Nr. 07/2016 vom 18.02.2016

Der Widerspenstigen Zähmung

Von Florian Keller

Manche Filme muss man vor ihrem Titel schützen. «Mustang»? Wer denkt da nicht gleich an Rössliromantik mit wehendem Schweif. Auch als Sinnbild ist das etwas platt, gemeint sind jedenfalls fünf jugendliche Schwestern, die hier gezähmt werden sollen, wie Wildpferde halt.

Letzter Schultag vor den Sommerferien, an der Küste von Anatolien. Auf dem Heimweg machen sich die Mädchen nass: ein Plausch mit Buben im Schwarzen Meer, bis die feuchten Schuluniformen am Körper kleben. Arglos? Unerhört! Eine Nachbarin hat schon gepetzt, daheim setzt es Prügel von der Grossmutter. Die Schwestern sind Waisen, ihr rabiater Onkel installiert darauf ein neues Regime, um seine Nichten eine nach der anderen an den Mann zu bringen, bevor es zu spät ist, will heissen: in jungfräulichem Status. Aber so leicht lassen sich die Wildpferde nicht domestizieren. Trotz Hausarrest fahren sie heimlich an ein Fussballspiel, und die züchtigen Kleider, die sie verordnet bekommen, sabotieren sie mit Lust.

Mädchen unter sich, eingefasst in einer rigiden Ordnung: ein Kosmos, der immer wieder tolle Filme inspiriert hat, von «Picnic at Hanging Rock» bis zu «Innocence» und «The Virgin Suicides» (1999) von Sofia Coppola, mit dem der Erstling von Regisseurin Deniz Gamze Ergüven jetzt gerne verglichen wird. Ganz vermag der offizielle Beitrag der Türkei bei den Oscars solchen Vergleichen nicht standzuhalten. Zu schematisch werden die Konflikte aufgebaut und aufgelöst, zu eilfertig Momente echter Tragik abgehakt. Aber als Erbauungsdrama über fünf Schwestern, die ihren Freiheitsdrang und ihre Lust am Körper mit mal mehr, mal weniger Erfolg gegen die patriarchalische Ordnung behaupten, lässt man sich das gern gefallen, und die fünf Laiendarstellerinnen sind eine Freude.

Das Drehbuch hat Deniz Gamze Ergüven zusammen mit Alice Winocour geschrieben, die einst schon an Ursula Meiers «Home» mitgewirkt hatte, dieser Parabel über eine Familie im Abschottungsmodus. Und an «Home» sieht man sich unweigerlich erinnert, als die jüngste der fünf Schwestern gegen Ende das vergitterte Haus kurzerhand zu ihren Gunsten nutzt.

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