Nr. 21/2019 vom 23.05.2019

Die Vergangenheit lauert an allen Ecken In Inger-Maria Mahlkes «Archipel» entspinnt sich die Handlung durch das Zurückdrehen der Zeit.

Von Eva Pfister

Das Besondere an «Archipel» ist der Umgang mit der Zeit: Sie läuft zurück. Die Autorin Inger-Maria Mahlke erzählt in ihrem Roman, der 2018 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, die Geschichte einer Familie auf Teneriffa in vierzehn Schritten rückwärts. Sie beginnt im Jahr 2015, wir lesen über den Putschversuch in Madrid von 1981, als Angehörige der Guardia Civil ins Parlament eindrangen, wir gehen zurück in die Zeit vor dem Tod Francos 1975; die ProtagonistInnen werden jünger, sind Kinder, sind noch nicht geboren. Der letzte Satz fällt in der Silvesternacht 1919: «Auf die Zukunft!»

Diese ungewöhnliche Erzählweise hat Folgen für die Lektüre. Schon im ersten Teil, der in der Gegenwart spielt, macht sich das Gefühl breit, die Vergangenheit lauere an allen Ecken. Vor allem natürlich im Altenheim, wo der 95-jährige Julio lebt und als Pförtner arbeitet. Rasch wird deutlich, dass seine Erinnerungen, von denen immer mehr Bruchstücke bekannt werden, alles andere als angenehm sind.

Nur knapp überlebt

Spanien war im letzten Jahrhundert von Kriegen geprägt: 1936 putschte General Franco gegen die demokratisch gewählte republikanische Regierung und übernahm nach einem Bürgerkrieg drei Jahre später mit seiner faschistischen Falange die Macht. Julio stand auf der Seite der demokratischen Republikaner und überlebte die Gefangenschaft nur knapp.

Von der Geschichte gezeichnet sind auch die nachfolgenden Generationen: Julios Schwiegersohn Felipe ist der letzte Spross einer Familie, die lange Jahre eine wichtige Rolle auf Teneriffa gespielt hat. Sein Vater war Offizier und Franco-Verehrer. Felipe wollte als Historiker die Wahrheit über die Vergangenheit der Familie und der Insel aufschreiben, gab aber auf, als die Leitung seines Projekts einer jüngeren Kollegin zugesprochen wurde. Die Empörung darüber verdeckt den eigentlichen Grund: seine Unfähigkeit, sich wirklich dieser Geschichte zu stellen. «Zehn Seiten Thesis waren gefordert gewesen zur spanischen Kolonialherrschaft. Er hatte Wochen damit verbracht, den verwerflichsten Abschnitt in der Inselgeschichte zu identifizieren, an dem seine Familie massgeblich beteiligt gewesen war. Es gab so viele, er hatte sich nicht entscheiden können.»

Im Jahr 2015 – das fast ein Drittel des Buches einnimmt – sitzt Felipe täglich in einem Klub unter den Gemälden seiner Vorfahren und trinkt Whisky. Mit unerschöpflicher Energie gesegnet scheint hingegen seine Frau Ana. Sie hat sich in der Politik hochgearbeitet, steht jetzt als Tourismusbeauftragte aber im Mittelpunkt eines Korruptionsskandals. Zu ihrem Kummer ist die Tochter Rosa nach einem Jahr an der Kunstakademie in Madrid zurück auf die Insel gekommen und tut gar nichts mehr. Sie erzählt auch nichts. Nur die LeserInnen erfahren, dass Rosa und ihre MitstudentInnen alle verzweifelt waren: «Alles schon da gewesen, und auch das bereits bearbeitet, nichts mehr besonders und die Kategorie besonders sowieso nicht tragfähig. Verzweifelt und nur damit beschäftigt, sich selbst abzusuchen.»

Strammer Franco-Anhänger

Die Autorin, deren Mutter aus Teneriffa stammt, vermittelt ein atmosphärisches Bild der Gegenwart – das macht neugierig auf die Vorgeschichte, die sich durch das Zurückdrehen der Zeit langsam entspinnt. Wir lernen die Herkunftsfamilien der ProtagonistInnen kennen: Felipes Vater Eliseo ist ein strammer Franco-Anhänger, verheiratet mit der depressiven Tochter einer Engländerin. Weiter geht es zurück in die Zeit der Falangisten und des Kolonialismus. Parallel wird die Familie der Haushälterin vorgestellt und mit ihr die Armut der einfachen InselbewohnerInnen.

So übernimmt der Roman die Aufgabe, an der Felipe gescheitert ist, und erzählt die Geschichte der Familien von Julio und Felipe sowie der Insel. Er rettet die Vergangenheit vor dem Verschwinden, aber damit verschwinden die Figuren, die wir beim Lesen zuerst kennengelernt haben. Es verschwindet die Gegenwart. Das irritiert nicht nur, weil es eine ungewöhnliche Erzählweise ist, sondern auch, weil die Figuren uns vertraut sind und wir sie nun während der Lektüre an die Zukunft verlieren. Je weiter die Kapitel zurückreichen, umso kürzer werden sie, so wie Erinnerungen, die immer fragmentarischer werden.

Literarisch überzeugen diese Miniaturen aus der Vergangenheit, auch wenn es beim Lesen immer schwieriger wird, den Überblick zu behalten. Zum Ende möchte man gleich weiterlesen – von hinten nach vorne.

Veranstaltungen in Solothurn: Sa, 1. Juni 2019, 13 Uhr; So, 2. Juni 2019, 12 Uhr und 17 Uhr.

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