Nr. 18/2019 vom 02.05.2019

Anatomie eines Streiks

Von Timo Posselt

«Wir sind alle im gleichen Boot», versichern scheinheilig die Konzernverantwortlichen in der ersten Szene. «En guerre» von Stéphane Brizé führt uns mitten in einen in der französischen Provinz tobenden Arbeitskampf: Ein Autozulieferer liegt unter den Renditeerwartungen des deutschen Mutterkonzerns, die Firma soll darum samt Belegschaft wegrationalisiert werden. Die Angestellten antworten mit einem Streik.

Die ersten Minuten machen die moralische Auslegeordnung von Brizés Film klar: hier die kühle Teppichetage, dort die existenziell bedrohten ArbeiterInnen. Allmählich eskaliert die Situation in der Fabrik. Verhandlungen scheitern, Ordnungshüter, hochgerüstet wie Robocops, komplimentieren die Streikenden vom Gelände, und die Chefs lancieren Versuche, die Streikenden zu spalten. Am Schluss sind Barrikaden nicht das Einzige, was in diesem Film brennt.

Das Gesicht der Streikenden gibt Vincent Lindon als kerniger «Büezer» mit pulsierender Halsschlagader, schäumendem Mund und zunehmend blutunterlaufenen Augen. So viel politische Wut wirkt ansteckend, doch leider lässt ihm das Drehbuch kaum Raum für charakterliche Tiefe. Die wenigen in den titelgebenden Betriebskrieg eingestreuten Alltagsszenen wirken in ihrer Dürftigkeit fast entschuldigend.

Regisseur Brizé zielt allerdings auf etwas anderes: Während er in seinem preisgekrönten Film «La Loi du marché» (2015) die Charakterstudie eines Langzeitarbeitslosen im flexibilisierten Arbeitsmarkt zeichnete, zerlegt er hier nun einen Streik in seine Einzelteile. Konsequent zeigt er das Wechselbad der Angestellten zwischen Selbstermächtigung und Niedergeschlagenheit. Improvisierte Streitszenen wechseln sich rhythmisch mit verwackelten Nachrichtenbildern ab, angetrieben vom Gitarrensoundtrack Bertrand Blessings – eine repetitive Struktur, die aber gerade dadurch einen Sog entwickelt. Mag «En guerre» auch etwas eindimensional sein: So unmittelbar wie hier wird man im Kino selten in Arbeitskämpfe verwickelt.

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