Nr. 15/2019 vom 11.04.2019

Der Ärger mit dem «Cloxit»

Von Franziska Meister

Jedes Jahr das gleiche Elend: Wenn Ende März die Uhren um eine Stunde vorgestellt werden, laufen wir tagelang wie Zombies durch die Gegend. Die geklaute Stunde bringt unseren Rhythmus von Schlafen und Wachsein gehörig aus dem Takt. Chronobiologieforscher wie Till Roenneberg wettern seit Jahren über die Zeitumstellung. Jetzt zeichnet sich mit der wieder später aufgehenden Sonne ein Silberstreifen am Horizont ab: Das EU-Parlament hat den «Cloxit» beschlossen – 2021 wird die Zeit zum letzten Mal verstellt. Doch hinter dem Silberstreifen dräut ein Gewitter. Was folgt, ist nämlich unklar. Ewige Sommerzeit? Ewige Winterzeit? Darüber soll jedes Land selber entscheiden – es droht ein ungeordneter «Cloxit».

Zur Veranschaulichung des Problems: Die europäischen Zeitzonen basieren auf dem jeweiligen Sonnenstand – Norwegen und Sizilien liegen also aufgrund der Erdrotation in derselben Zeitzone. Bloss geht im Sommer in Oslo die Sonne wegen der Erdkrümmung viel früher auf als in Palermo. Umgekehrt ist die politisch festgelegte mitteleuropäische Zeitzone so breit, dass sowohl Spanien als auch Polen in ihr liegen, obwohl sich das für Westeuropa schon während der Winterzeit nicht mehr mit der geografischen Zeitzone deckt. Spanien würde aber trotzdem die dauerhafte Winterzeit einführen wollen, weil sonst die Sonne im Winter erst um zehn Uhr aufginge. Polen hingegen fährt mit der permanenten Sommerzeit besser – würde seine Bevölkerung andernfalls doch im Sommer bereits um drei Uhr nachts von der Sonne geweckt.

EU-PolitikerInnen aufgemerkt: Roenneberg hat in der neuen «Technology Review» die Lösung aller Probleme präsentiert – die politischen Zeitzonen sollen der Chronobiologie der Bevölkerung so angepasst werden, dass in keinem Land der Sonnenaufgang mehr als eine halbe Stunde vom Zeitpunkt des Aufstehens abweicht. Die mitteleuropäische Zeitzone würde aufgeteilt, die Grenze verliefe an den Westgrenzen von Italien, der Schweiz und Deutschland.

Liebe BritInnen, auch ihr würdet damit wieder synchron mit Westeuropa ticken – zumindest mit dem Westen.

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