Nr. 20/2019 vom 16.05.2019

Salvinis Antworten

Von der Turiner Buchmesse wurde ein faschistischer Verlag ausgeladen – aber erst nach der Intervention einer jüdischen Auschwitzüberlebenden.

Von Jens Renner

Zum 100. Geburtstag der faschistischen Bewegung hatte Matteo Salvini, der starke Mann der italienischen Rechtsregierung, eine besondere Geschenkidee. Für die Veröffentlichung des Buches «Io sono Matteo Salvini» (Ich bin Matteo Salvini) mit Antworten auf hundert Fragen der Journalistin Chiara Giannini wählte er mit Bedacht den kleinen Mailänder Verlag Altaforte. Dessen Eigentümer Francesco Polacchi war begeistert: Die Vorstellung des Bandes beim Turiner Salone del Libro, der bedeutendsten Buchmesse Italiens, würde öffentliche Aufmerksamkeit und gute Umsätze garantieren.

«Unverstandener» Faschismus

Dieser Plan ist nun zumindest teilweise gescheitert. Denn nach langem Hin und Her entschied die Messeleitung am 8. Mai, einen Tag vor Eröffnung, den Verlag Altaforte von der Messe auszuschliessen, weil er den Faschismus rechtfertige.

Das hätte man auch schon vorher wissen können, denn Polacchi ist ein bekennender Faschist; Mussolini hält er für den bedeutendsten italienischen Staatsmann aller Zeiten. Auch das Verlagsprogramm lässt keinen Raum für Zweifel: Es enthält Biografien und Texte italienischer Faschisten, intellektueller ParteigängerInnen des Faschismus wie Ezra Pound, Ernst Jünger und Leni Riefenstahl sowie der neurechten Ideologen Alain de Benoist und Julius Evola. Die wichtigste der bei Altaforte erscheinenden Zeitschriften ist «Il Primato Nazionale». Auch hier wird die Tradition hochgehalten. Hundert Jahre nach dem 23. März 1919, als Mussolini und seine Spiessgesellen in Mailand die faschistischen Kampfbünde (Fasci italiani di combattimento) gründeten, erschien ein Sonderheft über den Faschismus. Dieser werde «eher verwünscht als verstanden», obwohl er nach wie vor «anzieht, verführt und beunruhigt», wie es im Editorial heisst.

Erst in letzter Minute wurde verhindert, dass Altafortes schwarz-braune Melange in Turin einem breiteren Publikum gezeigt werden konnte. Entscheidend war die Intervention des Museums Auschwitz-Birkenau, das in einem Brief an die Stadt Turin mit dem Boykott der Messe drohte. Zu den UnterzeichnerInnen gehört auch die jüdische Autorin und Übersetzerin Halina Birenbaum, die 1929 in Warschau geboren wurde und Auschwitz überlebte. «Wenn sie Neofaschisten willkommen heissen, machen sich die Organisatoren der Buchmesse zu deren Komplizen», sagte sie in einem Interview – und kündigte öffentliche Protestaktionen an für den Fall, dass die Faschisten bleiben dürften. Die Veranstalter glaubten zunächst, sich mit einem «Kompromiss» aus der Affäre ziehen zu können: Der Stand von Altaforte sollte von der zentralen Halle in einen Pavillon am Rand der Messe umziehen. Diese Scheinlösung war schnell vom Tisch, als die politisch Verantwortlichen – Bürgermeisterin Chiara Appendino und Regionalpräsident Sergio Chiamparino – aus Sorge um das Image von Stadt und Region ein Machtwort sprachen. Die Veranstalter lösten den Vertrag mit Altaforte einseitig auf, die Faschisten kündigten rechtliche Schritte an.

Jagd auf Linke

Es ist vor allem die persönliche Verstrickung Matteo Salvinis, die aus dem lokalen Konflikt eine brisante Affäre macht. Er kenne Polacchi nicht persönlich, erklärte er ungewohnt defensiv. Dass er auch nichts über ihn wusste, ist völlig unglaubhaft. Denn Polacchi ist nicht nur Verleger, sondern auch regionaler Koordinator der Partei Casa Pound Italia (CPI). Deren Name geht auf den US-amerikanischen Dichter und Mussolini-Bewunderer Ezra Pound zurück. Seit 2003 hält die Gruppierung mitten in Rom ein Haus besetzt: die Casa Pound. Immer wieder machen CPI-Mitglieder, die sich selbst «Faschisten des dritten Jahrtausends» nennen, Jagd auf Linke und MigrantInnen, in letzter Zeit verstärkt auf Roma. Gegen Polacchi persönlich läuft ein Ermittlungsverfahren wegen Körperverletzung: Er soll im Juni 2017 in Mailand an einem Angriff auf das Netzwerk Nessuna persona è illegale (Kein Mensch ist illegal) beteiligt gewesen sein.

Nach den erfolgreichen Protesten gegen Polacchis Verlag hat Salvini angekündigt, nun auch über die Räumung der Casa Pound nachzudenken. Damit rückt er, wenn auch vermutlich nur vorübergehend, von seiner Politik ab, positive Signale nach rechts aussen zu senden. Ob die umworbenen WählerInnen am rechten Rand derzeit grosse Lust verspüren, Salvinis Buch zu lesen, ist fraglich.

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