Nr. 17/2019 vom 25.04.2019

Richtig guter Spieltrieb

Von Jens Uthoff

Im Abseits, an den Rändern, in den schmutzigen Ecken der Subkultur hat sich Jens Rachut schon immer wohlgefühlt. «Das ist meine kleine Nische / Wenn’s bekannt wird, hau ich ab / Denn fast alles, was berühmt ist / ist so öde», sang der Hamburger Punkmusiker einst bei seiner Band Oma Hans – eine Liebeserklärung an den Sound jenseits des Mainstreams. Rachut selbst hat seit den frühen achtziger Jahren in zahlreichen, meist kurzlebigen Bands gesungen, mit Namen wie Blumen am Arsch der Hölle, Dackelblut oder eben Oma Hans. Sie alle hatten anderen deutschsprachigen Punkbands etwas voraus: Originalität, Experimentierfreude, Spieltrieb. Vor allem galt das für die Texte Rachuts, der sich von Dada und schräger Science-Fiction geprägt zeigt, aber auch die direkte Message des frühen Punk schätzt.

Jetzt hat Jens Rachut eine neue Band, die sich nicht nur namenstechnisch nahtlos in die Riege seiner Combos einfügt: Maulgruppe. Für dieses Projekt hat er sich mit befreundeten Musikern der Noiserockbands Kurt und Ten Volt Shock zusammengetan, nun ist ihr Debüt «Tiere in Tschernobyl» erschienen. Und es ist, nach zuletzt etwas schwächeren Rachut-Projekten, richtig gut geworden. Grundiert ist es von treibendem Punk/Noiserock mit Jesus-Lizard-mässig aufjaulenden Gitarren und Stakkatoriffs, dazu kommen frisch flirrende Synthesizer.

In den Songtexten läuft Rachut teils zu Hochform auf, etwa wenn er über Depressionen («Selbstmitleid trinken») oder die Mühlen des bürgerlichen Lebens («Jäger») singt. In «Geschwür» greift er die #MeToo-Debatte auf («Männer tatschen, betasten, ungefragt / am Merchandise-Stand / (…) im Dschungel / auch am Tag»), in «Tinderbaby» widmet er sich den merkwürdigen Formen der Annäherung in der digitalen Ära («Oh Tinderbaby / ich brauche dich / wisch mich nicht weg / ich liebe dich»). Und auch zur Hamburger Elbphilharmonie hat er eine Meinung: «Bitte, bitte geht nicht rein / ihr werdet da noch krank», fordert er in «Das Volk». Man muss sich also keine Sorgen um Jens Rachut machen: Er wird den unruhigen Underground auch weiterhin der glatten Oberfläche vorziehen.

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