Nr. 15/2019 vom 11.04.2019

Wie lernt man Adler fangen?

Adlerfängerin Anna Sandor erzählt, wie die Bevölkerung auf ihre Arbeit reagiert, warum man im Kaukasus Greifvögel jagt und wie sie als Ungarin in der Schweiz gelandet ist.

Von Susan Boos (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Anna Sandor mit Fangnetz: «Zuerst habe ich im Wallis Wiedehopfe und Wendehälse gezählt.»

WOZ: Frau Sandor, Sie waren eine Woche auf Korsika in den Ferien. Ging es da auch um Vögel?
Anna Sandor: Klar. Wenn Ornithologinnen irgendwohin fahren, versuchen Sie immer, einen Ort zu finden, wo man spezielle Vögel beobachten kann. Wir konnten den Korsenkleiber beobachten, eine endemische Art, die nur auf Korsika vorkommt. Das ist ein kleiner Singvogel mit einem blaugrauen Gefieder, der in Kiefernwäldern lebt. Es gibt von ihm nur noch 2000 Brutpaare. Toll fand ich auch die Provencegrasmücke oder die Samtkopfgrasmücke, ebenfalls kleine Singvögel, die hauptsächlich im Mittelmeerraum vorkommen.

Sie haben im letzten Gespräch erzählt, wie Sie Adler fangen und mit GPS versehen. Wie lernt man das?
Die Uni Bern hat für drei Wochen einen Spezialisten aus den USA hierher eingeladen, der uns die Technik des Fanges beibrachte. Wir haben die Technik sogar noch verbessert. Der Professor, der das Projekt betreut, hatte die Idee, die Falle mit einer Fernsteuerung auszustatten. Damit können wir sie aus einer Distanz von über drei Kilometern schliessen, sobald der Adler drin ist. Das vereinfacht vieles. Wenn wir das Tier aus der Falle rausnehmen, muss jeder Griff sitzen, damit ihm wirklich nichts passiert. Ich bin immer ganz glücklich, wenn wir die Adler freilassen und sie ganz normal davonfliegen. Das GPS und das kleine Geschirr, an dem es auf dem Rücken befestigt ist, scheint sie nicht zu stören.

Wie reagiert die Bevölkerung darauf?
Über die Walliser Medien wurde vorgängig breit über das Adlerprojekt informiert, trotzdem verstehen nicht immer alle, was wir da tun. Einmal etwa trafen wir auf einen Hobbyfotografen, der oben in den Bergen wohnt. Der hat einen Adler angefüttert, um Bilder von ihm machen zu können. Wir wollten in der Nähe unsere Falle aufstellen. Der Mann fand es gar nicht lustig, dass jemand «seinen» Adler einfangen wollte, um ihn mit einem GPS zu versehen oder zu beringen. Er fürchtete, man würde das GPS oder den Ring auf seinen Fotos sehen und die Bilder würden dadurch weniger wild und spektakulär wirken. Wir versuchten, ihm zu erklären, dass wir über alle nötigen Bewilligungen verfügen und wir unsere Arbeit ja nur machen, um die Adler zu schützen. Ich glaube, er hat das verstanden – aber toll fand er es trotzdem nicht. Er sagte, er hoffe, wir würden «seinen» Adler nicht erwischen. Das ist dann auch tatsächlich passiert. Es ist der einzige, den wir nicht fangen konnten. Vielleicht hat er ihn anderswo angefüttert.

Was für eine Ausbildung haben Sie und Ihr Kollege? Sind Sie Biologin und Biologe?
Nein. Mein Kollege Stéphane Mettaz stammt aus der Umgebung von Sion und war Bauer. Er arbeitet aber schon seit fast zwanzig Jahren als Feldtechniker für die Uni Bern und hat ein phänomenales Wissen über die Natur und die Gegend. Ich bin ja in Ungarn aufgewachsen und wollte eigentlich in die Forstwirtschaft, weil meine ganze Familie mit Forstwirtschaft zu tun hatte. Als Kind war ich mit meinen Eltern oft draussen im Wald. Sie haben mir viel über Pflanzen und Bäume beigebracht. Aber dann habe ich zuerst Wildmanagement studiert und einen Master in Umweltwissenschaften gemacht. Vögel haben mich jedoch immer fasziniert. Ich habe längere Zeit in Georgien in einem Projekt zum Schutz von Greifvögeln gearbeitet. Im Kaukasus werden viele Greifvögel geschossen oder für die Falknerei eingefangen. Ich wollte verstehen, warum sie das machen und was man dagegen tun kann.

Warum tun sie es?
Die Falknerei hat in dieser Region eine lange Tradition. Auch dass sie die Tiere schiessen, hat eine lange Tradition. Die Leute im Kaukasus leben einfach und haben nicht viel Geld. Meine Wanderschuhe haben schon mehr gekostet, als sie dort in einem Monat verdienen. Nun kommen wir da hin und sagen ihnen, sie sollen keine Vögel mehr schiessen. Wir, die wir bei uns schon alles verbaut und viele Tierarten ausgerottet haben. Die Leute verstehen nicht, was wir wollen – und das kann ich nachvollziehen. Ich bin mit vielen Fragen aus dem Kaukasus zurückgekommen, die ich nicht einfach so beantworten kann.

Und wie sind Sie in die Schweiz gekommen?
Die Arbeit in Georgien hat mir sehr gefallen, aber ich habe praktisch nichts verdient. Ich traf in Georgien jemanden, der mir von einem Vogelprojekt in der Schweiz erzählte. Ich habe mich beworben und die Stelle bekommen. Es ging darum, im Wallis Wiedehopfe und Wendehälse zu zählen. Es war ein Projekt der Vogelwarte Sempach, die herausfinden wollte, wie sich die Population verändert. Wir mussten dazu die Vögel fangen und beringen. Das war 2013. Ich war dann immer fünf Monate hier und die restliche Zeit in Ungarn. Das Geld, das ich hier verdiente, hat gut gereicht, um die restlichen sieben Monate bescheiden, aber anständig zu leben. Inzwischen bin ich jedoch die ganze Zeit hier.

Anna Sandor (34) ist Umweltwissenschaftlerin. Sie ist temporär als Feldtechnikerin der Abteilung Conservation Biology der Universität Bern angestellt und versieht in deren Auftrag Adler mit leichten GPS-Geräten. Mit den Daten sollen Modelle erstellt werden, um zu prognostizieren, wo Steinadler herumfliegen, damit man zum Beispiel weiss, wo keine Windfarmen gebaut werden sollen. Das Projekt wird vom Berner Professor Raphaël Arlettaz geleitet, der selber aus dem Wallis stammt.

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