Nr. 17/2019 vom 25.04.2019

Zuhause in «Stalingrado»

Bei den Tessiner Parlamentswahlen machte ein linker Gewerkschafter mit einem Glanzresultat auf sich aufmerksam: Unterwegs mit Matteo Pronzini vom Movimento per il socialismo.

Von Adrian RiklinMail an AutorIn (Text) und Ursula Häne (Foto)

Matteo Pronzini vor den SBB-Reparaturwerkstätten «Officina», die 2008 bestreikt wurden.

Schlendert man mit Matteo Pronzini eine Woche nach den Wahlen durch Bellinzona, bleibt man immer wieder mal stehen. Da ein Senior, der dem Kantonsrat auf die Schulter klopft, dort eine Studentin, die ihm zujubelt. Und auch der Käseverkäufer aus dem Muggiotal begrüsst Pronzini mit einem fröhlichen «Auguri!».

Mercato in Bellinzona. Wie jeden Samstag sind sie mit ihren Spezialitäten aus allen Tälern in die Gassen der Kantonshauptstadt gekarrt. Die halbe Stadt ist auf den Beinen. Vor einem Gemüsestand riecht Mario Branda, der Stadtpräsident, gerade an den Blättern eines Salats, als Pronzini in seinem Augenwinkel auftaucht. Jetzt hält er kurz inne, und als Pronzini auf ihn zugeht, reicht auch er, der sozialdemokratische Sindaco, seinem trotzkistischen Kritiker die Hand: «Complimenti!»

Das Intermezzo ist typisch für Bellinzona. Man kennt sich. Und nennt sich mit Vornamen, auch wenn man das Heu nicht auf der gleichen Bühne hat. Bellinzona hat zwar seit der Eingemeindung der umliegenden Kommunen über 40 000 EinwohnerInnen. Doch das Lebensgefühl ist dörflich geblieben.

Permanente Opposition

Der 48-jährige Pronzini wurde am 7.  April auf der Liste des Movimento per il socialismo (MPS; Bewegung für den Sozialismus) wiedergewählt – sein Vorsprung auf die Zweitplatzierte seiner Liste betrug rund 10 000 Stimmen. Pronzinis permanente Opposition gegen die Regierung ist mit ein Grund, dass es im Tessin zu einem kleinen Linksrutsch gekommen ist: Während die regierenden Parteien Lega, FDP, CVP und SP Stimmen verloren, gewannen die Linksaussenparteien MPS (plus zwei) und Partito Comunista (PC; plus eins) drei Sitze dazu. Zudem konnten die SP (trotz Stimmenverlust) und die Grünen ihre Sitze halten, und mit der «Più Donne» (zwei Sitze) stand erstmals eine Frauenliste zur Wahl.

Die diesjährigen Wahlen waren in erster Linie ein Protest gegen die Regierungsparteien. Dafür, dass in den letzten Jahren die Regierungsgeschäfte vor und auch hinter den Kulissen kritisch beleuchtet wurden, ist vor allem einer zuständig: Matteo Pronzini. In den ersten vier Jahren als Kantonsrat hat er rund 200 Interpellationen eingereicht. Pronzini war es auch, der im letzten Herbst aufdeckte, dass Regierungsmitglieder über Jahre illegal Spesen bezogen und sich ihre Rentenleistungen aufpoliert hatten – während die Löhne im Kanton gesenkt und Arbeitsplätze abgebaut wurden.

Drei von neunzig Sitzen hat der MPS im Parlament. Pronzini fühlt sich deswegen aber nicht in der Minderheit: «Die Mehrheit der Bevölkerung ist lohnabhängig, und ich gehöre dazu», sagt er beim Caffè in der Casa del Popolo.

Pronzini spricht eine Sprache, die die Leute verstehen: Einer von ihnen. Was man als Kleinpartei bewirken kann, zeigte sich auch bei der Volksinitiative zur Rettung der öffentlichen Spitäler, die der MPS lanciert hatte – und 2016 gewann. Pronzinis Selbstverständnis ist das eines antikapitalistischen Oppositionellen, der sein parlamentarisches Mandat dazu nutzt, sozialen Bewegungen ein Echo zu verleihen. Und vor allem: das Stillschweigen zu brechen. Der MPS übernimmt eine Rolle, die die SP seit ihrer Regierungsbeteiligung weitgehend aufgegeben hat: Arbeit gegen das Establishment, die im Grenzkanton jahrelang die rechtspopulistische Lega für sich beanspruchen wollte – bis auch sie in die Regierung einzog.

Aufgewachsen ist Pronzini als Sohn einer Putzfrau und eines Gemeindearbeiters in Lumino, dem letzten Dorf vor dem bündnerischen Misoxtal. Als Metzgerlehrling durch die schlechten Arbeitsbedingungen politisiert, trat er zunächst in die Sozialistische Arbeiterpartei ein. Nach dem Lehrabschluss arbeitete er in der Grossmetzgerei Bell in Zürich und auf dem Bau, wurde Jugendsekretär der damaligen Gewerkschaft GBI und war dann mehrere Jahre für das Tessin zuständig, unter anderem für die Arbeiter auf der Neat-Baustelle. So war er auch an der Planung der landesweiten Streiks, die 2007 zum Landesmantelvertrag für das Baugewerbe führten, beteiligt.

Seit 2009 arbeitet Pronzini als Sekretär im Sektor Industrie in der nationalen Unia-Zentrale in Bern. Als solcher war er 2013 und 2018 auch an den harten Verhandlungen für Gesamtarbeitsverträge in der Metallbranche beteiligt. Sein Lebensmittelpunkt aber ist immer noch Bellinzona. «Stalingrado» nennen die Bellinzonesi das ehemalige Eisenbahnerquartier, in dem Pronzini mit seiner Lebensgefährtin, einer deutschen Soziologin portugiesischer Herkunft, und ihrem gemeinsamen Sohn wohnt.

«Ich habe meine Uni in der Gewerkschaft gemacht», sagt Pronzini. «Alles, was ich da gelernt habe, nutze ich jeden Tag.» So auch als Mitglied des Streikkomitees «Giù le mani» (Hände weg) beim grossen Streik der Belegschaft der SBB-Reparaturwerkstätten Officina im Frühling 2008. Es war der Moment, als der MPS erstmals auch Sympathien in der breiteren Bevölkerung gewinnen konnte. «Sogar ein ehemaliger Direttore der Officina, ein neunzigjähriger Herr, ist heute Mitglied des Movimento», verrät Pronzini. «Die Officina gehört zur industriellen Seele des Tessins. Es gibt kaum eine Tessiner Familie, die nicht jemanden hat, der in der Officina arbeitete.»

Gegen das Lohndumping

Der 33-tägige Streik im Frühling 2008, mit dem die gesamte Belegschaft der Officina den von den SBB geplanten Abbau des Werks verhinderte, hat weit über die Landesgrenzen hinaus für Furore gesorgt. Doch auch elf Jahre danach ist der Kampf nicht ausgefochten. Längst haben die SBB ihre Strategie geändert: Statt eines abrupten Kahlschlags bauten sie die Aufträge sukzessive ab. 2018 gaben sie die Pläne für ein Neubauprojekt in der Nachbargemeinde Arbedo-Castione bekannt. Teil dieser Pläne ist, dass es dort nur noch gut 200 statt 400 Arbeitsplätze geben würde, derweil auf dem Areal der Officina Platz für einen Technologiepark, Schulen und Wohnungen gemacht werden soll. Der Kanton will dafür hundert, die Stadt zwanzig Millionen Franken beisteuern. Das wiederum hat den MPS veranlasst, eine Initiative zu lancieren, die das Streikkomitee schon 2008 entworfen hatte. Jetzt geht es darum, den Kanton zu verpflichten, in die Industrie und ihre Arbeitsplätze zu investieren. Am 19. Mai kommt es zur Abstimmung.

«Porca miseria», sagt Pronzini auf dem Weg entlang des riesigen Werkgeländes hinauf zum nahen Bahnhof: «Da hast du eine qualitativ hochwertige Industrie, die Hunderte von Familien ernährt und auch noch ökologisch ist. Wir bauen ja nicht Munition. Wir reparieren Züge!»

Und so weibelt er erneut von Tal zu Tal. Und mit den SBB von Stadt zu Stadt: Gerade hat er als Vertreter des Kantonsrats der Rechtskommission des Ständerats in Bern eine Standesinitiative gegen Lohndumping präsentiert. Konkret will er die Voraussetzungen dafür schaffen, dass einer Angestellten nicht mehr gekündigt werden kann, nur um sie durch eine andere Angestellte mit weniger Lohn zu ersetzen. «In keinem Kanton sind die Löhne in den letzten Jahren so drastisch gesunken wie im Tessin», sagt Pronzini. Rund dreissig Prozent der Menschen im Tessin sind von Armut bedroht.

Matteo Pronzini muss weiter. Das Streikkomitee ruft. «Bravo!», sagt die Verkäuferin am Bahnhofskiosk. «Ich habe dich gewählt.»

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