Nr. 14/2019 vom 04.04.2019

Gonzo in der Bubble

90 Franken Monatslohn? Nei merci, sagten sich die AutorInnen des Tamedia-Blogs «KulturStattBern» und seilten sich kurzerhand ab.

Von Alice Galizia

Lange Zeit war «KulturStattBern» ein eher unauffälliger Blog zur lokalen Kulturszene auf der Website der Tageszeitung «Bund», der nicht gross für Aufregung sorgte. Ein paar Wellen über Bern hinaus schlug im Sommer 2018 dann der erste Artikel von Jessica Jurassica, unter dem Titel «Pietro Supino, ich frage mich, ob du meine Texte liest». Darin denkt sie darüber nach, einen Supino-Sohn zu heiraten und damit trotz Vulva reich und mächtig zu werden. Von der «Bund»-Chefredaktion wurde das nicht goutiert: Jurassica wurde wegen Schnoddrigkeit abgemahnt, ihr Zugang zum Blog gesperrt.

Ende 2018 verkündete Tamedia den Verbleibenden, dass das ohnehin schon mickrige Monatsfixum von 180  Franken pro AutorIn auf die Hälfte gekürzt werde. Worauf diese geschlossen gingen. Aus «KulturStattBern» wurde «KSB Kulturmagazin». Die Finanzierung? «Wir haben jetzt einfach mal aufgehört, über Geld zu reden», sagt Blogger Clemens Kuratle, «es hat uns nur blockiert.»

Also wird im neuen Format weitergemacht, mit einigen Neuheiten – Berichte etwa von Stadtspaziergängen an eher unwirtliche Orte: Sexkino, Hauptbahnhof, der Aldi bei der Monbijoubrücke. Dazu wie bisher Ausgehtipps und -berichte, viel Musik, viel Szene. Die Anlässe halt, an die die BloggerInnen sowieso gehen, die Musik, die sie eh hören. Direkt «aus der Bubble», wie sie selbst sagen – vielleicht ein wenig zu sehr. Wobei sie das immerhin selbstironisch reflektieren: In einem Beitrag nehmen sie den Kulturbeutel mit den wöchentlichen Ausgehtipps auseinander – und stellen fest, dass da alle irgendwie miteinander verbandelt sind. Einer ist mit der Künstlerin liiert, deren Lesung sie bewerben, zwei andere sind gleich selber Veranstalter ihrer Tipps: «Eine Filterblase sitzt im Kreis und wichst», heisst es im Blog.

Man muss sich ein wenig in diese Sprache einlesen; schon die Rubriken sind eher verwirrend – was erwartet einen denn hinter «Mahogany Mall» oder «Palais Bollwerk»? Aber das kann ja auch eine Stärke sein: dass hier so frei geschrieben wird, ungewöhnliche Formen ausprobiert werden, wie etwa, noch im alten «KulturStattBern», die Gonzoreportage von Urs Rihs über eine Amateur-Boxnacht in der Reitschule. Denn: Hier wird eben auch erzählt, was sonst kaum in den Kulturteilen unterkommt, schon gar nicht bei Tamedia.

Einfach mal auszuprobieren – das ist die Maxime. «Man merkt ja sowieso, dass wir wenig redaktionelle Erfahrung haben», sagt Jurassica. Die gründliche Recherche über das Ende von Rave It Safe – in Bern lange die wichtigste Anlaufstelle für KonsumentInnen von Partydrogen – beweist aber, dass es an journalistisch-handwerklichem Können nicht mangelt.

Natürlich ist fraglich, wie viel besser es ist, sich nicht mehr von Tamedia für wenig Geld ausbeuten zu lassen, um es dann bei sich selbst für nichts zu tun. Dafür wird jetzt niemand mehr wegen Schnoddrigkeit abgestraft. Bleibt zu hoffen, dass sich auch ohne Zuhause auf der «Bund»-Website ein Publikum etabliert, das über die eigene Bubble hinausgeht.

Der Blog ist nur schwer ergooglebar: www.ksb.ist.

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