Nr. 12/2019 vom 21.03.2019

Die GassenläuferInnen von Tel Aviv

Sie sind vor dem Regime in Eritrea oder vor dem Bürgerkrieg in Darfur geflohen. Jetzt leben sie in Israel, wo es für afrikanische Flüchtlinge praktisch unmöglich ist, Asyl zu erhalten. In einem Sportklub im Süden Tel Avivs erlaufen sich einige von ihnen die Anerkennung, die ihnen die Regierung verwehrt.

Von Agnes Fazekas (Text) und Jonas Opperskalski (Fotos)

Daniel Mulushet Zewdu schlüpft in seine Laufschuhe, auf deren Seitensohle in schwarzem Filzstift ein Kürzel prangt: «Psalm 23:4» – «Auch wenn ich wandle im finsteren Tal, so fürchte ich kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stecken und dein Stab trösten mich».

An diesem Morgen scheint das finstere Tal in weiter Ferne zu liegen: Die Februarsonne blinzelt, und das Gras in Tel Avivs Hayarkon-Park ist noch grün vom Winterregen; vom DJ-Pult am Start des Stadtmarathons treiben die Bässe herüber und jagen den Puls hoch. Grosse Chancen rechnet sich Daniel Mulushet Zewdu nicht aus. Die Wade zwickt. «Aber so ist das mit dem Sport», sagt der 24-Jährige. «Es ist ein Spiel.»

Als Mulushet Zewdu vor dreizehn Jahren darauf wartete, dass es endlich losging, war es kein Spiel. Die Nacht war dunkel und still. Vor Wochen hatten sie Darfur verlassen, Tage waren sie durch die Sinaiwüste gewandert. Der kleine Bruder war krank geworden, weil es kaum sauberes Wasser gegeben hatte. Der Vater hatte den Beduinen eine Goldkette gegeben und das Geld aus seinen Socken. Mulushet Zewdu hatte Angst vor ihnen und vor dem, was hinter dem Dunkel lag. Als der Vater ihm die Bibel zu lesen gab, stolperte er über diesen Psalm – und vergass ihn nicht mehr.

Laufen ist Heimat für Mulushet Zewdu. In Äthiopien, im Dorf seiner Grossmutter, wo er vorübergehend lebte, rannte er jeden Tag zur Schule, nachdem er die Ziegen versorgt hatte, und noch vor der ersten Schulstunde gab es einen Wettlauf. Später joggte er mit seinem Vater durch Darfur. Dort lernte er in der Privatschule zur Muttersprache Amharisch noch Arabisch, Französisch und etwas Suaheli. Der Sport war die Sprache, die ihm blieb, als sie die Grenze nach Israel überquerten.

Daniel Mulushet Zewdu heftet sich die Startnummer ans Shirt, «Block A» steht darauf. Was dort nicht steht: Er hat keine Rechte in diesem Land. Als Christ aus Afrika ist er nach Ansicht vieler israelischer PolitikerInnen ein Eindringling im jüdischen Staat. Dabei bezieht sich die Regierung auf das «Anti-Infiltrations-Gesetz», das 1954 verabschiedet wurde. Ursprünglich ging es darum, palästinensische Flüchtlinge davon abzuhalten, in den wenige Jahre zuvor gegründeten israelischen Staat zurückzukehren. Sechzig Jahre später wird das Gesetz auf die 42 000 EinwanderInnen aus Afrika angewandt, die es ins Land geschafft haben, bevor Ministerpräsident Benjamin Netanjahu 2013 einen hohen Zaun an der Grenze zu Ägypten bauen liess (vgl. «Zehntausende ohne Schutzstatus» im Anschluss an diesen Text).

Im Schattenschlag der «Weissen Stadt»

Sie sind vor dem Unrechtsregime in Eritrea geflohen oder vor dem Bürgerkrieg in Darfur. Viele gerieten unterwegs in die Fänge von Menschenhändlern, wurden gefoltert und zahlten viel Lösegeld. Nur knapp ein Dutzend – zehn EritreerInnen und ein Sudanese – all dieser Menschen, die von 2005 bis 2013 ins Land gekommen sind, erhielten bislang Asyl. Stattdessen setzt die Regierung sie unter Druck, das Land zu verlassen, lockt mit Flügen in Drittstaaten – oder droht mit Gefängnis.

Inzwischen tragen auch die anderen aus Mulushet Zewdus Team ihre gelben Leibchen mit dem Namen der Laufgruppe: Razei HaSimta, «Gassenläufer» auf Hebräisch. Sie fallen unter den 40 000 TeilnehmerInnen auf. Nicht nur, weil sie sich unter den VolksläuferInnen wie Profis bewegen. Die meisten sind dunkelhäutig, stammen aus Äthiopien, Darfur oder Eritrea. Sie sind Jüdinnen, Muslime und Christinnen. Und sie leben in den ärmsten Vierteln Tel Avivs.

Dass auch einige «weisse Israelis» zum Team gehören, nennt Rotem Genossar «umgekehrte Integration». Wundern tut es den 35-Jährigen nicht, immerhin managt er den erfolgreichsten Laufklub des Landes. Hundert AthletInnen, davon fünfzehn SprinterInnen. Alter: zehn bis vierzig Jahre. Disziplin: Cross Country, Stadion, Strassenrennen. Sie treten auf Schulebene an, national – und seit sie den israelischen Championtitel halten, auch in Europa.

«Ich bin doch Israelin!»

Rotem Genossar ist ein schlaksiger Mann, der in der zweiten israelischen Liga Basketball spielte, bevor sein Rücken Ärger machte. Wenn er nicht mit den LäuferInnen unterwegs ist, arbeitet er als Sozialkundelehrer an der multikulturellsten Schule Israels: Aus 51 Ländern stammen die SchülerInnen an der Bialik-Rogozin im vernachlässigten Süden der Stadt, wo die meisten LäuferInnen zu Hause sind. Nach israelischem Recht hat jedes Kind im Land Anspruch auf kostenlose Bildung – auch Kinder von Arbeitsmigrantinnen und Asylbewerbern. An der Bialik-Rogozin nehmen sie das ernst: 96 Prozent schaffen hier das Abitur. Die Schule gilt als Lichtfleck im Schattenschlag der «Weissen Stadt», wie Tel Aviv genannt wird.

Jetzt packt Genossar seinen sechsjährigen Sohn Neta an der Hand, joggt hinter den Läufern zum Start, überlässt sie dort dem Trainer und mogelt sich durch die Absperrung auf eine Verkehrsinsel. Kaum knallt der Schuss, fliegt auch schon der gelbe Pulk der Gassenläufer vorbei. Zehn Kilometer und keine halbe Stunde später preschen sie schon auf der anderen Strassenseite heran. Jamal Abdelmajid Eisa Mohammed macht den zweiten Platz bei den Herren. Eisa Mohammed mit der Zahnspange, der als Siebzehnjähriger alleine über die Grenze kam und für den Genossar Reisegenehmigungen im Innenministerium erbettelt. Damit er wie letztens in Portugal mit dem Team den dritten Platz an der Europameisterschaft holen kann – für Israel.

Für Genossar ist das Rennen noch nicht zu Ende. In der Marathongasse laufen nun drei Kenianer vorbei. Profis, die für Wettkämpfe um die Welt fliegen. Genossar guckt ungeduldig auf die Uhr, und – endlich! – da taucht er auf: Mubarak Ismail Adam, ein zierlicher Mann im blauen Trikot. Lächelnd klatscht er Genossars Hand ab und läuft über die letzten Meter ins Konfetti hinter dem Ziel.

Auch Ismail Adam ist vor zehn Jahren illegal über die Grenze eingewandert. In Darfur studierte er Tierschutz. In Tel Aviv räumt er Lager ein. In Darfur lebt die Familie, in Tel Aviv ist er einsam. Im Sudan wird er verfolgt, in Israel zieht er den Kopf ein, wenn er Beamte sieht. Zweimal hatten sie ihn nach Cholot ins Flüchtlingsgefängnis geschickt.

Eines Tages hat er ein paar Joggingschuhe gekauft und ist losgerannt, durch den Park hinter seiner Wohnung. Um den Kopf frei zu bekommen. Wenn er mal wieder in Gedanken an eine Wand rannte. Weil nichts vorangeht ohne Aufenthaltstitel. Weil er alle paar Monate um ein neues Visum bangt. An seinem ersten Stadtlauf nahm er unter der Personalnummer eines Bekannten teil.

Ein wenig später, nach der Siegerehrung der Kenianer, schüttelt ihm deren Trainer die Hand. Der Dreissigjährige hat es zwar nicht aufs Podest geschafft, aber mit 2:32:43 ist er Zweiter unter den einheimischen Startern. Es ist ein bittersüsser Triumph. Hätte er einen Aufenthaltstitel, so träumt er, könnte er auch mal aus dem Land reisen, beim Marathon in Berlin antreten.

Genossar fotografiert jetzt die SiegerInnenehrung der Frauen. Wieder ist es eine erfahrene Kenianerin, die den ersten Platz gemacht hat. Neben ihr steht, der Lorbeerkranz ist über die schmale Stirn gerutscht, die einzige Frau, die heute für Genossars Team gelaufen ist: Die 26-jährige Mentamar Bikiya hat sich nicht nur den dritten Platz erkämpft, sondern auch ihren persönlichen Rekord über die 42 Kilometer geschlagen. Als der Trupp zum Parkplatz spaziert, fällt sie zurück, humpelt auf übersäuerten Beinen. Genossars Sohn Neta schleift für sie die Papptafel durchs Gras, auf der in grossen Ziffern ihr Preisgeld steht. «Was für ein perfekter Tag», sagt sie zähneklappernd. Und dann: «Verrückt, alle haben mich auf Englisch angefeuert. Ich bin doch Israelin!»

Nicht nur die unerwünschten EinwanderInnen aus Afrika, auch die äthiopischen JüdInnen sind in der israelischen Gesellschaft weitgehend unsichtbar. Seit den Achtzigern wurden die «falaschim» von der Regierung zwar in aufwendigen Operationen nach Israel geholt. Doch mit ihrer «aliyah», dem «Aufstieg» ins Gelobte Land, landeten sie ganz unten in der Gesellschaft des jüdischen Staates.

Eine schwarze Israelin auf dem Siegerpodest, vor Fernsehkameras – das war das Bild, das die Anwältin und Hobbyläuferin Shirith Kasher im Kopf hatte, als sie sich vor ein paar Jahren mit einem Topf Spendengelder an der Bialik-Rogozin-Schule nach zukünftigen Athletinnen umsah. Genossar hatte damals gerade ein Basketballteam auf die Beine gestellt, suchte nach Möglichkeiten, seine SchülerInnen ausserhalb des Klassenzimmers zu fördern: Was sollte aus den Kindern der MigrantInnen werden, die jüdische Brauchtümer paukten und nach Lehrplan zu mündigen BürgerInnen eines Staates erzogen wurden – der ihnen doch die Grundrechte verwehrt?

So kam es, dass ein Sozialkundelehrer zum Sportklubmanager wurde, eine Immobilienanwältin zur PR-Expertin und sich der Wirtschaftsanalyst Yuval Carmi für ein bescheidenes Honorar als Cheftrainer von ein paar laufwilligen Mädchen einstellen liess. Oder wie Genossar es ausdrückt: «Yuval war froh, dass wir ihn aus seinem Bürobunker befreit hatten.»

«Als Läufer hast du bessere Chancen»

Das war 2012. Es dauerte nicht lange, bis auch die Jungs mitmachen wollten. Der erste war Daniel Mulushet Zewdu. An der Schule galt er als Basketballcrack: Ein Porträt seines Idols Kobe Bryant von den Los Angeles Lakers hängt wie ein Marienbild im Wohnzimmer. Das Mittagslicht und die Schnellstrasse vor dem Haus hat Mulushet Zewdu mit Vorhängen abgedämpft, und er hat Kerzen angezündet. Kurze Pause im getakteten Tag eines jungen Mannes, der sich am Sport festhält. Die Pose, das Spielerische, all das liebte er am Basketball. «Beim Laufen leidet jeder für sich allein», sagt er.

«Als Läufer hast du bessere Chancen», riet ihm der Vater, der sich selbst unermüdlich von Job zu Job gehangelt hat, um seinen Söhnen das Leben zu bieten, das er sich erhofft hatte, damals in Darfur. Heute bringt er versehrte israelische Soldaten wieder auf die Beine. Ausgerechnet: ein Illegaler aus Afrika! Einer von denen, die Sportministerin Miri Regev mit «Tumorzellen» im Körper der Nation verglich.

Mit den GassenläuferInnen hatte Mulushet Zewdu plötzlich ein Team. Aber so schnell er auch rannte, ihm lief die Zeit davon. Als nichtanerkannte Asylsuchende dürfen nur Jugendliche bei nationalen Wettkämpfen antreten, und das auch nur dank des Einsatzes der Laufklubs. «In vielen Ländern steht der Sport über der Politik», sagt Daniel. «Hier ist es umgekehrt.»

Wenn er nicht mehr weiter weiss, ruft Mulushet Zewdu seine Grossmutter in Äthiopien an. «Halte dich fest an dem, was du hast», sagt sie. «Lass los, was du nicht ändern kannst!» Also lief er weiter, machte seinen Schulabschluss und begann, Kinder zu trainieren, erst für gutes Geld in Schulen im Norden. Doch vor ein paar Monaten bat ihn Genossar, die Junioren zu übernehmen. «Das ist etwas Grosses für mich», sagt Daniel Mulushet Zewdu. «Den Jungs zu helfen, diese Stärke im Kopf zu entdecken, das langfristige Ziel zu sehen statt nur den Spass beim Fussball im Park.»

Als Vorbild dient ihm Cheftrainer Yuval Carmi, der alle Sorgen der Läufer kennt. Yuval war es auch, der sich für die Aufnahme der älteren Läufer einsetzte. Die meisten stammen wie Mubarak Ismail Adam aus dem Sudan, arbeiten als Tellerwäscher oder Hilfsarbeiter und wissen nach Schichtende nichts mit sich anzufangen. Also trinken sie oder kauen Khatblätter: diese Droge aus dem Jemen, die für einen Moment alles erträglicher macht.

Genossar sträubte sich erst: «Wir spielen nicht mit Flüchtlingen, wir wollen jungen Sportlern eine ernsthafte Perspektive bieten.» Wie Rahel Gebretsadik, der allerersten Gassenläuferin, die nun mit einem Stipendium an der Universität von Miami trainiert, oder wie Mulushet Zewdus Freund Ramzi Abduljabar, dessen Erfolge dabei halfen, seinen Asylantrag durchzuboxen.

Vielleicht unterschätzte Genossar damals die Kraft der Gemeinschaft. Wenn ein Trupp von siebzig LäuferInnen dienstagnachmittags durch den Hayarkon-Park läuft oder am Mittwoch aus dem Süden bis zum Ben-Gurion-Flughafen, dann scheint der Boden zu beben – dann fühlt man sich in der Gruppe wie eine Naturgewalt.

«Es gibt immer jemanden, dem es schlechter geht»

Am liebsten hat Mubarak Ismail Adam Bergtraining, freitags, in den Hügeln vor Jerusalem. Um 5.30 Uhr ist Abfahrt in Süd-Tel-Aviv. Während Rotem Genossar im Reisebus die LäuferInnen durchzählt, Daniel Mulushet Zewdu sich die Kapuze über den Kopf zieht und wegnickt, die jungen Mädchen hinten im Bus plappern und kichern, guckt Ismail Adam aus dem Fenster. Die Strassen sind leer, bis auf ein paar NachtschwärmerInnen, die aus dem «Block», einem Undergroundclub, taumeln – und den Männern mit den hochgezogenen Schultern, die sich aus anderen Gründen die Nacht um die Ohren schlagen. Mubarak Ismail Adam weiss, wie sie sich fühlen. Er war einer von ihnen.

Der Koloss aus Sichtbeton war das Erste, was er damals von Tel Aviv sah. Die Grenzpolizei hatte die Geflüchteten aus dem Wüstensand gesammelt, sie in ein Lager gesperrt, registriert und dann in einen Autobus zu diesem Bahnhof gesetzt. Dort waren sie auf sich allein gestellt. In der Tasche: eine befristete Aufenthaltsgenehmigung und ein Arbeitsverbot – eine Praxis, die nicht nur die Asylsuchenden bis heute in einem rechtlichen Schwebezustand gefangen hält, sondern auch den vernachlässigten Vierteln um den Bahnhof zusetzt. Und damit den Fremdenhass schürt.

Seit jeher liegt der Süden Tel Avivs im Unterbewusstsein der Stadt. Hier siedelten einst die ärmsten jüdischen EinwanderInnen. Später florierten um den Busbahnhof Drogenhandel und Prostitution. In den neunziger Jahren kamen GastarbeiterInnen aus Asien dazu und schufen sich eine autarke Infrastruktur aus Geschäften, Kirchen, Banken. Und plötzlich wurde der kleine Levinsky-Park mit dem verwaschenen Klettergerüst von Flüchtlingen bevölkert.

Es war Winter, und es regnete, als Mubarak Ismail Adam in Sandalen auf der kaputten Rolltreppe im Busbahnhof stand und sich fragte, wo er da gelandet sei. Den Hunger und die Kälte spürte er kaum, als ihn ein Mann in seiner Heimatsprache Fur ansprach und ins informelle Auffangnetz einführte: Da war die Kirche, in der der Muslim nach dem Gottesdienst zwischen den Bänken schlafen konnte. Der Ein-Schekel-Shop, in dem er sich mit anderen ein Essen teilte, die Mülltonne, aus der er ein paar Kleidungsstücke fischte. Und der Hausmeister, der ihn in einem Rohbau wohnen liess. Nach fünf Monaten sprach Ismail Adam Hebräisch, wunderte sich nicht mehr, dass man auch ohne Arbeitserlaubnis an Jobs kommt, und hatte eine Einsicht gewonnen: «Es gibt immer einen, dem es schlechter geht.»

Der Mannschaftsbus hält nun an einem Wanderparkplatz. Genossar ruft: «Zack, zack, kein Gejammer, dass es verdammt kalt ist. Wir laufen gleich los!» Fünfzig Paar Beine werden wachgeschüttelt. Dann verschwindet der Trupp um Daniel Mulushet Zewdu hinter der ersten Serpentine. Eine Runde für die JuniorInnen, acht Kilometer, zwei zähe Anstiege. Die SeniorInnen laufen zwei Runden, die LangstrecklerInnen zwanzig Kilometer. Genossar selbst hängt sich für einen Schwatz an die jungen Eritreerinnen Yusan und Nazreth.

Als die Sonne gegen den Nebel gewinnt und die Männer in die letzte Runde gehen, wetten die Jüngsten, wer als Nächstes hinter der Steigung erscheint, laufen ein paar Schritte mit und nehmen abgeworfene Jacken in Empfang. «Wir sind der grösste Laufklub Israels, aber bei uns kennen sich alle», sagt Genossar, als er später Bananen und Mandarinen verteilt.

«Wir sind zum Prestigeobjekt geworden»

Für Ismail Adam sind es längst nicht mehr nur Yuval Carmis Trainingspläne, die ehrenamtlichen Physiotherapeuten oder die bürokratische Hilfe, die er vom Laufklub bekommt. Es sind die Begegnungen auf der Strasse oder auf dem Markt, die ihm den Alltag erhellen. «Wir sind wie eine Familie», sagt er.

Bevor die LäuferInnen im Sommer eines der alten Arbeiterhäuschen in Ismail Adams Nachbarschaft als Klubhaus bezogen, hatte Genossars Kofferraum als Materiallager gedient. Nun stapeln sich die Laufschuhe in einem Regal im winzigen Garten. Anfangs bezahlte der Verein die Schuhe, aber Genossar fand, die LäuferInnen sollten die Hälfte selbst dazulegen. Dazu kommt eine symbolische Mitgliedsgebühr. Die Vereinssatzung lautet: Trainieren, gut essen, ausreichend schlafen.

Als «Sporterzieher des Jahres» hat ihn die Stadt dafür ausgezeichnet. «Wir sind ein Prestigeobjekt geworden», sagt Genossar. Das Geld ist trotzdem knapp. Stadt und Sportministerium geben den üblichen Beitrag für Sportvereine, Shirith Kasher hat eine Investmentfirma und einige Privatleute als SponsorInnen gewonnen, der Volvo-Importeur leiht ihnen Mannschaftsbusse. Aber alleine die Antrittsgebühren kosten pro AthletIn ein paar Tausend Schekel im Jahr (1000 Schekel sind knapp 300 Franken). Genossar macht eine Tugend daraus: Im Trainingslager schlafen sie in Schulen auf gemieteten Matratzen und kochen selbst: «Stärkt den Gemeinschaftsgeist», sagt er. Auch das Klubhaus wirkt eher wie eine Notunterkunft. Einziger Schmuck sind die Fotos von Wettkämpfen, die über den durchgesessenen Sofas im Wohnzimmer hängen, und die Vitrine mit den Teampokalen. Das spartanische Schlafzimmer teilen sich gerade zwei der älteren Läufer. «Eine Übergangslösung», betont Genossar.

Als die Jugendlichen mit ihren Rucksäcken eintrudeln, geben sie sich reihum die Hand. Es gibt kein Internet, stattdessen mahnt ein Bücherstapel an die zweite Funktion des Läuferheims: «Viele finden zu Hause nicht die Ruhe, ihre Schulaufgaben zu machen», erklärt der ehrenamtliche Mathelehrer. Die vierzehnjährige Yusan hat ihren kleinen Bruder mitgebracht, der gleich mit Genossars Sohn über die Betten tobt. «Hausaufgaben!», mahnt Yusan und zieht die Hefte aus der Tasche. Ihre Freundin Nazreth trägt die Laufhosen schon unterm langen Rock, wechselt Sandalen gegen Sportschuhe und zieht alleine los in den Park. Sie soll im Sommer bei der Europäischen Jugendolympiade in Aserbaidschan antreten. Vorausgesetzt, Israel stellt der Eritreerin bis dahin einen temporären Reisepass aus.

Der 24-jährige Darfuri Jamal hat sich den seinen kürzlich erlaufen. Das Stipendium, das ihm das Olympische Komitee gemeinsam mit der Uno-Flüchtlingshilfe verlieh, beeindruckte sogar die israelischen Behörden. Mit der Unterstützung soll er sich für die Spiele 2020 in Tokio qualifizieren. Nicht unter israelischer Flagge freilich – sondern als Vertreter des internationalen Flüchtlingsteams, das 2016 in Rio de Janeiro das erste Mal antrat.

Rotem Genossar, der nun eingepfercht zwischen Kindern und Jugendlichen im Wohnzimmer sitzt, erzählt, dass man noch über die Gestaltung der Flagge diskutiere. Einer der Teenager, der Yusans Bruder hilft, die Wörter in seinem ABC-Schützen-Buch zu entziffern, horcht auf und blickt in die Runde: «Schwarz!»

Nachtrag: Letzten Samstag gewann Mubarak Ismail Adam den diesjährigen Jerusalem Marathon.

Ein Staat ohne Asylgesetz

Zehntausende ohne Schutzstatus

Obwohl sich Israel für die Genfer Flüchtlingskonvention eingesetzt hat und ihr 1951 beigetreten ist, hat es bis heute kein Asylgesetz.

1954 beschloss Israel ein «Anti-Infiltrations-Gesetz», um palästinensische Flüchtlinge davon abzuhalten, in den neuen Staat zurückzukehren. 1995 ersetzte Israel aus Furcht vor Anschlägen die bisherigen palästinensischen ArbeiterInnen durch ArbeitsmigrantInnen aus Asien.

Ab 2005 flüchteten Zehntausende Menschen aus afrikanischen Staaten – vor allem aus Eritrea und dem Sudan – nach Israel. 2007 gewährte der Oberste Gerichtshof 500 Asylsuchenden aus Darfur zwar einen Aufenthaltsstatus, nicht aber die Anerkennung als Flüchtlinge. Noch im gleichen Jahr wurden «freiwillige Abschiebungen» (Gefängnis oder Flugticket) nach Ruanda und Uganda veranlasst.

2011 begann Israel mit dem Bau des Grenzzauns zu Ägypten. Zwei Jahre später wurde in der Wüste Negev das Lager Cholot eröffnet, wo nach Angaben der NGO Hotline for Refugees and Migrants seit 2013 rund 10 000 Asylsuchende inhaftiert wurden.

Anfang 2018 plante die Regierung die Abschiebung von rund 20 000 Asylsuchenden bis zum Jahr 2020. Wegen der Proteste von israelischen MenschenrechtlerInnen wurde der Plan dann aber im April 2018 erstmals eingefroren: Stattdessen einigte sich Israel mit dem Uno-Flüchtlingskommissariat darauf, die Hälfte der über 40 000 Asylsuchenden in westliche Länder umzusiedeln und die andere Hälfte mit einem Schutzstatus im Land bleiben zu lassen. Wenig später jedoch ruderte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu unter dem Druck seiner rechten WählerInnen auch davon wieder zurück.  

Agnes Fazekas

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