Nr. 22/2019 vom 30.05.2019

Die Hölle in der Heimat

Nach neun Jahren Krieg kontrolliert Baschar al-Assad wieder weite Teile Syriens. Er ruft seine ins Ausland geflohenen Landsleute zur Rückkehr auf und verspricht Versöhnung. Doch Oppositionelle fürchten sich vor der Rache des Regimes.

Von Franziska Tschinderle (Text) und Bradley Secker (Foto), Amman

Ein Zurück nach Syrien wird es für sie noch lange nicht geben: Omaima Murad.

Wenn Ahmed Dahud* an die Revolution denkt, fällt ihm ein Lied ein: «Ya Haif» des syrischen Sängers Samih Choukeir. Der 27-Jährige spielt es auf seinem iPhone ab. «Schäm dich, Assad! Du bist der Sohn meines Landes und tötest meine Kinder», heisst es in dem Stück. Es ist ein Protestsong, geschrieben für Menschen wie Dahud, die 2011 gegen Baschar al-Assad auf die Strasse gingen – den Präsidenten, dessen Familie Syrien seit über vierzig Jahren mit fester Hand regiert.

Vielleicht, dachte sich Ahmed Dahud damals, sei ein Arabischer Frühling auch in Syrien möglich. Vielleicht hätten dann Korruption und Machtmissbrauch ein Ende. Also marschierte er mit: ein damals 18 Jahre alter Student, der – wie viele seiner Generation – grosse Hoffnungen hegte.

Inzwischen sind Dahuds Träume geplatzt. Er öffnet ein wackeliges Video auf seinem Handy, um die Erinnerungen wachzurufen. Man sieht eine Strasse, in der Panik ausbricht, hört Schreie, dann Schüsse. Körper liegen auf dem Boden. «Zu Beginn dachten wir, dass das Regime nur mit Gummigeschossen schiessen würde», sagt Dahud, «aber dann starben die ersten Menschen.»

Eine Insel der Stabilität

Ahmed Dahud ist ein bärtiger Mann mit Kapuzenjacke und kräftiger Statur. Er sitzt in einer Bar in Amman, der Hauptstadt Jordaniens, vor sich eine Tasse Kaffee und eine Schachtel Zigaretten. Vor der Tür flanieren die Menschen bei Sonnenschein durch die Strassen, rauchen Wasserpfeife in den Cafés oder essen an kleinen Fastfoodständen. Jordanien gilt als das sicherste Land der Region, eine Insel der Stabilität, umgeben von Krisenherden – im Norden Syrien, im Osten der Irak, im Westen Israel und die Palästinensergebiete. Jordanien ist das Land, das nach der Türkei und dem Libanon die meisten syrischen Flüchtlinge aufgenommen hat. Die Regierung in Amman spricht von 1,3 Millionen.

Ahmed Dahud stammt aus einem Dorf in der Nähe von Daraa, einer Stadt im Südwesten Syriens. Es ist der Ort, an dem die Revolution ihren Anfang nahm, als 2011 eine Gruppe Jugendlicher regimekritische Graffiti auf eine Wand sprayte. Die jungen Leute verschwanden in den Folterkellern Assads. Daraufhin kam es zu ersten Massenprotesten rund um Daraa.

Dahud sah die DemonstrantInnen am Fenster vorbeiziehen. Er liess sich mitreissen, obwohl sein Vater ihn anflehte, nicht zu gehen. Die Älteren erinnerten sich an die Brutalität, mit der das Regime Aufstände in den achtziger Jahren niedergeschlagen hatte. Manche hätten am Abend die Tür versperrt, damit ihre Kinder nicht an den Protesten teilnahmen.

Er sei mit dem Gefühl des Stillstands aufgewachsen, sagt Dahud. Vielleicht gefällt ihm deswegen der Protestsong von Samih Choukeir so sehr, in dem es heisst: «Die Jungen hörten, dass die Freiheit an ihre Tür klopfte.» Genau so empfand Dahud damals. Doch als er von der Demonstration zurückkehrte, hatte nicht die Freiheit angeklopft, sondern der Tod: Fünf Menschen aus dem Dorf waren erschossen worden.

Nur die Alten kehren zurück

Aus den Protesten wurde ein Krieg, der über eine halbe Million Todesopfer forderte. Nachdem sein Heimatdorf zerstört worden war, floh Dahud 2013 nach Jordanien. Mit ihm verliessen über fünfeinhalb Millionen SyrerInnen das Land.

Heute hat Assad mit seinen Verbündeten Russland und Iran über zwei Drittel des Landes zurückerobert, darunter die grossen Städte. Seit knapp einem Jahr kontrolliert das Regime auch den Süden, wo die Proteste einst entflammten und wo Ahmed Dahud aufgewachsen ist.

Nur die Alten würden in sein Dorf, das einst 7000 EinwohnerInnen hatte, zurückkehren, erzählt Dahud. Er selbst lebt in al-Mafrak, einer Stadt in Nordjordanien. Sein Haus ist nur sieben Kilometer von der syrischen Grenze entfernt. Aber von dort hält er sich fern: «Ich möchte nicht einmal darüber nachdenken, was sie mit mir machen würden, wenn ich zurückgehe», sagt er.

Assad geht brutal gegen politische GegnerInnen vor. Ein im Februar veröffentlichter Bericht des Uno-Menschenrechtsrats bezeichnet eine Rückkehr nach Syrien als «illusorisch». Rechtsstaatlichkeit sei nicht garantiert. «Nach wie vor werden monatlich mehrere Hundert Menschen willkürlich verhaftet. Es gibt Berichte über RückkehrerInnen, die bei der Einreise vor den Augen von Familienangehörigen festgenommen wurden», sagt Heiko Wimmen von der International Crisis Group (ICG), einer Organisation für Konfliktprävention und -lösung. «Dissidenten, die gegen das Regime demonstriert oder gekämpft haben, drohen nach ihrer Rückkehr Verhaftung, Verhöre und Folter», sagt auch Günter Meyer, Leiter des Zentrums für Forschung zur arabischen Welt an der Universität Mainz.

Entlarvende Protokolle

Im Juli 2018 wurden Gesprächsprotokolle syrischer Geheimdienstvertreter geleakt. Demnach soll Generalmajor Dschamil Hassan, Chef des syrischen Luftwaffengeheimdiensts, in einer Sitzung mit hochrangigen Offizieren Folgendes gesagt haben: «Ein Syrien mit zehn Millionen regierungstreuen Menschen ist besser als ein Syrien mit dreissig Millionen Terroristen.» Nach Hassan, einem der engsten Berater Assads, wird international gefahndet. Ihm werden systematische Folter und willkürliche Exekutionen politischer Gefangener vorgeworfen. Heute soll sein Geheimdienst unter anderem dafür verantwortlich sein, Fahndungslisten von Oppositionellen zu erstellen. Drei Millionen Namen sollen darauf vermerkt sein.

Präsident Baschar al-Assad sprach öffentlich davon, dass Syrien zwar seine Infrastruktur und seine jungen Menschen verloren habe, dafür aber eine «gesündere und homogenere Gesellschaft» geworden sei. «In Syrien hat sich nichts verändert, das Regime ist sogar noch brutaler geworden, indem es die Zahl der Festnahmen und Liquidierungen erhöht hat», sagt Awiess Aldobouch vom Syria Justice & Accountability Center (SJAC), einer Organisation, die sich für Rechtsstaatlichkeit in Syrien einsetzt.

Auch die dreissigjährige Omaima Murad*, die in Damaskus Jus studiert hat, kann nicht mehr zurück. Sie sitzt in der Küche einer Wohngemeinschaft in Amman, eine Handtasche auf dem Schoss, das Kopftuch farblich auf die Kleidung abgestimmt. Das, was die junge Frau in den Kriegsjahren gemacht hat, kann man entweder unglaublich leichtsinnig oder unglaublich mutig finden. Omaima sagt: «Wir haben nur ein Leben, und wir müssen uns entscheiden, auf welcher Seite wir stehen wollen.»

Fünfzig Dollar Bussgeld?

Mithilfe einer befreundeten Krankenschwester stahl Omaima Murad Medikamente und Verbandszeug aus einem Militärspital und schmuggelte sie in das Hauptquartier der Freien Syrischen Armee (FSA), des bewaffneten Arms der Rebellen, die den Sturz von Präsident Assad forderten. Ihr Bruder kämpfte auf der Seite der FSA, nachdem er in einem Gefängnis des Regimes gefoltert worden war. Ein enger Freund von ihr kam in einem der Folterkeller ums Leben. Er hatte als Medienaktivist gearbeitet. Auch Murad sympathisierte mit den Rebellen. Das ist der Grund, warum eine Rückkehr für sie ein Risiko darstellt. Ausserdem hat sie für Nichtregierungsorganisationen gearbeitet, die assadkritische Berichte veröffentlicht haben.

Das Regime in Damaskus verspricht Menschen wie Omaima Murad und Ahmed Dahud Versöhnung. Rückkehrwillige können sich bei der syrischen Botschaft in Amman melden. Sie müssen ihre Daten angeben und erklären, was sie in Syrien gemacht haben. Berichte, wonach jene, die an der Revolution beteiligt waren, fünfzig Dollar Strafe zahlen müssen – also eine Art Bussgeld –, machen in der syrischen Community die Runde. RückkehrerInnen erzählen, dass sie Loyalitätsbekundungen an das Regime unterzeichnen mussten. «An der Grenze werden ihre Dokumente konfisziert. Sie müssen sich bei einem der Geheimdienste melden. Sie werden verhört und je nach Fall freigelassen oder festgenommen», sagt Awiess Aldobouch vom SJAC.

Omaima Murad glaubt den Versprechen des Regimes nicht. Ein Verwandter, erzählt sie, sei vor acht Monaten nach Syrien zurückgekehrt. Vor der Revolution hatte er als Soldat gearbeitet und war dann desertiert. «Er wurde bereits an der Grenze festgenommen», sagt sie, «und jetzt wissen wir nicht, wo er steckt.»

* Name geändert.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch