Nr. 17/2019 vom 25.04.2019

Im Gemäuer der Finsternis

Das Afrikamuseum in der Nähe von Brüssel wurde offiziell «dekolonialisiert» und jüngst feierlich wiedereröffnet. Dabei zeigt sich exemplarisch, wie die kleine – aber wohl grausamste – frühere Kolonialmacht mit ihrem historischen Erbe umgeht.

Von Markus Spörndli (Text) und GaËl Turine, Maps (Fotos), Brüssel

Nun gibt es endlich einen Patrice-Lumumba-Platz. Und zwar nicht nur in Städten Afrikas, wo der legendäre kongolesische Freiheitskämpfer von vielen verehrt wird, sondern sogar in Brüssel, wo die belgische Regierung Anfang der 1960er Jahre entschieden hatte, Lumumba aus dem Weg zu schaffen.

Ein paar Monate nach der Einweihung des Lumumba-Platzes, im Dezember 2018, wurde auch das Königliche Zentralafrika-Museum ausserhalb Brüssels neu eröffnet. Fünf Jahre lang war es geschlossen gewesen. In dieser Zeit sollte das frühere Kolonialmuseum nicht nur modernisiert und erweitert werden, sondern auch, ganz offiziell, «dekolonialisiert».

In dem Land, wo sich lange Zeit weder staatliche Stellen noch die breitere Öffentlichkeit bemüssigt sahen, die koloniale Vergangenheit kritisch zu reflektieren, scheint gerade ein wundersamer Wandel stattzufinden. Zumindest auf den ersten Blick.

Leopolds Triumph

In Tervuren, einem Vorort östlich von Brüssel, stand noch vor wenigen Jahren das letzte echte Kolonialmuseum Europas. Die permanente Ausstellung war auf dem Stand der 1950er Jahre erstarrt. In der Ausstellung wie in den Beständen müffelten Tausende ausgestopfter Tiere vor sich hin; in Vitrinen türmten sich säuberlich nach Stämmen geordnete kongolesische Artefakte. Dazwischen Skulpturen belgischer Bildhauer, die zeigen sollten, wie die Belgier die Zivilisation nach Afrika getragen hatten.

Den belgischen Kolonialismus glorifizieren: Das war das Ziel von König Leopold II., als er für die Weltausstellung von 1897 in Tervuren die Vorläuferin des späteren Museums errichten liess: eine monumentale Kolonialschau. Sie war um ein Vielfaches grösser als die Hauptausstellung im Stadtzentrum. Sie war Ausdruck seines Triumphs über all jene (also praktisch alle ausser ihm selbst), die nicht an den Erfolg seines aberwitzigen kolonialen Vorhabens geglaubt hatten.

Zwölf Jahre zuvor war Leopold eher unverhofft in Besitz eines grossen Teils von Zentralafrika gekommen. Was damals Freistaat Kongo hiess, war tatsächlich keine belgische Kolonie, sondern königliches Privateigentum. In den ersten paar Jahren investierte Leopold sein gesamtes Vermögen, um den Riesenstaat, von dem in Europa kaum mehr als der Verlauf des Kongoflusses bekannt war, zu «entdecken» und zu erschliessen. Doch die erhofften Erträge aus dem Elfenbeinhandel versiegten bald.

Kurz vor dem Bankrott des Königs erfand ein Schotte namens Dunlop den aufblasbaren Gummireifen für Autos. Das war 1888. Die globale Nachfrage nach Kautschuk stieg schlagartig an. Und in den kongolesischen Wäldern gab es dafür ein unendliches Angebot in Form von wilden Kautschuklianen, die Leopold II. sogleich ausbeuten liess. Kautschuk wurde zur Steuer, die er schon länger von den KongolesInnen einfordern wollte. Die lokalen Steuereintreiber wurden nach der Menge des abgelieferten Kautschuks bezahlt. Es war die Basis für eine Schreckensherrschaft, bei der Millionen Menschen praktisch nur noch Kautschuk ernteten, um die fast unerreichbar hohen Quoten zu erfüllen. Felder lagen brach, an produktive Arbeit war nicht mehr zu denken. Wer zu wenig ablieferte, wurde grausam bestraft, wenn nicht gleich erschossen.

Für Joseph Conrad, der in dieser Zeit auf einem belgischen Handelsschiff den Kongo hinauffuhr, war dies der Grund, eine antikoloniale Novelle zu schreiben: «Herz der Finsternis» (1899).

Für Leopold II. hingegen war das der wirtschaftliche Aufschwung, der imperiale Ruhm, den er seinen Landsleuten versprochen hatte. Im Kongo setzte er keinen Franc des blühenden Kautschukgeschäfts ein, dafür umso mehr in Belgien. Damit finanzierte er auch seine triumphale Kolonialausstellung von 1897: ein weitschweifiger königlicher Park mit See, im Zentrum der prunkvolle, von Versailles inspirierte Palais des Colonies. Dazu eine breite Avenue mit neuer Tramlinie, die die beiden Expo-Schauplätze in Brüssel und Tervuren verband.

Hunderttausende BelgierInnen besuchten die Kolonialschau. Highlight war das «afrikanische Dorf» am See, für das 267  KongolesInnen sich selbst spielen sollten. Sieben von ihnen starben an Grippe. Es war ein kalter, verregneter Sommer.

Leopardenmann in der Abstellkammer

Ein schöner Frühlingstag nicht ganz 122  Jahre später. Der königliche Park von Tervuren ist fast menschenleer. Der Gebäudekomplex, der einmal als Kolonialpalast erbaut worden war, heisst nun Königliches Museum für Zentralafrika, oder laut Logo: «AfricaMuseum». Von aussen sieht er immer noch gleich aus: abweisendes Gemäuer, viele Säulen, riesige Kuppel. Nur scheint niemand mehr ein und aus zu gehen. Der Palast ist fein herausgeputzt, doch er sieht aus wie stillgelegt.

Ein Stück links davon kommt der kubische, gläserne Neubau in Sicht: das neue Empfangsgebäude mit Garderobe und Café. Es ist voller Menschen, mehrere Schulklassen versammeln sich. Um in die Ausstellung zu gelangen, steigt man ein paar Hundert Treppenstufen hinab und geht im Untergrund einen klinisch weissen Flur entlang. Dann wieder ein paar Treppenstufen hoch, wo man im «Einführungssaal» über das neue Konzept informiert wird: kritischer Blick auf die koloniale Sammlung, Einbezug einer afrikanischen Perspektive, Förderung junger afrikanischer KünstlerInnen.

Hier erfährt man, dass viele Exponate keinen ethnologischen Wert haben. Im ausgehenden 19.  Jahrhundert waren viele europäische Sammler in Zentralafrika unterwegs, um Artefakte zu kaufen, die von europäischem Einfluss frei waren – so entstand rasch ein Markt, für den die nachgefragten Güter extra angefertigt wurden.

Hier gibt es auch eine Art Abstellkammer für die problematischsten Produkte belgischer Bildhauerei. Ein lebensgrosser «Leopardenmann» etwa, der einem von den Kolonialisten verbreiteten Gerücht entsprungen war, laut dem in Leopardenfell gehüllte Männer nachts mordend umherzögen – eine Mär, die auch im Comicband «Tim im Kongo» kolportiert wird. Solch rassistische Statuen passten nicht mehr in die erneuerte Ausstellung, heisst es auf einer Tafel.

Danach geht es weitere Treppenstufen nach oben – und man steht plötzlich im alten Kolonialpalast. Er ist alles andere als stillgelegt, man betritt und verlässt ihn nun einfach unterirdisch. Darin soll nun «Afrika» neu erfahrbar gemacht werden. Beim Thema «Rituale und Zeremonien» etwa werden «einschneidende Erlebnisse» der Geburt über die Heirat bis zum Tod abgehandelt. Zwischen irgendwelchen Objekten aus dem alten Bestand hängen Bildschirme, auf denen KongolesInnen zu sehen sind, die aus ihrem Leben oder dem ihrer Vorfahren erzählen. Zusammenhänge und Erkenntnisgewinn bleiben schleierhaft.

Die ganze wahnsinnige Kolonialgeschichte wird in einem der kleineren, randständigen Säle abgehandelt. Die Grausamkeiten der Kautschukausbeutung werden summarisch beschrieben, aber nicht konkret gezeigt. Und man lernt, dass Belgien im Kongo die Bildung und das Gesundheitswesen gefördert habe – zumindest nachdem Leopold II. seinen Privatbesitz unter internationalem Druck 1908 an den belgischen Staat abtreten musste.

Kein Wort davon, dass 1919 eine belgische Kommission verlautbarte, die kongolesische Bevölkerung habe seit 1879 um die Hälfte abgenommen. Keine Zeile über die Schätzung des Historikers Adam Hochschild, nach der allein unter der Herrschaft von Leopold II. zehn Millionen Menschen zu Tode kamen.

Der Raum, in den auch gleich noch die Geschichte der Unabhängigkeit hineingepfercht wurde, ist praktisch menschenleer. Die Schulklassen streifen vornehmlich durch den grossen Saal mit den ausgestopften exotischen Tieren.

Eine Museumsführerin mit kongolesischen Vorfahren, die diesen Job bereits vor der Renovierung machte, sagt: «Von der Form her ist die Ausstellung moderner, aber inhaltlich ist sie ziemlich gleich wie früher.» Als Angestellte des Museums will sie anonym bleiben. Immerhin hätten etwa die Hälfte der französischsprachigen Guides einen afrikanischen Hintergrund; sie seien frei, den BesucherInnen eine kritische Geschichte zu erzählen. «Aber es gibt unter den Guides immer noch Kolonialnostalgiker, die erzählen natürlich eine völlig andere Geschichte.»

Auch in der Stadt Brüssel findet sich weiterhin viel koloniale Nostalgie. Diese ist eingeschrieben in die durchs Kautschukgeschäft finanzierten Prachtbauten, etwa den Königspalast, den Triumphbogen und etliche Boulevards. Und explizit koloniale Monumente wie das Kongodenkmal oder das Reiterstandbild von Leopold II. sind weiterhin an ihrem Platz – ohne jegliche ergänzende Information von offizieller Seite, ohne Gedenken an die Millionen Opfer. Dafür bedecken immer neue Graffiti von AktivistInnen den bronzenen bärtigen König auf seinem depressiv wirkenden Pferd. Neben antikolonialen Botschaften sind in diesem Frühling gerade die Klimagerechtigkeit und die Gilets jaunes en vogue.

Immerhin gibt es nun ganz in der Nähe den Square Patrice Lumumba. Es ist der einzige öffentliche Ort Belgiens, der offiziell eine afrikanische, antikoloniale Perspektive bietet. Lumumba spielte als Panafrikanist eine entscheidende Rolle auf dem Weg des Kongo in die Unabhängigkeit. Im Juni 1960 wurde er der erste Ministerpräsident der neuen Republik Kongo. Lumumba nahm die Unabhängigkeit ernster, als es der früheren Kolonialmacht lieb war. In Brüssel und Washington wurden Pläne ausgeheckt, wie er zu beseitigen wäre. Wenige Monate nach Amtsantritt wurde Lumumba aus dem Amt entfernt, inhaftiert, ermordet.

Über fünfzehn Jahre lang kämpften AktivistInnen für den Lumumba-Platz. Sie hatten einen schönen Ort im afrikanisch geprägten Quartier Matongé im Kopf. Der zuständige Bürgermeister jedoch tat alles, um den Traum zu verhindern. Nicht einmal eine Gedenkveranstaltung zu Lumumbas Todestag wurde am gewünschten Platz bewilligt. Immerhin gelang es den AktivistInnen, diesen «zukünftigen Patrice-Lumumba-Platz» bei Google Maps anzumelden.

In der Realität wurde es dann nur eine Ecke auf einem bestehenden Platz, wo man einfach ein paar Quadratmeter als «Square Patrice Lumumba» bezeichnete. Kaum sichtbar zwischen der lärmigen inneren Ringstrasse und dem 26-stöckigen Bastion Tower aus den sechziger Jahren, der immense Schatten wirft.

Kolonialer Kompromiss

«Wir wollten einen Platz und erhielten einen Unort», sagt Anne Wetsi Mpoma. «Wir wollten eine Statue Lumumbas und erhielten gerade mal eine Gedenktafel am Strassenrand.» Die Eltern der Kunsthistorikerin waren während des Studiums aus Kongo-Kinshasa nach Belgien gekommen. «Erst meine Generation fordert wirklich Gleichberechtigung und Würde ein.» Damit könnten die belgische Gesellschaft und die Politik noch immer schlecht umgehen.

BelgierInnen subsaharischer Herkunft machen rund zwei Prozent der Bevölkerung aus. Obwohl sie überdurchschnittlich gut gebildet sind, haben sie auf dem Arbeitsmarkt wenig Chancen: Sie sind deutlich stärker von Arbeitslosigkeit betroffen und schaffen es nur selten in Kaderpositionen. «Die Stereotype, die durch den Kolonialismus geschaffen wurden, sind weiterhin tief verankert», sagt Anne Wetsi Mpoma. «Das habe ich von früheren Chefs genauso zu spüren bekommen wie etwa bei der Wohnungssuche.» Für sie sei es ein Glück, dass wegen der EU-Institutionen so viele globale Unternehmen präsent sind. Die 43-Jährige arbeitet seit einem Jahr bei einer US-Anwaltskanzlei.

Davor war sie eine von sechs auserwählten DiasporavertreterInnen, die die Dekolonialisierung des Afrikamuseums ermöglichen sollten. «Als ich ins Expertengremium berufen wurde, war ich sehr motiviert», sagt Mpoma, die sich im Studium auf die Geschichte afrikanischer Kunst spezialisiert hatte. «Der Museumsdirektor versicherte uns, dass er wirklich etwas verändern wolle und dass er stolz sei, mit uns zusammenzuarbeiten.»

In den Sitzungen stellten aber einige Museumsangestellte rasch klar, dass sie die DiasporavertreterInnen nicht als ExpertInnen anerkannten. «Die Museumsleitung benutzte uns letztlich als Alibi», sagt Mpoma. «Gegen aussen konnte sie uns als Tatbeweis präsentieren, dass sie die ‹afrikanische Perspektive› einbezieht. Aber umgesetzt hat sie nur das, was ihr in den Kram passte.»

Dabei habe die Museumsleitung auch ausgenutzt, dass sich die DiasporaexpertInnen nicht in allem einig waren. «Sie sagt heute, dass wir es gewesen seien, die im Saal zur Kolonialgeschichte keine historischen Fotos von misshandelten Kongolesinnen und Kongolesen wollten», so Mpoma. «Dabei war es genau einer, der etwas in diese Richtung sagte.»

Der Einfluss der alten Kolonialisten sei weiterhin zu spüren. «Ihr Verein Mémoires du Congo hält seine Versammlungen im Museum ab und unterstützt es auch finanziell», sagt Mpoma. «Die Museumsleitung wollte einen Kompromiss zwischen den Kolonialisten und uns Antikolonialistinnen finden.»

Egal ob man noch ein Glashaus, ein paar erklärende Worte und afrikanische Stimmen hinzufügt: Dieses Museum ist und bleibt ein Gemäuer der Finsternis. Wirklich dekolonialisiert wäre es erst dann, wenn es die ganze Geschichte des belgischen Kolonialismus und der dadurch entstandenen Sammlung zeigen würde. Nicht bloss ansatzweise in einem «Einführungssaal», sondern in der offiziellen Ausstellung: kritisch, nach dem neusten Stand der Forschung, aus afrikanischer Sicht. Dann würde aus diesem Palast des Kolonialismus endlich ein Denkmal für seine Opfer.

Die historischen Details sind folgendem Buch entnommen: David Van Reybrouck: «Kongo. Eine Geschichte». Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. Suhrkamp Verlag. Berlin 2012.

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