Nr. 17/2019 vom 25.04.2019

Warum ist es hier zu aufgeräumt?

Die Ungarin Anna Sandor fängt im Wallis für die Forschung Vögel. Sie erzählt, warum sie früher Fan von Viktor Orban war, und erklärt, wie man ein Adlerweibchen von einem -männchen unterscheidet.

Von Susan Boos (Interview) und Ursula Häne (Foto)

«Wegen der Hygienevorschriften gibt es in der Schweiz zu wenige Kadaver für eine grössere Geierpopulation»: Anna Sandor bei der Montage einer Wildkamera.

WOZ: Frau Sandor, wenn Sie in Ungarn sind, diskutieren Sie dann mit Freunden und Bekannten über Politik?
Anna Sandor: Und wie. Viele meiner Freunde sind besessen von Politik. Alles dreht sich um die Person von Regierungschef Viktor Orban. Was ich so schwierig finde: Es ist sehr bipolar geworden – entweder bist du «für uns» oder «gegen uns». Allerdings muss ich auch sagen, dass ich Orban und den Fidesz begeistert unterstützt hatte, als ich achtzehn war.

Was fanden Sie gut an ihm?
Ich bin in einem Land aufgewachsen, in dem «Kommunismus» keine positive Bedeutung hatte. Meine Familie, aber auch das ganze Land haben sehr unter der vierzigjährigen Besetzung der Sowjets gelitten. Ich bin mit der Haltung erzogen worden: Nur eine rechte Regierung kann eine gute Regierung sein. Es war unmöglich, das zu hinterfragen. Erst später, als ich ins Ausland reiste, habe ich begriffen, dass die Welt nicht einfach schwarz-weiss ist.

Wie stehen Sie heute zu Orbans Politik?
Natürlich sehr kritisch. Das Problem ist aber: Selbst wenn man in einem Punkt noch mit der Regierung einiggehen würde, kann man das kaum mehr sagen. Denn in Ungarn kann man nicht mehr differenziert diskutieren. Für alle, die die Regierung gut finden, bin ich bereits verloren – vom Ausland verdorben.

Die Finanzkrise vor zehn Jahren hat viele Ungarn und Ungarinnen böse erwischt, weil sie günstige Kredite in Schweizer Franken oder Euro aufgenommen hatten, die sie dann nicht mehr bedienen konnten. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
Ich habe damals als Übersetzerin für technische Anleitungen gearbeitet. Dieser Bereich blieb von der Finanzkrise unberührt. Ich kenne aber Leute, deren ganzes Leben den Bach runterging, weil sie Schulden in Schweizer Franken hatten – und die heute noch am Zurückzahlen sind. Meine Familie hat zum Glück immer versucht, alles ohne Banken zu finanzieren. Deshalb waren wir nicht davon betroffen.

Wann waren Sie das letzte Mal in Ungarn?
Im März, meine Mutter hatte Geburtstag.

Um die Gretchenfrage zu stellen: Fliegen Sie?
Nach Budapest nehme ich den Nachtzug. Das kann ich mir aber erst leisten, seit ich in der Schweiz arbeite. Am Anfang war ich jeweils nur für fünf Monate hier. Das Geld, das ich in dieser Zeit verdiente, hat aber gereicht, um die restlichen sieben Monate in Ungarn zu leben. Da konnte ich mir dann auch den Zug leisten. Der ist etwa doppelt so teuer wie ein Flug von Genf nach Budapest. Dass man fliegen muss, weil man zu wenig Geld hat, finde ich absurd und schade.

Ich möchte nochmals auf Ihre Arbeit zurückkommen. Sie haben erzählt, wie Sie Adler fangen. Wenn Sie einen sehen, erkennen Sie, ob es ein Weibchen oder ein Männchen ist?
Bei einem einzelnen, fliegenden Adler ist es schwierig zu sagen. Sobald sie als Paar unterwegs sind, kann man es mit etwas Übung erkennen: Das Weibchen ist viel grösser – wie bei Greifvögeln üblich. Bei einem gefangenen Tier merke ich es sofort, sobald ich es in den Armen halte. Die Weibchen sind wesentlich schwerer. Ein Adlerweibchen wiegt um die sechs Kilogramm, ein Männchen nur zwischen vier und fünf.

Luchs und Wolf sind heisse Themen im Wallis. Haben Sie auch damit zu tun?
Nur am Rand. Ich sammle Wildkameras ein. Die sind an verschiedenen Stellen montiert. Sobald sich ein Tier nähert, beginnen sie aufzunehmen. Die Aufnahmen werden von Studierenden der Uni Bern ausgewertet. Es geht vor allem darum, die Entwicklung der Wolfs- und Luchspopulation zu überwachen. Es ist wichtig, dass wir mehr über diese Tiere wissen. Es gibt so viele Missverständnisse über Grossraubtiere. Klar, sie waren sehr lange weg – jetzt müssen wir den Umgang mit ihnen erst wieder lernen, das kann herausfordernd sein.

Gibt es eigentlich auch Geier im Wallis?
Nach einem Auswilderungsprojekt brütet der Bartgeier wieder im Wallis. Die Population wird allerdings nicht gross wachsen, dafür ist es in der Schweiz zu aufgeräumt.

Wie meinen Sie das?
Die Hygienevorschriften verlangen, dass tote Nutztiere – Schafe, Ziegen, Kühe – weggeräumt werden müssen. Geier fressen aber nur Kadaver, keine lebenden Tiere. Also müssen sie von toten Wildtieren leben. Für eine grössere Geierpopulation gibt es davon jedoch zu wenige. Wir haben schon beobachtet, wie Bartgeier über einem toten Fuchs, der in unserer Adlerfalle lag, gekreist sind. Solange der Köder frisch ist, landen die Geier nicht. Aber sie kommen immer wieder, um zu schauen, in welchem Zustand er ist. Wenn fast nur noch das Skelett da ist, machen sie sich über die Knochen her. Kleine verschlucken sie ganz. Mit grossen fliegen sie hoch und lassen sie fallen, damit sie zerbrechen und die Geier ans Knochenmark rankommen. Diese Vögel räumen wirklich auf.

Anna Sandor (34) kriegt immer noch Hühnerhaut, wenn sie im Winter im Wald auf eine Wolf- oder Luchsspur stösst. Sie lebt in Sion und arbeitet temporär als Feldtechnikerin für die Vogelwarte Sempach und die Uni Bern.

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