Nr. 12/2019 vom 21.03.2019

Prozess gegen Schwedens Ölbaron

Der Ölkonzern Lundin mit Sitz in Genf steht wohl schon bald vor Gericht – wegen Völkerrechtsbruch im Sudan.

Von Volodya Vagner

Hat die Firma wirklich nichts von den Menschenrechtsverbrechen gewusst? Lundin-Präsident Ian Lundin mit Alex Schneiter, dem Schweizer Geschäftsführer. Foto: Mikael Sjoberg, Getty

Der Ölkonzern Lundin Petroleum schreibt wohl bald schon Geschichte – und doch dürfte deswegen der Firmenleitung kaum zum Feiern zumute sein. Dem Vorstandsvorsitzenden Ian Lundin und dem Schweizer Geschäftsführer Alex Schneiter droht die zweifelhafte Ehre, als erste Unternehmer seit dem Prozess gegen den deutschen Chemiekonzern IG Farben nach dem Zweiten Weltkrieg wegen Völkerrechtsbruch angeklagt zu werden. Beim wohl diesen Frühling im Stockholmer Amtsgericht beginnenden Prozess geht es um Vorwürfe, die Firma habe sich zwischen 1997 und 2003 an Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung im heutigen Südsudan mitschuldig gemacht. Ein Schuldspruch könnte jahrelange Gefängnisstrafen nach sich ziehen.

Als der Konzern Mitte der neunziger Jahre die Rechte erwarb, im Süden des damals noch vereinigten Sudan nach Öl zu bohren, befand sich das Land schon im Bürgerkrieg. In der Hauptstadt Khartum regierte der mittlerweile per internationalem Haftbefehl gesuchte Präsident Umar al-Baschir, in Teilen des heute unabhängigen, ölreichen Südens hatten Rebellen das Sagen. Das Familienunternehmen Lundin schreckte dies nicht ab. Der 2006 verstorbene Firmengründer Adolf Lundin – Ian Lundins Vater – war stolz darauf, sich in Gebiete zu wagen, die anderen zu heiss waren.

Kindersoldaten am Strassenrand

Vorwürfe, dass das Engagement der Firma die Gewalt befördere, häuften sich bald. Da die Ölförderung eine für das Regime wichtige Einkommensquelle war, wurden die Ölfelder in einem als «Block 5A» bezeichneten Gebiet entlang des Weissen Nils zum Brennpunkt. In ihrem Bestreben, die Förderanlagen vor Rebellenangriffen zu schützen, erklärten das sudanesische Militär und verbündete Milizen kurzerhand der gesamten lokalen Zivilbevölkerung den Krieg.

Laut AugenzeugInnen und damals dort aktiven Hilfsorganisationen kam es zu Luftangriffen auf ZivilistInnen und der Vernichtung ganzer Dörfer. Dass man bei Lundin davon nichts wusste, lässt sich zumindest bezweifeln. ZeugInnen berichten unter anderem, sie hätten Militärhelikopter auf dem Firmengelände starten und landen sehen. Als ein schwedischer Filmemacher 2001 Ian Lundin in seine Ölfelder begleitet, kommt es zu einer verstörenden Szene: Bei einem kurzen Halt am Strassenrand taucht plötzlich ein Trupp Kindersoldaten auf. Im khakifarbenen Hemd, sichtlich peinlich berührt und zwei Köpfe grösser als die ihn umgebenden Kinder mit Kalaschnikows, stammelt der Ölbaron in die Kamera, es sei eine «Verallgemeinerung», zu behaupten, diese Kinder würden als Wachen für die Ölfelder eingesetzt.

Kratzer fürs Image

Eines der umfassendsten Zeugnisse der Ereignisse ist der 2010 von der European Coalition on Oil in Sudan (Ecos) veröffentlichte Bericht «Unpaid Debt». Gemäss dem Bericht starben zwischen 1999 und 2003 12 000 EinwohnerInnen des Gebiets Block 5A an den Folgen des Konflikts. 160 000 sollen vertrieben worden sein. Es war dieser Bericht, der den schwedischen Anwalt Sten de Geer 2010 dazu brachte, die Firma anzuzeigen und den nun anstehenden Prozess ins Rollen zu bringen: «Ich war eigentlich schon fast in Rente, aber nachdem ich den Bericht gelesen hatte, sah ich mich aus moralischen Gründen gezwungen, das Ganze dem Staatsanwalt vorzulegen», sagt de Geer.

Angesichts der erheblichen Ressourcen, die die Staatsanwaltschaft über die vergangenen acht Jahre in die Ermittlungen gesteckt hat – und der mehrmaligen Hausdurchsuchungen an den Firmensitzen in Stockholm und Genf, die sie hat durchführen lassen –, bestehen kaum Zweifel, dass es schliesslich dieses Jahr zu einer Anklage kommen wird. Diese dürfte weltweit Wellen schlagen.

Das Lundin-Imperium ist ein bedeutender Akteur der schwedischen Wirtschaft. Neben Ian Lundins Ölgeschäften ist dessen Bruder Lukas, Chef des Schwesterunternehmens Lundin Mining, auch weltweit im Bergbau aktiv. Die beiden Brüder sind Milliardäre und gehören zu den reichsten SchwedInnen. Ein Politikum ist der Fall auch, weil Carl Bildt, der ehemalige Ministerpräsident (1991–1994) und Aussenminister (2006–2014), um die Jahrtausendwende im Aufsichtsrat der Firma sass. Bildt, ein Teflonpolitiker wie aus dem Bilderbuch, hatte diese Verbindung nie ernsthaft geschadet. In letzter Zeit inszeniert er sich gerne als europäischer Staatsmann. Ob Bildts Image durch die Lundin-Affäre nun doch noch Kratzer abbekommt, wird sich zeigen, wenn die Ermittlungsakte bei der Prozesseröffnung öffentlich wird.

Verdacht auf Strafvereitelung

Doch auch ausserhalb von Schweden dürfte der Prozess in manchen Vorstandsetagen für Aufsehen sorgen. Laut der Menschenrechtsexpertin Penelope Simons, die anlässlich einer kanadischen Untersuchungskommission 1999 auch selbst im Sudan war, ist es «bahnbrechend», dass Lundins Zusammenarbeit mit den sudanesischen Sicherheitskräften nach Ansicht der schwedischen Staatsanwaltschaft reicht, um die Firmenchefs wegen Mittäterschaft an Kriegsverbrechen strafrechtlich zu verfolgen. «Dieser Prozess dürfte weltweit für Rohstoffunternehmen, die darüber nachdenken, in Konfliktgebieten aktiv zu werden, Konsequenzen haben», sagt die Jusprofessorin von der Universität Ottawa. Insofern ist allein schon die Tatsache, dass der Prozess stattfindet, ein Sieg für die Menschenrechte – unabhängig von seinem Ausgang.

Was die Herren Lundin und Schneiter zudem noch in Bedrängnis bringen könnte, ist eine 2018 eingeleitete Ermittlung wegen des Verdachts auf Strafvereitelung: Berichten zufolge sollen Zeugen im Sudanfall von Handlangern mit Lundin-Verbindung bedroht worden sein.

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