Nr. 50/2015 vom 10.12.2015

Kein Grund, nostalgisch zu werden

Der US-Regisseur Todd Haynes beobachtet in der Gay-Community einen Rückfall in biologistisches Denken. In seinem neuen Film «Carol» feiert er eine lesbische Liebe in der exquisit gezügelten Sinnlichkeit der fünfziger Jahre.

Von Florian KellerMail an AutorIn

Die mondäne Hausfrau: Carol (Cate Blanchett) im Taumel von Liebe, Alkohol und Kosmetika. Fotos: The Weinstein Company, Cameron Wittig

Das erste Bild: ein Trompe-l’Œil. Ein Gitter, geschmiedet aus elegant geschwungenen Ornamenten. Dahinter könnte, wer weiss, ein verwunschener Palast liegen. Aber als die Kamera darüber hinweggleitet, sehen wir: Da ist nirgends ein Märchenland, wir sind im New York der fünfziger Jahre, und das schmucke Gitter verdeckt ganz profan einen U-Bahn-Schacht.

In diesem Auftakt von «Carol» zeigt sich schon die ganze stilistische Souplesse von Regisseur Todd Haynes. Und diese erste Einstellung nimmt in gewisser Weise den Film vorweg, denn dies ist auch die Geschichte einer Frau, die sich über ihre elegant vergitterte Existenz erhebt. Sie heisst Carol, wie der Film, und Cate Blanchett spielt sie zu Beginn als Inbegriff bürgerlicher Eleganz: eine mondäne Hausfrau und Mutter, distinguiert bis in die Fingerspitzen und gepudert mit theatralischer Grandezza. Selbst als Kundin im Warenhaus bewegt sie sich wie eine Diva zwischen den Regalen, und hier trifft sie die Liebe, für die sie dann den goldenen Käfig ihrer Ehe verlassen wird: Das ist Rooney Mara als Therese, eine junge Verkäuferin, die in die Welt hinausschaut, als wäre ihr das Leben, das sie noch vor sich hat, eine einzige grosse Frage.

«Es hat etwas Gestörtes»

«Carol» beruht auf einem Liebesroman, den Patricia Highsmith einst unter dem Titel «The Price of Salt» (1952) veröffentlichte. Es war erst ihr zweites Buch überhaupt, und weil ihr Verlag die für damalige Verhältnisse unerhört explizite lesbische Liebe nicht im Programm haben wollte, ging die Highsmith fremd damit und brachte den Roman unter einem Pseudonym heraus. Todd Haynes zeigt «Carol» als klandestinen Paartanz zwischen zwei Frauen, deren Begehren im sozialen Regelwerk ihrer Zeit nicht vorgesehen war. Doch neben der eigentlichen literarischen Vorlage gibt es noch ein anderes Buch, das für den Film entscheidend war, wie Haynes beim Gespräch in Zürich verrät: die «Fragmente einer Sprache der Liebe» von Roland Barthes, dem Literaten unter den französischen Theoretikern. Haynes hat das Buch seinen beiden Hauptdarstellerinnen zur Vorbereitung mit auf den Weg gegeben: «Ich weiss natürlich nicht, wie viel davon sie wirklich gelesen haben. Aber ich sagte ihnen, sie sollen es lesen wie Lyrik.»

Der Zustand des Verliebtseins, sagt Haynes in einem Echo auf Barthes, sei gar nicht besonders romantisch: «Es hat etwas Gestörtes. Es ist eine sehr narzisstische Form von Selbstüberhöhung: Niemand hat je gefühlt, was du fühlst. Noch nie hat jemand in dieser Person das gesehen, was du in ihr gefunden hast. Du fühlst dich durchtränkt von einem ganz besonderen Wissen der Dinge, eingeschlossen in deiner eigenen Welt.» Insofern gebe es eine grosse Ähnlichkeit zwischen dem Zustand eines Verliebten und der Psyche eines Verbrechers. Und das, sagt Haynes, verbinde diesen frühen Liebesroman von Patricia Highsmith auf bestechende Weise mit ihren Krimis: «Carol» stelle eine Verwandtschaft her zwischen der universellen Erfahrung der Liebe und der Pathologie des Verbrechens.

Davon ist in seinem Film allerdings nichts zu spüren. Todd Haynes arrangiert dieses Melodrama von verbotener Liebe wie eine erlesene Vitrine für die Blicke und Gesten, in denen seine beiden makellosen Stars einander näherkommen. Bis hinein in den Soundtrack von Carter Burwell ist alles an «Carol» von exquisit gezügelter Sinnlichkeit. Die Bilder von Kameramann Edward Lachman sehen aus, als wären sie gefiltert durch Gaze oder durch Milchglas, und in seiner kontrollierten, fast erstickenden Gediegenheit besiegelt der Film letztlich auch die Ankunft des Todd Haynes im gehobenen Mainstream. Mit «Carol» findet sich der 54-Jährige da in sehr gemischter Gesellschaft wieder (vgl. «Willkommen im Mainstream» im Anschluss an diesen Text).

Aber woher rührt diese hauchzarte Wehmut, die über dem Film liegt? Hat das etwas damit zu tun, dass wir heute schon nicht mehr so recht wissen, was das heisst: eine verbotene Liebe? Das ist es ja, was dieses Zusammentreffen zweier Frauen im New York der fünfziger Jahre überhaupt zu einem zutiefst romantischen Ereignis macht: Das Begehren, das sie aneinander und füreinander entdecken, muss sich gegen die herrschenden gesellschaftlichen Normen behaupten, die eine solche Liebe im Keim ersticken. Kein Grund, deswegen nostalgisch zu werden.

Und doch. Diese verbotene Liebe, die allen gesellschaftlichen Zwängen trotzt: Ist das für Todd Haynes eine romantische Vorstellung, die zumindest in seiner Gesellschaft inzwischen der Vergangenheit angehört? Ja, sagt er ohne Umschweife. Und ist das zu bedauern? «Es ist ein Tauschhandel», sagt Haynes. Natürlich seien die kulturellen und gesetzlichen Errungenschaften der Schwulenbewegung zu begrüssen: «Wir haben hier eine einzigartige Verdichtung des gesellschaftlichen Wandels erlebt. Dass man regelrecht dabei zusehen kann, wie schnell eine Gesellschaft lernt, das ist äusserst selten.»

Gegen den Backlash

Auf einer ästhetischen Ebene jedoch sei dieser erfolgreiche Kampf um Anerkennung und gleiche Rechte mit gewissen Verlusten verbunden, sagt Haynes: die geheimen Sprachen der schwulen Subkultur, ihr einzigartiger Humor, der radikale Blick auf die Welt. Eine so kompromisslose Figur wie Jean Genet, der ihn einst zu seinem ersten Film «Poison» (1991) inspirierte, hält er heute kaum mehr für denkbar: «Die Möglichkeit, aus einer gemeinsamen marginalen Perspektive heraus den Status quo und die dominante heteronormative Kultur herauszufordern: Das ist eine Position, die wir gegen alle diese gesetzlichen und gesellschaftlichen Gewinne eingetauscht haben.»

Inzwischen macht Haynes in der Gay-Community gar einen biologistischen Backlash aus. Heute sei man gehalten zu sagen: «Ich bin schwul zur Welt gekommen.» Dabei werde auf diese Weise wieder nur eine bestimmte sexuelle Identität verabsolutiert: «Die Entscheidungen, die wir treffen, sollen beim sexuellen Begehren keinerlei Rolle mehr spielen? Das ist mir zu reduktionistisch. Und letztlich ist es auch zu simpel. Das Tolle an der Sexualität ist doch, dass sie chaotisch, widersprüchlich und wandelbar ist.» Und Haynes erinnert an die Ära des Glamrock, in der sein Musikfilm «Velvet Goldmine» (1998) angesiedelt war: «Die androgyne, bisexuelle Identität der siebziger Jahre wirkt auf mich immer noch absolut radikal.» Das bringe jede Vorstellung einer stabilen Identität aus der Fassung.

Da sind wir gewissermassen wieder beim Trompe-l’Œil: «Alle hätten ja gern, dass die Dinge aufgeräumt, sauber und eindeutig sind», sagt Todd Haynes zum Schluss. «Das macht es einfacher, zu funktionieren. Dabei ist der Mensch doch viel interessanter und auch wahrhaftiger, wenn nicht alles so wohlgeordnet ist.»

Ab 10. Dezember 2015 im Kino.

Queer Cinema

Willkommen im Mainstream

Aus einer schwulen New Yorker Subkultur heraus prägte Regisseur Todd Haynes einst jene filmische Avantgarde mit, die man seither unter dem Begriff des «New Queer Cinema» subsumiert. Das Neue von damals ist inzwischen historisch geworden. Spätestens mit den beiden Oscars für «Milk» vor bald sieben Jahren sind Schwulen- und Lesbenbewegung auch für Hollywood interessant geworden, das heisst: kommerziell interessant.

Dieses Jahr nun brachte eine ganze Reihe von Filmen hervor, die deutlich machen: Thematisch ist das, was einst im Queer Cinema passierte, im Mainstream aufgegangen. So hat ausgerechnet Roland Emmerich, der schwule Ingenieur des Katastrophenkinos, die Stonewall-Unruhen von 1969 verfilmt (und dafür noch schlechtere Kritiken bekommen als für seine apokalyptischen Blockbuster). Die Schauspielerin Ellen Page bekräftigte ihr Coming-out mit ihrem Herzensprojekt «Freeheld», und im Januar 2016 erreicht uns die erste Transgender-Prestigenummer aus Hollywood: Das ist «The Danish Girl» mit Eddie Redmayne in der Rolle des Künstlers Einar Wegener, der 1931 in einer der ersten operativen Angleichungen zu Lili Elbe wurde. Budget: 25 Millionen US-Dollar, Regie führte Oscar-Preisträger Tom Hooper («The King’s Speech»).

Vor etwas über zehn Jahren wäre eine solche Häufung noch undenkbar gewesen. Auch «Carol» hat eine längere Odyssee hinter sich – das Drehbuch von Phyllis Nagy wurde elf Jahre lang herumgereicht, bis der Film sich endlich finanzieren liess. Mag sein, dass der Erfolg von TV-Serien wie «The L Word» auch für «Carol» den Weg bereitet hat. Hat sich das Queer Cinema also im Mainstream aufgelöst? Nun, man muss es heute einfach auf anderen Kontinenten suchen.

Florian Keller

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