Nr. 47/2019 vom 21.11.2019

Eine letzte Runde für die «Evolution 471» Wie sich ein junger Historiker die Neuerfindung der Branche vorstellt. Wo Ehemalige von NZZ Print inzwischen gelandet sind. Und was aus der gigantischen Druckmaschine geworden ist.

Text: Adrian Riklin; Fotos: Ursula Häne

Schlieren, am 30. Juni 2015, nach 22 Uhr. David Pierlot schliesst zum letzten Mal seinen Garderobenkasten. Wenige Stunden später tritt er seine neue Stelle in Aarau an. Und gleich schon am folgenden «brandheissen Tag», wie Peter Schönmann sagt, findet in Schlieren eine letzte Zusammenkunft statt. «Game over»: So lautet der Slogan zur Party. Rita Pally kann sich gut erinnern: «Es kamen etwa siebzig Mitarbeitende, die Stimmung war angesichts der Umstände gut.»

Die Papierstreifen, die die passionierte Bastlerin für die Dekoration einsetzt, nimmt sie von den monströsen Papierrollen, die noch immer herumstehen, als warte ein neuer Grossauftrag auf seine drucktechnische Vollendung. Dreissig Tonnen: So viel Papier ist am Schluss in Schlieren übrig geblieben. Für Pally zögert sich der Abschied hinaus, noch bis in den Oktober räumt sie auf und erledigt letzte administrative Arbeiten, während es in den riesigen Hallen immer gespenstischer wird.

Am 17. Dezember 2015 vermeldet die NZZ: «Swiss Prime Site kauft NZZ-Druckerei». Der Richtpreis, der dafür ausgeschrieben wurde: 26 Millionen Franken.

Nicht einmal zwei Jahre später, am 8. November 2017, platzt die nächste Bombe: Der Ringier-Konzern kündigt die Schliessung seiner Druckerei im luzernischen Adligenswil auf Ende 2018 an. Gleichentags meldet die NZZ, dass die «Luzerner Zeitung» neu bei Tamedia in Zürich gedruckt werde. Auch «Blick», «SonntagsBlick», «Handelszeitung» und «Le Temps» würden künftig in den Tamedia-Druckzentren Zürich, Bern und Bussigny gedruckt. Derweil will Ringier seine Druckaktivitäten auf die Swissprinters AG in Zofingen konzentrieren.

«Die WOZ wird womöglich bald bei Tamedia anklopfen müssen», kommentiert am 16. November 2017 Stefan Howald in der WOZ. «Bleibt uns eine andere Wahl? Vielleicht. Aber nur knapp. Es gibt noch drei Druckereien in der Schweiz, die für ein mittelgrosses Produkt infrage kommen.» Seit Juli 2018 wird die WOZ bei der Mittelland Zeitungsdruck AG von AZ Medien in Aarau gedruckt.

«Bist du das?»

Hier arbeitet mittlerweile auch Franco Brajkovic, als Schichtleiter in der Ausrüstung. Als er 2015 als Erster von zwölf NZZ-Print-MitarbeiterInnen nach Aarau gekommen sei, sei die Auftragslage noch überschaubar gewesen. «Wir führten eine Organisation ein, die wir von der NZZ Print kannten», sagt Brajkovic und klingt dabei ein wenig wie ein Fussballtrainer, «ein Schichtleiter, zwei bis drei Maschinenführer sowie je nach Auftragslage zwei bis zehn Hilfsarbeiter und Temporäre.» Es habe zwei Jahre gebraucht, bis das System wirklich funktioniert habe. «Als Verwaltungsratspräsident Peter Wanner an der Jahresversammlung die Verbesserung des Prozesses lobte, die durch ehemalige NZZ-Mitarbeiter erreicht worden sei, schauten die Leute zu meinem Tisch und fragten: ‹Bist das du?› Heute grüssen mich auch die Kaderleute in den Gängen.»

Durch die Schliessung der Ringier-Druckerei stiegen AZ Medien hinter Tamedia zur Nummer zwei im Schweizer Zeitungsdruck auf. 2018 fusionierten AZ Medien und die NZZ-Gruppe ihr regionales Geschäft und gründeten das Medienunternehmen CH Media. Rund zwanzig Millionen Franken hat das Aarauer Medienhaus seither in die Herstellung investiert. Demnächst ist der Bau einer neuen Produktionshalle abgeschlossen. Ab Januar 2020 soll sie betriebsbereit sein – mitsamt einer zusätzlichen Maschine. «Momentan testen wir fast jeden Tag ein neues Produkt – die warten alle nur auf die neue Maschine», sagt Brajkovic.

In Aarau druckt das Medienhaus inzwischen zahlreiche Zeitungen – von der «Basellandschaftlichen Zeitung» bis zum «Badener Tagblatt». Von der Ringier-Druckerei hat man zudem Grossaufträge von Coop übernehmen können: Es geht um eine 2,5-Millionen-Auflage in drei Landessprachen. 680 000 Exemplare der «Coopzeitung» werden Woche für Woche in Aarau gedruckt, den Rest übernehmen die durch CH Media mit Aarau verbundene NZZ-Druckerei in St. Gallen und die Vogt-Schild Druck AG in Derendingen, eine Tochter von AZ Medien.

Schlieren im Herbst 2019. Noch immer ist das Gebäude des einstigen Druckereizentrums mit Gerüsten umstellt. Demnächst eröffnet Swiss Prime Site hier ein «Zentrum für Wissenstransfer, Innovation und Unternehmertum», inklusive einer grossen Eventhalle mit «einzigartigem Industriecharme». Das NZZ-Logo, das sich ZugfahrerInnen auf der Strecke zwischen Zürich und Aarau eingeprägt hat, ist längst abmontiert. Stattdessen prangt auf den Blachen der Slogan: «Denker treffen Macher». Ein Vorgeschmack auf das Ende der gedruckten Zeitung?

Entschleunigen, bitte!

«Die Behauptung der Konzerne, Zeitungen würden nicht mehr rentieren, ist falsch: Historisch gesehen war die Finanzierung von Zeitungen schon immer von der Werbung abhängig», sagt Michael Moser, Zentralsekretär bei Syndicom. «Heute werden die Einnahmen daraus einfach nicht mehr in den Druck und die Publizistik zurückgeleitet.» Moser weiss, wovon er spricht. Der gelernte Polygraf ist auch Historiker und durchleuchtete in seiner Masterarbeit an der Universität Zürich die Technik-, die Berufs- und die Strukturgeschichte der grafischen Industrie von 1965 bis 2015.

Moser nennt drei Aspekte, die die Branche schrumpfen lassen: sinkende Auflagen, schnellere Maschinen und der Konkurrenzdruck aus dem Ausland. Eine wesentliche Rolle spiele auch der Preisdruck: «Indem die Tiefpreise der Druckereien, die online möglichst viele Aufträge akquirieren und zu einer gemeinsamen Druckform bündeln können, auch von normalen Druckereien übernommen werden, verdienen diese kaum noch etwas an ihren Aufträgen.» Hinzu komme, dass sich die Grossdruckereien mit Dumpingpreisen unterbieten, um ihre Maschinen möglichst zu hundert Prozent auszulasten. Die Konsequenz: Der Spardruck beim Personal wird immer grösser.

Was für Antworten hat da der Gewerkschafter parat? Moser muss nicht lange überlegen: «Erstens braucht es dringend eine Entschleunigung», sagt der 34-Jährige in seinem Büro im Syndicom-Zentralsekretariat in Bern. «Heute sind die Maschinen so wahnsinnig getaktet, dass kaum Luft bleibt, nur schon, um mal durchzuatmen.»

Und zweitens, so Moser, sei es nötig, die Arbeitszeit zu verkürzen. Dazu müsse man wissen: «Um die Kosten zu senken, haben einige Druckereien die Arbeitszeit von 40 auf 42 Stunden pro Woche erhöht – die meisten ohne Lohnausgleich. So ist die einzelne Stunde für den Betrieb zwar billiger, ohne dass dabei aber zwingend mehr produziert wird. Vielmehr führt das zu Minusstunden etwa im Dreischichtbetrieb, da ein Tag nun mal nur drei mal acht Stunden dauert», sagt Moser. «Die Arbeitsbedingungen würden sich nur schon verbessern, wenn flächendeckend wieder die 40-Stunden-Woche eingeführt würde.»

Als Drittes, so Moser, müsse der Fokus wieder mehr auf die Qualität gelegt werden: «Die technologischen Fortschritte müssen endlich qualitativ und nicht mehr nur quantitativ ausgeschöpft werden. Dann sehe ich grosse Chancen, das Handwerk langfristig weiterzuentwickeln.»

Für Moser steht fest: «Die Druckbranche muss sich neu erfinden.» Heute müssten Argumente gefunden werden, warum ein Kunde etwas drucken soll. «Bei Tageszeitungen etwa, die auf Aktualität angewiesen sind, hat der Druck gegenüber dem Internet natürlich Nachteile. Aber bereits Wochenzeitungen und ähnliche Publikationen wird eine Mehrheit der Leser auch in Zukunft lieber analog lesen wollen.» Auch bei vielen anderen Produkten gebe es immer auch Argumente, die für den Print sprächen. «Der Druck muss heute aber einen Mehrwert bieten, der ihn von der digitalen Variante abhebt – nur billig und schnell reicht nicht.» Gedruckt könne man zum Beispiel Qualität, Wertigkeit und Emotion nur schon über die Haptik vermitteln. «Wenn die Kunden dabei von Druckereien von der Idee bis zum fertigen Produkt begleitet werden und diese Dienstleistung auch verrechnet wird, bietet das ein enormes Potenzial für die Branche.»

Gastspiele, Umwege, Odysseen

Und was heisst das für die Angestellten in einer Zeitungsdruckerei? David Pierlots Gastspiel bei der Mittelland-Zeitungsdruckerei endete nach zweieinhalb Jahren. Der frisch diplomierte Kaufmann wollte mehr Verantwortung. Als er davon hörte, dass das Druckzentrum Zürich (DZZ) von Tamedia einen Teamleiter im Versand suchte, bewarb er sich. Seit Dezember 2017 ist Pierlot einer von drei Teamleitern im DZZ. In der ersten Woche macht er Frühschicht in der Spedition, in der zweiten Mittelschicht im Büro und in der dritten Woche Spätschicht wieder in der Spedition. Das passt ihm. Vor allem ist Pierlot froh, keine Nachtschicht mehr machen zu müssen. Derzeit arbeiten im DZZ rund zwanzig MitarbeiterInnen am Tag sowie dreissig in der Nacht im Versand. Spitzen und ausserordentliche Aufträge werden mit Temporärangestellten abgedeckt.

Petra Kneubühl, die sich in Medienmanagement und -wirtschaft weiterbildete, arbeitet seit zwei Jahren als Auftragskoordinatorin und Berufsbildnerin bei der Verpackungsfirma Pawi in Winterthur. Kontakte zu ihren ExkollegInnen von NZZ Print hat sie keine mehr: «Es war eine gute Zeit. Coole Leute, guter Lohn, schöne Druckerei.» Aber das sei vorbei. Sie habe gerne als Druckerin gearbeitet, sehe für ihre Generation aber in der Branche keine Zukunft mehr. Nach dem Schliessungsentscheid in Schlieren habe sie über hundert Bewerbungen schreiben müssen, um eine Stelle im Verkaufsinnendienst zu finden. Beim Papiergrosshändler Inapa in Regensdorf wurde sie endlich fündig. Doch nicht für lange. 2017 wurde die Firma von der Papyrus Schweiz AG in Thalwil aufgekauft, 25 der 75 MitarbeiterInnen wurden entlassen: «Ohne Sozialplan!» Da sei es in Schlieren weit sozialer abgelaufen: «Das Jobcenter war gut. Und der Lohnausfall, der durch die gestrichenen Nachtschichten entstanden war, wurde kompensiert. Man konnte auch Anträge stellen. Mir zum Beispiel wurde ein Teil der Weiterbildung finanziert.»

Giuseppe Bufalino geniesst seit seiner Frühpensionierung weiterhin die freie Zeit. Zwei- bis dreimal im Jahr fährt er mit seiner Frau in seine Heimatstadt Syrakus, wo er sich ein Haus gekauft hat. «In Sizilien kann ich mit meiner Rente leben wie ein König», sagt er. Zu Hause in Thalwil zelebriert der 62-Jährige mit dem Inter-Mailand-Tattoo am Oberarm seine neue Passion: ausgedehnte Spaziergänge und Wanderungen. «Fussballspielen geht leider nicht mehr: Meine Knie und mein Rücken sind nach all den Berufsjahren kaputt.» Fünfzig Jahre war Bufalino ein leidenschaftlicher Fussballer, zuletzt beim FC Thalwil. Heute sitzt er im Vorstand der Italomannschaft des FC Adliswil. Noch immer hat er eine Saisonkarte für die Heimspiele von Inter Mailand. Und weiterhin trifft er sich regelmässig mit früheren KollegInnen aus der NZZ-Druckerei.

Andere Ehemalige von NZZ Print haben die Branche gewechselt: João Marco Varella Ledermann fand nach dem Aus in Schlieren zunächst eine Stelle als Logistiker bei der Immobilienfirma Gribi. Daraufhin war er ein halbes Jahr arbeitslos, bis er eine Stelle im Bistro des Zürcher Riffraff-Kinos übernehmen konnte. Heute arbeitet er als stellvertretender Schichtleiter im Zürcher Fastfoodrestaurant Heidi & Tell und singt in der Zürcher Band Khon.

Für Jasmin Kündig begann nach dem Aus in Schlieren eine Odyssee durch das Zürcher Oberland: Zuerst arbeitete die diplomierte Köchin und Bäckerin/Konditorin zu vierzig Prozent als «Znüni-Chauffeuse» bei einem Cateringunternehmen. «Das war megacool», sagt sie, «aber von tausend Franken im Monat kannst du nicht leben.» Dann trat sie eine Stelle als Abteilungsleiterin in einer Bäckerei an. Dort allerdings traf sie auf unhaltbare Arbeitsbedingungen. «Die Bäckereibranche ist echt mies. Und kaum jemand wehrt sich», bilanziert Kündig. Sie weiss, wovon sie spricht: «Schon mein Urgrossvater war Bäcker. Von ihm habe ich immer noch ein altes Rezeptbuch.» Nach einem Kurzengagement als Köchin in einem Pub, wo sie unter dem Mindestlohn angestellt war, landete sie noch als Hausbäckerin in einer Landi-Tankstelle, wo sie erneut unterbezahlt und mit laufenden Kündigungen konfrontiert war. Heute hat sie mit der Gastronomie abgeschlossen und arbeitet bei einem Sicherheitsunternehmen.

Nun rattert die Maschine im Wallis

Peter Schönmann war in Schlieren ab Juli 2015 zusammen mit einem Mithelfer noch ein ganzes Jahr mit dem Abbau der «Evolution 471» und weiterer Geräte beschäftigt. Bis endlich der Tag gekommen sei, an dem alles vollkommen leer gewesen sei. «Das Einzige, was sich auf dem riesigen Areal noch bewegte, waren die Schafe auf den Wiesen.»

Seither ist Schönmann oft in den Wäldern bei Zumikon anzutreffen. Früher habe ihm die Jagd beim Stressabbau geholfen. Heute, inzwischen auch als Jagdaufseher, geniesse er die Ruhe auf dem Hochsitz. Hin und wieder kommt ihm dabei die «Evolution 471» in den Sinn, dieses 67 Meter lange und 16 Meter hohe Ungetüm, dessen Geratter er zehn Jahre im Ohr hatte. «Mit dieser Maschine hatte sich die Druckqualität noch einmal stark verbessert», sagt Schönmann. Doch irgendwann werde auch diese Offsettechnik veraltet sein: «Der Moment wird kommen, da die Druckdaten direkt vom Computer auf die Maschine kommen: Computer to Press.»

Und wo ist die «Evolution 471» heute? «Ein Falzapparat und zwei Drucktürme gingen nach Tschechien – zu einem Schandpreis», wie Schönmann betont. Einen zweiten Teil habe man an eine Druckerei in Lausanne verkauft. Der Rest rotiert seit Februar in Monthey: Im neuen Druckereizentrum der französischen Gruppe ESH Médias sollen bald alle Waadtländer und Neuenburger Zeitungen der ESH – insbesondere «L’Express», «L’Impartial» und «La Côte» – über die Bänder rasen. «Vierzig bis fünfzig Prozent unserer Produktionskapazität nutzen wir zwischen 21 Uhr und 3 Uhr!», jubelte der ESH-Generaldirektor Stéphane Estival anlässlich der Eröffnung im Februar.

Und Veit Dengler? Im Juli 2017 verliess er die NZZ-Gruppe aufgrund von Meinungsverschiedenheiten mit dem Verwaltungsrat. Seit April 2018 ist er Konzernleitungsmitglied der deutschen Bauer Media Group. Zur Schliessung des Betriebs in Schlieren sagt der 51-Jährige heute: «Zuerst dachten wir, den Standort St. Gallen schliessen zu müssen. Zu unserer Überraschung hat sich dann aber gezeigt: In Zürich sind die Überkapazitäten am konzentriertesten – eine Schliessung in Schlieren war also besser.» Und zu jenem Novembertag, als er in Schlieren mit zwei Bodyguards aufkreuzte, sagt er: «Das war auch für mich ein sehr betrübender Tag.»

Dies ist der 3. Teil des Textes «Game over» zur Schliessung der NZZ-Print-Druckerei. Den 1. und 2. Teil lesen hier:
Game over (Teil 1): Schlieren, 25. November 2014: Ein Mann, zwei Bodyguards
Game over (Teil 2): Wie es überhaupt so weit kommen konnte

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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