Nr. 19/2019 vom 09.05.2019

Undercut statt Glatze

Von Jan Jirát

Thomas Böhm strippte in den siebziger Jahren als junger Mann in Berliner Schwulenbars, begleitete in den Achtzigern als Musikjournalist für die «taz» die deutsche Punkszene und organisierte in den Neunzigern Raves in Berlin, später wird er Tierjournalist. Heute führt Böhm den Blog «Journalistenwatch», eine einflussreiche und aggressive Plattform der Neuen Rechten. Wie kam dieser Wandel vom überzeugten Linken zum rechten Hetzer zustande?

Die «Zeit»-Journalisten Christian Fuchs und Paul Middelhoff haben Böhm in seiner Küche in Naumburg, Sachsen-Anhalt, genau diese Frage gestellt. Die Antwort ist in ihrem Grossreport «Das Netzwerk der Neuen Rechten» nachzulesen, der das wachsende und zunehmend auch politisch erfolgreiche Milieu der Neuen Rechten in Deutschland erstmals umfassend beleuchtet – als gelungene Mischung aus Recherchen, Reportagen und Analysen.

Im Gegensatz zur alten Rechten, die vorwiegend aus Hitler-Fans und HolocaustleugnerInnen bestand, tritt die Neue Rechte bewusst anders auf: «Undercut statt Glatze, Jutebeutel statt Bomberjacke und Club-Mate statt Bierbesäufnis heisst die Devise», so Fuchs und Middelhoff. Ideologisch beziehen sich die Neuen Rechten auf die autoritären und antidemokratischen Ideen der «Konservativen Revolution» der zwanziger und dreissiger Jahre. Das Framing mag ein anderes sein, aber auch die Neuen Rechten sind im Kern rassistisch und antidemokratisch, wie die «Zeit»-Journalisten in ihrem Report klarmachen.

Mit der AfD, die durchsetzt ist mit AkteurInnen der Neuen Rechten, ist unterdessen der Sprung in die Parlamente gelungen, was die Schlagkraft der Bewegung enorm erhöht hat. Viele Positionen und Begriffe der Neuen Rechten sind längst in die Mitte der Gesellschaft eingedrungen. In den letzten Jahrzehnten war in Deutschland keine Strömung innerhalb der extremen Rechten so wirkmächtig wie diese. Ein Kapitel zum vielfältigen Widerstand gegen die Neuen Rechten wäre deshalb durchaus wünschenswert gewesen.

Christian Fuchs stellt seine Recherchen in drei «WOZ-Gesprächen» vor: in Zürich, Helsinkiklub, Dienstag, 14. Mai 2019, 20 Uhr; St. Gallen, Palace, Mittwoch, 15. Mai 2019, 20.15 Uhr; Bern, Progr, Donnerstag, 16. Mai 2019, 20 Uhr.

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