Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Die Frau hinter der Sturmmaske

Jessica Jurassica kennt in ihren Texten über Drogen und Sex kein Tabu. Gleichzeitig macht sie um ihre Identität ein Geheimnis. Keine Homestory.

Von Kaspar Surber

Krank, aber sozial: Jessica Jurassica im Appenzeller Hinterland. Foto: die yungen huren dot hiv

Erst mit der Appenzellerbahn hügelaufwärts, mit dem Regionalbus weiter hügelaufwärts und dann zu Fuss talabwärts: Wer Jessica Jurassica treffen will, muss eine Anreise voller unerwarteter Wendungen auf sich nehmen. Aber das passt ja ganz gut zu dieser Figur, die seit zwei Jahren in den sozialen Medien ihr Versteckspiel treibt und dabei die Fantasien der UserInnen anregt. Wer bloss ist die Person hinter der Sturmmaske, die scheinbar ohne jedes Tabu über Drogen, Sex und ihren Ärger mit der Lohnarbeit schreibt? Eine Einzelperson oder ein Kunstkollektiv? Und hat sie sich tatsächlich das Tamedia-Logo tätowiert?

Jurassica hat via Twitter eine Wegbeschreibung geschickt: «Einfach alles runter auf der Strasse bis nach 27 Minuten (gemäss Google) ein Wegweiser, ein Stein und ein Briefkasten (in genau dieser Reihenfolge) kommen. Dort dann links rauf.» An der Strasse folgen einige Wegweiser, bis endlich der richtige kommt, der mit Stein und Briefkasten. Vor einem Bauernhof, ihrem Elternhaus, wartet schliesslich eine Frau Mitte zwanzig. Sie trägt keine Sturmmaske, dafür eine Dächlikappe in Tarnfarben. Es ist idyllisch hier, im Hintergrund plätschert ein Brunnen, zwei Esel schreien vor dem Stall um die Wette. Der Rapper Daif kommt zur Begrüssung aus dem Haus, er begleitet Jurassica bei den Spoken-Noise-Auftritten, die sie neuerdings gibt. Sie holt Trinkwasser vom Brunnen, dreht sich eine Zigarette und erzählt die Geschichte von Jessica Jurassica.

Eine Stimme austesten

«Der Name ist entstanden, als ich mit einer Kollegin den Jakobsweg rückwärts gehen wollte.» Die beiden hatten sich zum Ziel gesetzt, von Bern, wo sie heute leben, ins Appenzeller Hinterland zu wandern, wo sie aufgewachsen sind. «Doch schon im Emmental scheiterten wir kläglich.» Vom Unterfangen blieben eine Wanderkappe und ein Name übrig. «Meine Freundin meinte, mit dem billigen Cap würde ich wie eine Jessica aussehen.» Wenn die junge Frau künftig auf die Strasse ging, zog sie manchmal die Kappe an – sie wollte austesten, wer diese Jessica genau sein könnte. Die Figur gibt sich direkt und schamlos, aber auch analytisch und reflektiert. Mal ist sie aufgedreht, mal antriebslos. Ihr Twitter-Name bringt ihre Grundstimmung auf den Punkt: «sickbutsocial», krank, aber sozial.

«Die Figur hat es mir ermöglicht, mich von meiner Biografie zu distanzieren und eine Stimme auszuprobieren. Plötzlich konnte ich Dinge sagen, die ich in meinem Umfeld niemals hätte sagen können. Dinge, die gesellschaftlich tabuisiert sind», sagt sie über ihr Alter Ego. Erst legte sich Jurassica ein Profil auf Facebook zu, später eines auf Twitter. Weil sie anfänglich über den Konsum eines Opiats schrieb, hatte sie vor allem FreundInnen und FollowerInnen aus Indonesien. Das änderte sich schlagartig, als sie vor fast genau einem Jahr im Kulturblog der Zeitung «Bund» einen Text über Tamedia-Verleger Pietro Supino veröffentlichte.

«Pietro Supino, ich frage mich, ob du meine Texte liest» war der Beitrag betitelt. Gerne würde sie einen von Supinos Nachkommen heiraten, schrieb Jurassica darin, und als Schwiegertochter die Tamedia mit «starker und strenger Hand führen, immer mit Haltung und alle hätten Respekt vor mir, trotz den knapp 1,60 Körpergrösse und der Vagina, mit der ich geboren wurde». Es vergingen nur wenige Stunden, bis in Bern die Weisung aus der Zürcher Konzernzentrale eintraf, der Text müsse vom Netz genommen werden. Da hatte er sich aber längst in den sozialen Medien verbreitet. Klammheimlich bewunderten wohl viele JournalistInnen die Respektlosigkeit, mit der eine junge Autorin dem mächtigsten Verleger des Landes entgegentrat. Ihr erster Text für Tamedia war auch ihr letzter. Nach dem fulminanten Start durfte Jessica Jurassica nicht mehr im Kulturblog posten. Zum Verschwinden gebracht werden konnte sie aber nicht. Die Methode Jurassica war erst recht lanciert.

Die Drogen und die Dudes

«Ich beobachte gerne, interessiere mich für gesellschaftliche Narrative, besonders für patriarchale Darstellungen», sagt die Frau. «Ich nehme sie und drehe sie um.» Statt sich über einen superreichen Verleger zu ärgern, setze sie sich mit Jurassica einfach an seine Stelle und lasse so die Darstellung von Macht und Männlichkeit ins Absurde kippen. Viele Shitstorms im Netz verliefen erwartbar, etwa die nächste Aufregung über SVP-Hetzer wie Andreas Glarner. Da lohne es sich doch, ein paar Spannungsfelder mehr auszuloten. «Ich will dorthin, wo Reibung entsteht.»

Zu ihrem liebsten Tabuthema, dem Drogenkonsum, kehrt sie immer wieder zurück. Gemäss ihrer Timeline lässt Jurassica kaum eine Substanz aus. Ach auf eine Selbstverständlichkeit des Drogenkonsums zielt die Figur ab: «Entweder werden Drogen verteufelt oder sie werden wie in der Popkultur glorifiziert. Eine andere Erzählweise gibt es in unserer bürgerlichen Gesellschaft nicht. Ich finde, wir brauchen eine neue Sprache für den Rausch», sagt ihr Alter Ego.

Dass junge Frauen offen über Drogen reden, ist erst recht nicht vorgesehen. Dabei würden auch beim Drogenkonsum, der immer auch Entgrenzung verspricht, patriarchale Muster reproduziert. «Die Drogen beschaffen fast immer die Dudes.» Entsprechend blieben Frauen, die mitkonsumierten, in der Abhängigkeit der Männer gefangen. Als sie und Freundinnen letzthin den Stoff untereinander aufgeteilt hätten, sei das richtig befreiend gewesen. Und es habe sich sicherer angefühlt.

Als Jurassica in einem Beitrag für das Onlinemagazin «Republik» forderte, Frauen sollten mehr koksen, damit das Patriarchat schneller falle, gab es allerdings negative Reaktionen. Natürlich wolle sie die Probleme nicht verharmlosen, die Drogen mit sich brächten, sagt sie auf den entsprechenden Einwand. Und sie akzeptiere auch, dass noch nichts gewonnen sei, wenn die Frauen bloss die Männer imitierten. «Aber immerhin werden so Männerdynamiken sichtbar.»

In ihren Tweets kommt Jurassica nicht ohne die Glorifizierung von Drogen aus. Aber eine neue Sprache geschaffen hat sie, die als Inspirationsquellen die Rapperin Haiyti, den Rapper Göldin sowie die Facebook-Schriftstellerin Stefanie Sargnagel nennt, auf jeden Fall: Der Knappheit des Mediums angemessen, schreibt sie ohne Punkt und Komma, ohne Gross- und Kleinschreibung. Als LeserIn kann man ihren Einträgen wie einem Grossstadtroman folgen, durch die Ups and Downs des Nachtlebens: «spontan girls night mit zigaretten und drinks und das eine girl hat neues butterfly messer und ich amphetamin craving», heisst es einmal. Mit ihren sogenannten Lover- und Fuckboys sucht sie nach einer freien Liebe: «wieder mal ein rein kuscheln als gäbs kein mañana es ist der komplette exzess». Irgendwo findet sich schliesslich noch immer ein Nachhauseweg: «die stadt menschenleer nur putzmaschinen und krähen überall und der himmel leuchtet violett».

Vom Sex zur Heimat

Was Jurassica macht, kann man digitalen Situationismus nennen, Kunst als politische Intervention im 21. Jahrhundert. Oder auch einfach melancholischen Aktivismus. In ihren Tweets scheint eine junge Subkultur auf, wie man sie in der geordneten Schweiz kaum mehr für möglich gehalten hätte. Die zudem überall spielen kann, zum Beispiel auch im thurgauischen Frauenfeld. Mit dortigen MusikerInnen und DJs hat sich Jurassica zum Kollektiv «die yungen huren dot hiv» zusammengeschlossen. Vorläufig ist sie selbst in der Literatur gelandet, wo die formalen Freiheiten grösser sind als im Journalismus. Den Jurypreis des Literaturwettbewerbs Ausserrhoden hat sie bereits gewonnen. «Deshalb beschäftige ich mich nach Drogen und Sex nun mit Heimatliteratur», sagt die Autorin. Genauer schreibt sie über ihr Aufwachsen als Kind einer anarchistisch und künstlerisch geprägten Familie auf dem Land, über die Erfahrung, wie Freiheiten auf dörfliche Vorurteile prallen.

Anfang Juni hatte Jurassica mit ihrer Spoken-Noise-Performance im Zürcher Helsinkiklub Premiere. Zu den psychedelischen Sounds von Daif erschien die Figur tiefer und verletztlicher als in ihren straighten Tweets. Es machte ihre emanzipative Botschaft nur dringlicher. Im Helsinki trug Jurassica noch ihre Sturmmaske. Irgendwann lege sie diese dann wohl ab, meint die Frau vor dem Bauernhaus: «Jessica und ich, wir sind mittlerweile ziemlich eins geworden.»

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