Nr. 17/2019 vom 25.04.2019

Ach, du mein Chäferli …

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Was nicht vermessen werden kann, zählt heutzutage wenig in der Wissenschaft. Es sollte uns also nicht wundern, dass es einen sogenannten Genderindex gibt, der den Grad der Männlichkeit respektive Weiblichkeit misst. Da dieser Index in der Linguistik angewandt wird, werden nicht Brusthaare gezählt oder die Körbchengrösse vermessen (Gott sei Dank), sondern persönliche Vornamen nach Silbenzahl, Akzentposition, Anzahl Konsonanten und Auslaut auf einer Skala von plus acht («maximal weiblich») bis minus acht («maximal männlich») indexiert. Und also kommt es, dass – weil achtzig Prozent aller Frauennamen auf einen Vokal enden, aber nur knapp zwanzig Prozent aller Männernamen – Michaela bei plus sieben liegt und Christoph bei minus fünf.

Jetzt aber: Sensationeller Befund! SprachforscherInnen aus Mainz haben herausgefunden, dass sich die Geschlechterdifferenz mit zunehmender Intimität der Beziehung zwischen den Geschlechtern verwischt. Will heissen: Die Namen nähern sich in Struktur und Klangmuster immer mehr an. Das fängt bei Spitz- und Übernamen unter FreundInnen an – Andi, Alex – und endet bei Kosenamen wie Schatz, Spatz, Schnugi, Mausi oder Chäferli.

Und jetzt raten Sie mal, weshalb das so ist? Unter Berufung auf soziologische Forschung erklärt Studienleiterin Damaris Nübling: «Wenn sich ein Paar erst einmal gebildet hat, wird das Geschlecht nicht nur irrelevant, sondern es steht der Beziehung sogar im Weg, weil es die Wahrnehmung des Individuums stört.» Viel wichtiger sei eben «die mit dem Namen vollzogene Streicheleinheit».

Hm. Ich weiss ja nicht, wie Sie dazu stehen, aber wenn mein Partner abends heimkommen und flöten würde, «Schätzchen, ich hab Hunger, steht das Essen auf dem Tisch?», fühlte ich mich ganz und gar nicht gestreichelt. Und als Individuum wahrgenommen schon gar nicht. Um im Schema zu bleiben, gäbe es da nur eine Antwort: «Schatz, lass uns essen gehen – und vergiss das Portemonnaie nicht.»

Die Autorin bezweifelt, dass sich die Gleichberechtigung in einer Beziehung an bescheuerten Kosenamen messen lässt.

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