Nr. 20/2019 vom 16.05.2019

Bildungsbürgerliche Ersatzhandlung

Bettina Dyttrich findet den Naturkundehype trotzdem gut

Von Bettina Dyttrich

Seit kurzem kartiert Suse Pflanzen. Sie hat einen Quadratkilometer der Gemeinde Köniz übernommen, in dem sie alle Arten erfasst. «Ich gehe in mein Quadrat», sagt sie jetzt oft – und erzählt mir begeistert, wenn sie eine neue Pflanze entdeckt hat. Es sei ihr selbst fast etwas peinlich, aber die Botanik mache sie richtig glücklich.

Ausserhalb ihres Quadrats, aber ganz in der Nähe habe ich diesen Sonntag eine Blume mit hellrosa Glockenblüten entdeckt. In einem dieser Waldstücke, die ich sehr gern habe, die vor bald zwanzig Jahren von «Lothar» abrasiert wurden. Jetzt wachsen da halbhohe, helle Gehölze, Übergangsarten wie Birke und Vogelbeere, dazwischen liegen vermoderte Baumstammreste herum. Aber ich finde die Pflanze nicht in der «Flora Helvetica». Es muss eine verwilderte Gartenblume sein.

Eine Zeit lang sah es aus, als würde das, was man früher Naturkunde nannte, bald aussterben: Das Durchschnittsalter in den Botanik- und Ornithologievereinen ist sehr hoch, im Biologiestudium hat die molekulare Ebene Priorität, und nicht einmal mehr angehende PrimarlehrerInnen müssen die häufigsten Wald- und Wiesenpflanzen lernen. Aber in den letzten Jahren hat sich das geändert. Unmengen von populärwissenschaftlichen Büchern über Bienen, Bäume und Vogelflug sind erschienen, eine der Reihen heisst ganz altmodisch «Naturkunden». In den Feldbotanik-, Feldornithologie- und besonders in den Imkereikursen tauchen wieder junge Leute auf.

Es ist leicht, sich darüber lustig zu machen – das Botanisieren, Vogelbeobachten und Steinesammeln waren ja schon in ihren Anfängen im 19. Jahrhundert eine bildungsbürgerliche Ersatzhandlung, Kompensation für den verlorenen Bezug zu Topografie, Wald und Wetter im Alltag. Aber Spott ist nicht angebracht. Erst wer die Artenvielfalt aus der eigenen sinnlichen Erfahrung kennt, versteht die Tragweite des Biodiversitätsberichts, der letzte Woche erschienen ist – sonst bleibt er eine abstrakte Meldung. Nur wer weiss, welche Blumen auf den Wiesen wachsen würden, sieht die Überdüngung (und freut sich nicht mehr am Löwenzahn, leider).

«Man schützt nur, was man kennt» stimmt allerdings nicht immer. Mit diesem Argument wird auch Blödsinniges verkauft – Arktiskreuzfahrten oder Regenwaldtourismus zum Beispiel. Wir brauchen keine neuen Filme über schmelzende Eisberge und abgeholzte Regenwälder mehr. Die Fakten sind bekannt. Was wir brauchen, sind langsame, sorgfältige Expeditionen ins Quadrat vor der Haustür. Um zu sehen, wie aus einer einzigen Buchenknospe ein Zweig mit zehn Blättern wächst. Wir brauchen Leute mit Gefühlen für konkrete Orte. Mit Heimattümelei hat das nichts zu tun. Wer weiss, was an den steilen Südhängen oberhalb von Biel wächst und krabbelt, hat ein Argument mehr gegen die absurde Autobahn, die dort im Berg verschwinden soll. Das Projekt liegt jetzt auf Eis – hoffentlich für immer.

Bettina Dyttrich ist WOZ-Redaktorin und Tochter eines Feldbotanikkursleiters.

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