Nr. 16/2012 vom 19.04.2012

Der lange Atem der Arbeiter

Seit dem wilden Streik vor vier Jahren hält die kämpferische Belegschaft des Industriewerks Bellinzona das SBB-Management in Schach. Die Arbeiter befürchten, dass die SBB mit einer Taktik der kleinen Schritte in die Vergangenheit zurückkehren will.

Von Andreas Fagetti (Text) und Andreas Bodmer (Fotos)

Angenehmere Arbeit dank verbesserter Bedingungen: Ein Arbeiter beim Neuschleifen von Radsätzen an der Drehmaschine.

Gianni Frizzo hat eben in der Pittureria, der Malerei, eine einstündige Rede gehalten. Wie jeden Frühling seit dem Streik vor vier Jahren treffen sich auch an diesem Wochenende Hunderte TessinerInnen in der schmucklosen Betonhalle auf dem beinahe 100 000 Quadratmeter grossen Werksgelände im Herzen Bellinzonas. Die «Officina» hat dank des Arbeitskampfs überlebt, derzeit arbeiten über 500 Leute hier, mehr als vor der drohenden Schliessung.

Dennoch bleibt die Zukunft in den Augen der Belegschaft ungewiss. Die Arbeiter misstrauen dem SBB-Management. Sie haben im Laufe der Jahre zu viele leere Versprechungen vernommen. Die SBB haben in den Werkstätten im Tessin in den vergangenen fünfzehn Jahren rund 400 Arbeitsplätze abgebaut. «Wir müssen wachsam bleiben», sagt Frizzo, Präsident der Personalkommission und der bekannteste Kopf des Streikkomitees. Er erinnert an den verlorenen Kampf um die «Officina» Biasca, er erinnert an die Werkstätten in Chur Ende der neunziger Jahre, als das SBB-Management noch zwei Wochen vor deren Schliessung eine gesicherte Zukunft versprach.

Und was sollen die Arbeiter davon halten? Im November verloren die Werkstätten Aufträge der unter enormem Spardruck stehenden SBB Cargo, ihrer wichtigsten Kundin. Wieder standen Arbeitsplätze auf dem Spiel. Die Belegschaft reagierte mit einer Resolution, sie verstand es als weiteren Angriff auf die Existenz ihres Betriebs. Die SBB-Führung beeilte sich, die Auftragslücken zu füllen. CEO Andreas Meyer soll sich persönlich darum gekümmert haben.

Mitsprache statt Almosen

Neues Leben in alten Loks: In der «Kathedrale» der SBB-Werkstätten in Bellinzona wird eine Lokomotive der Baureihe Re 4/4 II («Bobo») umgerüstet.

Für Andreas Meyer war die Niederlage vor vier Jahren traumatisch gewesen. Die Angst vor einer erneuten Blamage sitzt tief. Alle Drogen aus dem Medikamentenkoffer der Wirtschaftsführer wirkten damals nicht, als die «Officina» in einer privaten Firma aufgehen und ein Teil des Personals entlassen werden sollte. Die Belegschaft liess sich von in Aussicht gestellten Sozialplänen und geheucheltem Verständnis nicht einnebeln. Sie wollte Mitsprache, Arbeit und keine Almosen.

Das Selbstbewusstsein der Arbeiter muss die Chefs erschreckt haben. Als sich der wilde Streik anbahnte und der Direktor des Werks seinen Angestellten die Teilnahme an einer Arbeiterversammlung verbieten wollte, entgegnete ihm Gianni Frizzo: «Ich muss Ihnen mitteilen, dass von nun an hier drinnen nicht mehr Sie als Direktor befehlen, sondern die Arbeiter. Und nachher wird nichts mehr sein wie vorher.» Als CEO Andreas Meyer später drohte, für jeden Streiktag 250 000 Franken in Rechnung zu stellen, reisten die Streikenden mit ihren Familien nach Bern und demonstrierten trotz Verbot während der Parlamentssession auf dem Bundesplatz. Frizzo konterte Meyer: Wenn man ihnen die Kosten des Streiks in Rechnung stelle, dann stelle man ebenfalls Rechnung: für all die Kosten und für das Leid und die Krankheiten, die durch diese Umstrukturierungen verursacht worden seien.

Die Arbeiter setzten sich durch, erzwangen einen runden Tisch, an dem sie mitreden konnten und Einblick in die Zahlen des Betriebs erhielten. Sie delegierten die Vertretung ihrer Interessen weder an das Direktorium noch an Gewerkschaftsfunktionäre. Ideal funktionierte das Mitsprachegremium nicht, die strukturelle Macht liegt immer noch aufseiten der Kader. Die Personalkommission wurde über manche Entscheidungen nicht informiert, sondern vor fertige Tatsachen gestellt. Aber die latente Streikdrohung wirkte in den letzten vier Jahren dennoch.

Das Misstrauen gelte nicht den Menschen im Kader, es richte sich gegen ihre Denkweise, gegen die betriebswirtschaftliche und hierarchische Logik, sagt Frizzo. Er setze weiter auf Dialog. Und er rechne damit, dass die SBB-Führung genauso vernünftig handle. Jetzt sitzt der Polymechaniker auf einer Festbank. Livemusik spielt, die Menschen stehen Schlange und lassen sich Polenta, Käse, Luganighe und Aufschnitt in die weissen Plastikteller schöpfen. «Nur weil ich einen Lohn erhalte, bin ich noch lange kein Befehlsempfänger», sagt Frizzo. Und fährt weiter: «Der Betrieb gehört auch den Menschen, die hier arbeiten, den Familien, die davon leben. Es geht um Würde und sozialen Zusammenhalt.» Und um die Solidarität mit den Temporärarbeitern, die zum Teil jahrelang in dieser prekären Anstellung gehalten werden.

Die Logik eines Gianni Frizzo widerstrebt den Managern. Seine Mitstreiter und er wollen mitreden, ernst genommen werden. Die Menschen schütteln die Hände des ehemaligen Streikführers, sie klopfen ihm auf die Schulter, wechseln ein paar Worte. Gianni Frizzo, dieser entschlossen und besonnen wirkende Mann, der sich seit langem als Gewerkschafter, als Gemeinderat und Friedensrichter in der lokalen Politik engagiert, ist eine Symbolfigur. Ihm vertrauen die Arbeiter.

Schliessung ist kein Thema

Einer, der mit Misstrauen fertigwerden muss, ist Felix Hauri. Vor wenigen Monaten hat er die Direktorenstelle beim Industriewerk Bellinzona angetreten. Der Maschinenbauingenieur, Betriebswirt und Arbeitspsychologe nimmt sich eine halbe Stunde Zeit für eine Betriebsführung. Es eilt. Das nächste Meeting wartet bereits. In jungen Jahren trug er die Mao-Bibel unter dem Arm und die Haare lang. Jetzt ist alles an ihm akkurat. Er führt rasant, dynamisch und eloquent, verweist auf eine Lokomotive der Mitsui Rail Capital Europe (MRCE), eines japanischen Investors, der überall auf der Welt Lokomotiven vermietet. Die Officine Bellinzona arbeiten noch immer vorwiegend für die SBB. Rund drei Viertel der Aufträge kommen von ihr, etwa ein Viertel akquirieren die Werkstätten auf dem freien Markt. Und diesen Anteil möchte die Belegschaft erhöhen, um unabhängiger von den SBB zu werden und die Zukunft langfristig zu sichern. «Mehr Autonomie für die Werkstätten Bellinzona» lautet ein Schlagwort. Felix Hauri, dem ehemaligen Alstom-Manager, müsste dieses Denken eigentlich gefallen.

In der ersten Halle warten Arbeiter sechzig Radsätze pro Tag, sie erfassen 150 Daten pro Radsatz, 9000 pro Tag. Sie untersuchen sie auf Haarrisse, sie schleifen und sandstrahlen und stellen sie in eine Ultraschallprüfanlage. «Wir haben die Arbeitsplätze verbessert», sagt Hauri und verweist auf ein Metallgestell, auf dem Bohrer und Schleifmaschine griffbereit stehen. «Früher lagen sie auf Paletten, die Arbeiter mussten sie zuerst suchen und an den Strom anschliessen. Aber wir bezahlen sie nicht fürs Suchen, wir bezahlen sie fürs Arbeiten», sagt Hauri. Höchste Qualität, das ist der Anspruch. «Wir gehören europäisch zur Spitze» – gute Voraussetzungen für den grossen europäischen Markt.

Und dann stehen wir in der nächsten Werkhalle, in der «Kathedrale», einem imposanten historischen Gebäude. Rund 130 Leute arbeiten in dieser Abteilung, der die Zukunft gehört. Eben wurden hier Leute eingestellt, allerdings wurden in anderen Abteilungen Temporärarbeiter entlassen. Die Schliessung der Werkstätten Bellinzona sei für die SBB «kein Thema», sagt Pressesprecher Reto Kormann. Derzeit arbeiten mehr Leute in der «Officina» als vor vier Jahren, nämlich 447 Festangestellte und 77 Temporäre. Die SBB haben in den Jahren nach dem Streik zwanzig Millionen Franken in den Betrieb investiert. Man wolle auch in die Weiterbildung und Umschulung von Mitarbeitern investieren, um sie für die Zukunftsmärkte fit zu machen. Daher bestehe zu Misstrauen kein Anlass.

Hoffen auf ein Kompetenzzentrum

In der «Kathedrale» rüsten Ingenieure, Elektromechaniker und Elektroniker alte Loks um. Sie erhalten eine neue Hülle und ein modernes Innenleben. Eine neue Lok kostet zwischen drei und vier Millionen Franken, eine umgerüstete alte Lok eine Million Franken. So kann sie weitere zwanzig Jahre arbeiten. Es riecht nach Öl, Schleifgeruch hängt in der Halle. An die Halle führen Geleise. Draussen steht ein Dutzend Loks, bereit zur Wartung oder zum Umbau. Gerade gleitet eine MRCE-Lok heran, zurück von einer Testfahrt. Felix Hauris Augen glänzen. Der Maschinenbauingenieur hat in den siebziger Jahren die Rekuperationsanlage zur Energierückgewinnung und den Schleuderschutz der Gotthardlok konstruiert. Eines dieser mächtigen Exemplare, das 10 000 PS auf die Schiene bringt, wartet auf einem der Abstellgleise. Felix Hauri ist zuversichtlich. Er setzt auch auf den Gotthardbasistunnel. Der soll der Werkstätte neue Aufträge bringen. «Wir wollen vorwärtsmachen, wir wollen hundert Prozent Liefersicherheit und tiefe Qualitätskosten. Das schaffen wir nur gemeinsam», sagt der Manager und muss ans nächste Meeting.

David Simoneta will auch vorwärtsmachen. Der junge Elektroingenieur setzt seine Hoffnungen in die freien Märkte. «Die Aufträge der SBB bleiben wichtig, aber wenn wir langfristig überleben wollen, müssen wir mehr davon auf dem freien Markt holen», sagt er. Der gebürtige Italiener, der in Triest aufgewachsen ist und als Kind ins Tessin kam, setzt grosse Hoffnungen in die Entwicklung eines Kompetenzzentrums für nachhaltige Mobilität. Die Idee stammt aus der «Officina», die Tessiner Bevölkerung hat mit weit über 10 000 Unterschriften die Regierung beauftragt, diese Idee weiterzuverfolgen. Mittlerweile ist die Studie in Auftrag gegeben. Bis Ende des Jahres sollen die Resultate vorliegen.

Was dieses Kompetenzzentrum genau soll, bleibt bislang schwammig. Es handelt von Forschung und Weiterbildung im Bereich Mobilität. Finanzieren soll es die öffentliche Hand. Die SBB sind ebenfalls interessiert. David Simoneta ist aber auch Gewerkschafter und Mitglied der Personalkommission. Er sieht sich als «Tintenfisch», der seine Arme überall hat: Als Ingenieur arbeitet er mit dem Kader zusammen, er kennt sich in den Werkstätten aus, und als Gewerkschafter vertritt er die Interessen der Belegschaft. Auch David Simoneta will vorwärtsmachen. Allerdings in einem gleichberechtigten Dialog. Bislang aber fehlt Frizzo und seinen Leuten eine klare Strategie der Unternehmensleitung.

Hier sind sie nun alle wieder versammelt an diesem Samstag. In dieser kahlen Betonhalle, wo vor vier Jahren der Streik begann, der 33 Tage dauerte. In Bellinzona verbindet fast jede Familie etwas mit der «Officina». Damals stellte sich die Tessiner Gesellschaft hinter die Arbeiter und ihre Familien. Die PolitikerInnen, die Regierung, die Gemeinden, die kleinen Leute. In einem Monat flossen über zwei Millionen Franken in die Streikkasse. Die bürgerlich regierte Stadt Lugano spendete 100 000 Franken, bürgerliche PolitikerInnen öffneten ihr Portemonnaie, selbst eine Filiale der Credit Suisse überwies einige Tausend Franken. Entscheidend für den Erfolg dieses Streiks war, dass die Streikenden ihr Anliegen in die Zivilgesellschaft trugen, den Betrieb öffneten und zeigen konnten, dass es ihnen um mehr ging als ihre Löhne.

Die Auseinandersetzung ist nicht beendet, sie scheint bloss vertagt. Nach dem Streik blieben mehr als 200 000 Franken in der Kasse. Die Belegschaft gründete 2009 den Verein «Giú le mani dall’Officina di Bellinzona» – Hände weg von der «Officina». Noch immer hängen an der Stirnseite der Halle die Transparente und an einer Seitenwand orangefarbene Überhosen der Arbeiter als Symbol für den Arbeitskampf. Sollten es die SBB wagen, diese Symbole zu entfernen, es käme wohl zu einem spontanen Streik.

Mitte Dezember 2011 hat Bundesrätin Doris Leuthard den runden Tisch aufgelöst. Basisgewerkschafter argwöhnen, dass die SBB mit einer Taktik der kleinen Schritte zur alten «Normalität» zurückkehren möchten, also so zu verhandeln, wie auch in anderen SBB-Betrieben verhandelt wird: Gewerkschaftsführer sitzen an einem Tisch mit den SBB-Kadern. Noch halten sich die Manager zurück. Derzeit wird an einer Dialogplattform gewerkelt. Am Tisch soll weiterhin auch die Personalkommission der «Officina» sitzen. Als Moderator vorgesehen ist Franz Steinegger.

Inspirierender Arbeitskampf

Etwas anderes, als sich selbst zu vertreten, kommt für die Belegschaft ohnehin nicht infrage. «Es geht hier nicht um die Gewerkschaften, es geht um die Arbeiter», sagt Gianni Frizzo. Denn gerade ihre einstigen Gewerkschaftsfunktionäre von der Eisenbahnergewerkschaft SEV und von Transfair, die im Rahmen des Gesamtarbeitsvertrags an die Friedenspflicht gebunden waren, konnten die Schliessungspläne der SBB nicht mit Streik bekämpfen. Freilich erschienen der Belegschaft diese Gewerkschaften schon vorher zu wenig kämpferisch. Daher wechselten viele zur Unia. Das erwies sich als Glücksfall. Denn die Unia war an keine Friedenspflicht gebunden und unterstützte die Belegschaft beim Streik. Die Fetzen flogen allerdings nicht nur zwischen den SBB und der Belegschaft, auch in der Linken stritt man sich.

Auf die beispielhafte Wirkung des Streiks weit über die Schweizer Grenzen hinaus hatten die Streitereien keinen Einfluss. Der Arbeitskampf inspiriert Belegschaften bis nach Deutschland und in die USA. Zwei Filme schildern die Ereignisse, der jüngste wurde am Sonntag im Tessiner Fernsehen ausgestrahlt. Arbeiter, die ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen und sich nicht wie Objekte herumschubsen lassen – das ist die Botschaft. Es gibt gescheiterte Arbeitskämpfe – in St. Gallen, Deisswil oder in Reconvilier. Doch auch nach Bellinzona wehrte sich eine andere Belegschaft erfolgreich, jene von Novartis in Nyon. Auch sie scharte einen ganzen Kanton hinter sich. Und auch sie wird einen langen Atem benötigen, wie die Leute von Bellinzona. Vertrauen ist gut, Misstrauen ist besser.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch