Nr. 22/2019 vom 30.05.2019

Mein Bruder ist ein Bastard

Von Florian KellerMail an AutorIn

«Du bist jetzt einer von uns», sagt der Vater zum Jungen, ein Zeichen von Fürsorge und Zugehörigkeit, von Herzen gut gemeint. Aber in dem Satz schwingt auch etwas Erstickendes mit. Einer von uns: Damit ist hier, im Film «The Harvesters», eine weisse Bauernfamilie in Südafrika gemeint. Wer will hier aufgehoben sein, im Kreis dieser historisch belasteten Minderheit und dieser Familie, die sich an ihrer Frömmigkeit festklammert?

Pieter (Alex van Dyk) heisst der schwierige Waisenbub, der adoptiert wird: ein kaputter Teenager von der Strasse, drogensüchtig wie seine verstorbene Mutter. Und diesen Bastard soll Janne (Brent Vermeulen) nun aufnehmen, als wärs sein leiblicher Bruder. Er, der folgsame, aber vielleicht zu fragile Bauernsohn, kommt doch selber nicht klar mit den Erwartungen, denen er gerecht werden soll, und mit dem Begehren, das in ihm erwacht.

Schwule Jugend in strenggläubiger Burenfamilie, biblisches Drama unter Brüdern, die keine sind: Regisseur Etienne Kallos legt verschiedene Fährten in seinem beachtlichen Erstling, der eine ungemein sinnliche Kraft entfaltet – auch dank der beiden jugendlichen Darsteller. Mit Jannes unsicherem Blick tauchen wir ein in diese ländliche Welt mit ihren rigiden alten Werten. Seinem Adoptivbruder begegnet er erst mit Argwohn, weil der ihm seinen Platz streitig machen könnte. Aber mit seinem widerspenstigen Wesen verkörpert der Neue eben auch eine ungeahnte Freiheit. Die Rivalität zwischen den beiden bleibt lange unausgesprochen, und dann entwickelt Janne doch eine brüderliche Zuneigung – weil er ein guter Christ ist oder doch eher, weil er unbewusst eine tiefere Verwandtschaft zu Pieter spürt, die auch an sein eigenes Selbstbild rührt?

Und was ist eigentlich die Ernte, die in «The Harvesters» eingefahren wird? Erst mit der Zeit gibt der Titel seinen Doppelsinn preis. Und was zuerst als Barmherzigkeit erscheint, ist vielleicht nur ein hilfloser Versuch, die Erbfolge zu sichern.

Jetzt im Kino.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch