Nr. 11/2019 vom 14.03.2019

Ein Land löst sich auf

Von Toni Keppeler

Nicht nur die Zukunft Venezuelas liegt im Dunkeln. Am Donnerstag vergangener Woche fiel der Strom aus und mit ihm die meisten Telefonnetze des Landes, das Internet, ein Grossteil der Trinkwasserversorgung. Auch fünf Tage danach flackert das Licht in den meisten Gegenden des Landes nur ab und zu, Schulen sind geschlossen, so gut wie niemand geht zur Arbeit. Und Regierung und Opposition – wie nicht anders zu erwarten – widersprechen sich diametral, wenn es darum geht, den Schuldigen für das Desaster zu benennen.

Präsident Nicolás Maduro weist auf die USA, die mit elektronischen Angriffen das wichtigste Kraftwerk des Landes lahmgelegt hätten. Beweise legt er keine vor, aber man kann seiner Version nicht alle Plausibilität absprechen. Schon beim Generalstreik gegen Maduros Amtsvorgänger Hugo Chávez im Jahr 2002 wurde durch elektronische Sabotage die Ölförderung des Landes lahmgelegt – von einer Dienstleisterfirma, die, wie sich später herausstellte, eng mit dem US-Geheimdienst CIA verbandelt war.

Genauso plausibel aber ist die Version des selbsternannten Gegenpräsidenten Juan Guaidó, nach der Maduro an allem schuld sei. Wer in den letzten Jahren auf einem Ölfeld in Venezuela war, weiss, wie verrottet die Energieinfrastruktur des Landes ist – und dass sie wegen Misswirtschaft und Korruption weiter verrottet.

Der Zeitpunkt des grössten und längsten Stromausfalls in der Geschichte Venezuelas spielt Guaidó in die Hände. Für ihn ist er ein weiteres Argument für die Untragbarkeit der Regierung Maduro. Er nützt aber auch Maduro: Guaidó will gerade jetzt seine AnhängerInnen landesweit zum finalen Marsch auf die Hauptstadt Caracas mobilisieren. Angesichts des Zusammenbruchs des öffentlichen Transports und der Telekommunikation ist das ein nur schwer realisierbares Vorhaben.

Sicher ist derzeit nur eines: Beide Seiten nutzen die Krise zur weiteren Eskalation der ohnehin schon zugespitzten Konfrontation. Leidtragend ist der Grossteil der Bevölkerung, der schon vor dem Stromausfall unter einer Inflation von über einer Million Prozent, Lebensmittelknappheit und einem kollabierten Gesundheitssystem gelitten hat. Seit Venezuela nachts im Dunkeln liegt, häufen sich Berichte über Verzweiflungstaten wie Plünderungen und Überfälle auf Restaurants.

So könnte das Desaster am Ende weder Maduro noch Guaidó nützen, sondern zu einem endgültigen Zusammenbruch jeglicher sozialer Strukturen führen.

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