich schockiert»: Kantonsratskandidatin Leandra Columberg an der Bahnhofstrasse in Dübendorf.

«Ab in die rot-grüne Oase und schöne Visionen realisieren – oder hierbleiben und das Schlimmste verhindern?» Als Leandra Columberg den Satz beim Kaffee im «La Stazione» am Bahnhof Dübendorf sagt, schneit es draussen.

Dübendorf ist in letzter Zeit vor allem durch sein Sozialamt in die Schlagzeilen geraten. Im Februar wurde bekannt, dass nach Vorstössen der lokalen SP und der Grünen und einer Petition der Juso Zürich Oberland eine externe Untersuchung eingeleitet wird. Drei Jahre sind vergangen, seit die Amtsleiterin durch einen schikanösen Umgang insbesondere gegenüber ausländischen SozialhilfeempfängerInnen und durch ihre Nähe zu rechtsextremen Positionen aufhorchen liess. Dass sie noch immer im Amt ist, sagt einiges über die politischen Zustände in Dübendorf aus: Die rechte Dominanz ist erdrückend. Nach je zwei Sitzgewinnen der SP und der Grünen im letzten Jahr hat die Linke gerade einmal zehn der vierzig Sitze. Der grosse Rest ist stockbürgerlich: Allein die SVP hat zwölf Sitze, dazu kommen FDP und BDP mit je vier, die CVP mit zwei sowie EVP und EDU mit je einem Sitz – und die GLP mit sechs.

Alteingesessene Dorfkönige

Das Schneien hat aufgehört, und Leandra Columberg (19), Vorstandsmitglied der SP Dübendorf, Präsidentin der Juso Zürich Oberland und Kantonsratskandidatin auf der Liste der SP Bezirk Uster, führt durch ihre Stadt, die auch ein Dorf ist. Hier ging sie in den Kindergarten, in die Schule, in die Pfadi – hier wohnt sie.

Sie sei eher apolitisch aufgewachsen. Dann aber, «während eines Auslandjahrs in den USA, hat mich der Wahlkampf von Donald Trump schockiert – und, zurück in der Schweiz, die Durchsetzungsinitiative der SVP», erzählt sie. Die Konfrontation mit dem Rechtspopulismus habe einen politischen Bewusstseinsprozess in ihr ausgelöst, worauf sie der Juso beitrat.

Nach dem Linksrutsch in vielen Zürcher Agglogemeinden vor einem Jahr träumen viele Linke davon, dass die bürgerliche Mehrheit im Kantonsparlament ins Wanken kommt. Dübendorf ist aber nicht Schlieren oder Dietikon, wo speziell die SP stark zugelegt hat. «In Dübendorf dominieren immer noch Alteingesessene, die am alten Dorfleben festhalten und andere Lebensrealitäten ausblenden», sagt Columberg.

Es gibt in Dübendorf aber auch Beispiele dafür, was eine linke Minderheit bewirken kann. Columberg führt zu einem Gebäude unweit des Bahnhofs, in dem – neben der Kesb und dem berüchtigten Sozialamt – das Weiterbildungszentrum WBK domiziliert ist: Dank des Einsatzes der Linken werden hier weiterhin Integrationskurse für Leute aus der ganzen Glatttalregion angeboten. Im gleichen Haus befindet sich die Stadtbibliothek – und etwas weiter nördlich das Kulturzentrum Obere Mühle, das ebenso gegen den Widerstand der rechten Mehrheit erkämpft wurde und seit bald dreissig Jahren ein vielfältiges Programm anbietet.

Wie wild Dübendorf zusammengewürfelt ist, zeigt sich beim Gang durch die Bahnhofstrasse: alte Dorfbeizen, moderne Geschäftshäuser, verlotterte Wohnhäuser. Weiter unten, nach dem Dorfzentrum mit dem Stadthaus, verkünden Plakate: «Hier beginnt die neue Stadt». Dübendorfs Bevölkerung wächst rasant – inzwischen sind es gegen 29 000 EinwohnerInnen. Und es geht munter weiter, vor allem im Dübendorfer Teil von Stettbach, der nahtlos mit Zürich und Wallisellen zusammenwächst. Noch etwas verlassen, inmitten grosser Baugruben, steht beim Bahnhof Stettbach der «JaBee-Tower», der mit hundert Metern höchste Wohnturm der Schweiz. Im August sollen hier gut verdienende Menschen einziehen: Eine 2,5-Zimmer-Wohnung kostet 2700 Franken im Monat.

Unweit davon, auf dem Areal der ehemaligen Seidenzwirnerei Zwicky, entsteht eines der modernsten Stadtquartiere der Schweiz: Sein Zentrum auf Dübendorfer Boden ist bereits bewohnt – auf dem angrenzenden Walliseller Teil wird noch immer gebaut. Seit einigen Jahren führt die Glattalbahn mitten durch das Areal und bringt die Leute in fünfzehn Minuten in die Zürcher City. Vom Bahnhof Stettbach sind es gar nur sieben Minuten bis zum Bahnhof Stadelhofen.

«Als junger Mensch wird man in einer Gemeinde wie Dübendorf fast dazu gezwungen, sich nach aussen zu orientieren», sagt Columberg. «Auch in Dübi ist es für Junge schwierig geworden, eine bezahlbare Wohnung zu finden.» Umso wichtiger sei der Kampf für eine gute Infrastruktur: bezahlbare Wohnungen, Kitas, Schulen, kulturelle Angebote.

Jung, links, feministisch

Vor ein paar Monaten hat Columberg die Matura gemacht – in Uster, da es in «Dübi» keine Mittelschulen gibt. Seit einem halben Jahr arbeitet sie als Campaignerin bei der SP des Kantons in Zürich, wohnt aber noch bei den Eltern in Dübendorf. Im Herbst will sie mit dem Jusstudium beginnen. Ob sie dann bereits im Kantonsparlament sitzt? Chancenlos ist Columberg, die im Bezirk Uster auf dem vierten Listenplatz der SP kandidiert, nicht. Was wären die Prioritäten, für die sie sich engagieren würde? «Sicher eine Bildungspolitik, die sich für Chancengleichheit einsetzt», sagt Columberg. Weiter nennt sie ein Sozialhilfegesetz mit kantonalen Vorgaben für alle Gemeinden. Auch für solidarische Städte will sie sich einsetzen – und für die Gleichstellung, so etwa für eine kantonale Elternzeit.

In Dübendorf hat Columberg schon einige Erfahrungen darin gesammelt, was es heisst, gegen rechte Mehrheiten anzukämpfen. Die Mobilisierung sei jedoch schwierig: Bei den letzten Gemeinderatswahlen betrug die Stimmbeteiligung in Dübendorf rekordtiefe 23  Prozent: «Bedenkt man, wie viele gar nicht wählen durften, weil sie keinen Schweizer Pass haben, waren das sehr wenige Leute, die an die Urne gingen.»

Doch Columberg denkt schon heute über den Dübendorfer Stadtrand hinaus. Im Bezirk Uster liegt die SP derzeit bei 17,7  Prozent. Als Mindestziel für die Kantonsratswahlen nennt Columberg 20  Prozent. Sorgen bereite ihr die GLP, die von vielen als nicht so rechts wahrgenommen werde, wie sie tatsächlich sei. Mit ihrer Kandidatur will sie aber auch die krasse Untervertretung der Jugend bekämpfen: «Im Kantonsrat sind derzeit nur zwei Mitglieder unter dreissig: Benjamin Fischer von der SVP und Hannah Pfalzgraf von der SP.» Und schliesslich möchte Columberg für eine grössere Präsenz von jungen Frauen in der Politik sorgen: «Ich will eine junge, linke, feministische Politik sichtbar machen – und nicht nur im Hintergrund arbeiten.» Von der Klimabewegung und dem Frauenstreik erhofft sie sich eine doppelte Mobilisierung: «Das sind globale Themen, die auch lokal etwas bewegen können.»

Auch in Dübi? «Die Wende wird irgendwann kommen», sagt Columberg in der S-Bahn Richtung Stadelhofen. «Mit leichter Verspätung», fügt sie noch an.

Richtungsweisend

Grün-linker Rutsch?

Die Zürcher Parlaments- und Regierungsratswahlen vom 24. März sind die ersten kantonalen Wahlen in diesem Jahr. Sie gelten für die nationalen Wahlen als richtungsweisend.

In Zürich werden die 180 KantonsrätInnen nach dem Pukelsheim-Verfahren gewählt – zum Vorteil der kleineren Parteien. Dabei werden die Stimmen aller Parteien addiert und auf alle Mandate verteilt, wobei nur Parteien berücksichtigt werden, die in mindestens einem der achtzehn Wahlkreise fünf oder mehr Prozent der Stimmen gewonnen haben. Die Sitzzuteilung erfolgt nach der EinwohnerInnenzahl der Wahlkreise. Die letzte Gesamterneuerungswahl im Jahr 2015 führte zu folgender prozentualer Verteilung: SVP 30; SP 19,7; FDP 17,3; GLP 7,6; GPS 7,2; CVP 4,9; EVP 4,3; AL 3; EDU 2,7 und BDP 2,6 Prozent.

Die Linke (SP, GP, AL) hat 30 Prozent der Sitze, das bürgerliche Bündnis aus SVP, FDP und CVP 52,2. Für die Kantonsratswahlen ist angesichts der Gemeinderatswahlen 2018 in den verstädterten Gebieten ein leichter Linksrutsch denkbar. Neuste Umfragen deuten auf einen Gewinn der Grünen hin. Allerdings werden wohl auch die Grünliberalen zulegen.

Spannend werden auch die Regierungsratswahlen: Gemäss letzten Umfragen liegt Martin Neukom (GP) nur knapp hinter Thomas Vogel (FDP). Somit könnte der zweite Sitz der FDP wanken. Bislang dominieren in der Exekutive die Bürgerlichen mit 5 von 7 Sitzen.

Adrian Riklin

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