Geschenkte Mythen Blaise Ndalas «Dans le ventre du Congo» erzählt vom kongolesischen Dorf an der Weltausstellung in Brüssel – aus Sicht der Ausgestellten.

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Wie wir uns erinnern, wird von der Gegenwart mitbestimmt. Das gilt gerade auch für die Erinnerung an die Kolonialzeit. Wenn wir das Gedächtnis als Archiv betrachten (vgl. «Was will die Zukunft von uns wissen?» ), könnten wir von einem «remue-ménage» im Archiv sprechen: von Durcheinander, Umgestaltung und Neuordnung im Haushalt.

Das Musical «Le vol du Boli» ist ein Riesenspektakel, das im Pariser Théâtre du Châtelet seit letztem Herbst Triumphe feiert. Ein Boli ist ein Fetisch, dem in der traditionellen Religion der Bambara in Mali und Burkina Faso magische Kräfte zugeschrieben werden. 1931 wurde auf einer ethnografischen Expedition ein solcher Boli gestohlen, und zwar mit Unterstützung eines sehr berühmten und verdienstvollen Ethnologen und Schriftstellers: Michel Leiris. Man habe den Boli vor der Gewalt der Kolonialherren gerettet, hiess es damals. Man habe ihn mithilfe der kolonialen Gewalt geraubt, sagt man heute.

Dieser Boli ist bis heute im Pariser Musée du quai Branly, dem Museum für «aussereuropäische Kunst», zu sehen. Das Musical erzählt, allerdings eher nebenbei, die Geschichte vom Raub des Kultgegenstands, und es endet mit einer durchaus ergreifenden Szene: Der Boli steht als Schaustück im Pariser Museum und muss dort bewacht werden von einem Wächter, der zu ebenjenem Volk gehört, dem er geraubt wurde.

«Le vol du Boli» ist eine leicht konsumierbare Show. Die Brutalitäten des Kolonialregimes werden nur angedeutet. Doch immerhin erzählt das Musical die Geschichte eines kolonialen Raubes. Ist das ein Fortschritt? Oder eher die Kommerzialisierung kritischer Gedanken? Ein Musical erreicht ein breiteres Publikum als die Literatur und greift gern neue Stoffe auf, stellt aber ästhetischen Spass und weltanschauliche Zuversicht meist nicht infrage.

Im «village indigène»

Ein Roman wie «Dans le ventre du Congo» hat da mehr Freiheiten – und der Autor Blaise Ndala, geboren 1972 in der Demokratischen Republik Kongo, nutzt sie auch lustvoll. Ausgangspunkt seiner Erzählung ist die Weltausstellung von 1958 in Brüssel, wo zwei symbolische Bauwerke zu sehen waren: das Atomium und ein «village indigène». Das Atomium, bis heute eine Touristenattraktion, ist ein auf einer Ecke stehender Würfel, bestehend aus neun Kugeln, die untereinander durch Stangen verbunden sind und die eine «Elementarzelle» darstellen sollen. Das «village indigène» war ein simuliertes Dorf, in dem Menschen aus dem Kongo zur Schau gestellt wurden.

Woran erinnern wir uns heute? Das Atomium steht für die behauptete Macht und die Herrlichkeit des Westens, für den Glauben an den Fortschritt und für den Kampf gegen den Osten im Kalten Krieg. Das «village indigène» steht für die schändliche Kehrseite des Westens, für einen barbarischen Fortschritt, aber auch für den aufbrechenden Widerstand der Kolonialisierten gegen die Kolonialherren, der mit dem Ost-West-Konflikt wenig zu tun hatte. Und die «exposition universelle» war nicht universell, sondern die partikulare Show der Kolonialherren.

Die beim Publikum sehr beliebten sogenannten Völkerschauen mit afrikanischen Menschen gab es im Zoologischen Garten Basel bis 1935, im Circus Knie bis 1964. Manch eine:r trällerte, ungefähr zur Zeit des «village indigène» in Brüssel, den Titelsong eines Kindertheaterstücks, das im Theater Basel begeistert hatte. Es hiess «Zehn kleine Negerlein» und gehörte wohl zu dem Kinderstubenrassismus, den auch Trudi Gerster pflegte.

Die verschwundene Prinzessin

Zurück zu Ndalas Roman. Er lässt zwei Erzählerinnen zu Wort kommen. Die erste, Tshala, ist die Tochter des Bakuba-Königs Kena Kwete III. Sie ist eine in jeder Hinsicht attraktive und stolze Prinzessin. «L’étoile à qui le fleuve demande son chemin» sei sie, so heisst es: der Stern, nach dem der Fluss seinen Lauf richtet. Sie erzählt ihr Leben bis zu ihrem erzwungenen Auftritt als Tänzerin im «village indigène» der Weltausstellung, wo sie plötzlich verschwindet.

Die zweite Erzählerin ist ihre Nichte Nyota, die vom weisen, alten König, dem Antipoden des belgischen Königs Leopold II., beauftragt wird, den geheimnisvollen Tod ihrer Tante, der Tochter des Königs, zu erforschen. Mit ihr sind wir in der postkolonialen Zeit der 2000er Jahre. Vieles hat sich verändert, rassistische Aggressionen gibt es noch immer.

Der Roman arbeitet einerseits mit fiktiven Figuren, hinter denen oft reale Figuren stehen. Andererseits erscheinen auch reale Figuren mit ihren wirklichen Namen wie Patrice Lumumba, der erste Premierminister des unabhängigen Kongo, oder Wendo Kolosoy, der König des Rumba, dem niemand widerstehen kann. Ob weiss oder Schwarz, die Menschen müssen zu seiner Musik einfach mittanzen. Kolosoy ist denn auch eine zentrale Figur dieses politischen Romans, denn seine Musik schafft eine Gemeinsamkeit unter den Kongoles:innen, die jederzeit in Revolte umschlagen kann.

«Dans le ventre du Congo» ist ein politischer Roman, der die «métissages», die Mischformen, besingt: Die «enfants métis», Kinder, die einen belgischen Vater und eine afrikanische Mutter haben, wurden von der Kolonialmacht als lebendige Infragestellung der weissen Vormachtstellung verstanden und dem Verdacht ausgesetzt, die Revolte der Indigenen in sich zu tragen. Ndala erzählt dagegen mit Lust von allen möglichen Varianten der Vermischung – und dies nicht nur auf inhaltlicher Ebene: Er mischt in seinem Roman die Sprachen Französisch und Lingala. Seine Prinzessin Tshala verliebt sich gleich zu Beginn in einen weissen Kolonialverwalter. Ihre Liebe und ihr Begehren machen sie blind für die Hautfarbe. Im «Dorf» der Weltausstellung singt sie lateinische Lieder, die sie als Schülerin in der katholischen Mission im Kongo gelernt hatte – ein Bruch mit den Codes, die die Weissen für ihren Auftritt vorgesehen hatten.

Grosser Appetit

Es gibt unter den Figuren des Romans zahlreiche Freundschaften, die über die Grenzen der Hautfarbe hinweg gestiftet werden. Ein belgischer Soziologe, Afrikakenner und Afrikafan wird sogar als Bantu-Chef inthronisiert. Ndala thematisiert auch die Scheusslichkeiten der traditionellen kongolesischen Gesellschaften. Insbesondere der völkische Dünkel, der unter den Völkern eine Hierarchie etablieren will, ist nicht nur ein europäisches, sondern auch ein afrikanisches Übel. Ndalas Weltsicht steht im Gegensatz zu jenen Stimmen, die sich für eine weitgehende Trennung von Schwarzen und Weissen starkmachen. Er hält an der Utopie der Gemeinsamkeit und der Möglichkeit eines gegenseitigen Verstehens fest. Die Perspektive, die böse Vergangenheit könnte eines Tages vergehen, wird aufrechterhalten.

Ndala schenkt uns auch einige der Mythen der Bakuba, deren Epos dieser Roman auch ist. Da lebte zum Beispiel vor langer, langer Zeit in Ruanda eine schöne Königin, deren sexueller Appetit so gross war wie der Ozean tief. Solange ihr Mann täglich bei ihr sein konnte, ging alles gut. Aber der König musste oft auf Reisen. Als sie eines Tages in ihrem Palast mit ihrem Begehren allein war und die Kerze ihrer Geduld aufgebraucht hatte, bat sie einen Sklaven, für sie zu sorgen. Es gelang ihm, die Königin so intensiv zu erfreuen, dass sie frenetisch ejakulierte, und die warme Flüssigkeit, die aus ihr herausfloss, wurde zum Kiwusee an der Grenze zwischen Ruanda und dem Kongo.

Solche Geschichten sind Geschenke an alle Leser:innen. Dürfen Weisse sie annehmen? «Dans le ventre du Congo» ist ein Beitrag zu einem neuerlichen Umbau des Gedächtnisses, zu einer weiteren «remue-ménage». Nach den Epochen der kolonialen Befreiungskriege und der unmittelbar darauf folgenden postkolonialen Phase kommt vielleicht – wer weiss? – endlich die Zeit einer globalen Erinnerungskultur.

Blaise Ndala liest in Solothurn am Freitag, 27. Mai 2022, um 11 Uhr.

Blaise Ndala: Dans le ventre du Congo. Éditions du Seuil. Montrouge 2021. 368 Seiten. 35 Franken

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