Nr. 22/2019 vom 30.05.2019

Spermäische Union

Ruedi Widmer über die Schweizer Perspektive der Europawahl und Spermien für die Zukunft

«Nun ist die Schweizwahl vorbei. Durch die hohe Wahlbeteiligung und das grosse Wachstum der grünen Parteien wurde Schweiz eher gestärkt, obwohl die Rechtspopulisten in vielen Ländern Zuwachs verzeichneten. In den Gründungsländern, der einstigen Mountain Union von 1291, haben die Abschottungsparteien gewonnen. Die Obwaldner Volkspartei hat 56 Prozent erreicht. Die Koalition der Schweizerischen Volksparteien hält nun im Schweizer Parlament 27 Prozent der Sitze. Ganz im Osten zieht weiterhin die Flüchtlingsangst; die Volkspartei unter Ministerpräsidentin Martullo-Blocher, die mit ausländerfeindlicher Rhetorik und Gleichschaltung der Chemie (nur noch eine Chemiefirma) Graubünden fest im Griff hat, findet mit 50 Prozent Stimmenanteil Rückhalt im Volk. Stagniert haben die rechtspopulistischen Volksparteien aber in Zürich (unter dem Oppositionsführer Köppel mit seiner Züxit-Partei), Luzern, Bern und St. Gallen. Der Züxit wurde am 23. Juni 2016 knapp angenommen. Die regierenden Freisinnigen unter Premierministerin Carmen Walker-Späh versuchten in vergeblichen Verhandlungen mit der Schweiz, einen geregelten Ausstieg zu finden. Doch Bern ging auf keine der Forderungen ein. Walker-Späh hat allen Rückhalt verloren und …»

So, Schluss. Die Schweiz ist nicht Europa und wird es freiwillig auch nicht mehr werden. Aber Europa ist wieder ein bisschen mehr Schweiz geworden mit diesen Europawahlen. Die Wahlbeteiligung stieg, die Jungen in Westeuropa merken, dass die EU die einzige gesellschaftliche Möglichkeit für diesen Kontinent ist, in der multipolaren Welt mit den Weltkonzernen, Beijing, Moskau und Washington noch die Stellung zu halten. Die EU-FreundInnen machen also für das «christliche Abendland» viel mehr als der Wasserbett- und Wärmedeckenverkäufer Farage in Grossbritannien oder der stets übellaunige Verteidiger des Kreuzes in Budapest mit seinen menschenfeindlichen Christlichkeiten.

Die Schweizer Spermien sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Die kleinen Tierchen, die einst die gloriosen Kämpfer der Eidgenossenschaft aus den Frauenkörpern hervorgezaubert haben, sind heute schwächlich, wie eine landesweite Studie ergab. Zu viel Plastik, Pestizide und andere Chemie ist in ihnen drin. Was kann man tun? Spermien lieber mit Jute statt Plastik füttern und sie auf biologischen Weiden halten statt in mit phosphathaltigem Waschmittel verseuchten Hosenställen.

Der Permafrost schmilzt, der Spermafrust sitzt. Im Gegensatz zu Klimaschutzmassnahmen werden Forderungen unserer Nationalisten nach sauberen oder gar christlichen Spermien fürs Vaterland kommen.

Aber: Sind denn die Eier der Frauen etwa besser als die Spermien der Männer? Ist der Eisprung der Schweizer Frau wirklich noch genug weit, so weit wie Tells mutiger Sprung am Axenfels? Das müsste man jetzt abklären lassen, am besten von Dr. Köppel. Doch die Wissenschaft ist wie beim CO2 obergemein: Wieder ist der Schweizer Mann schuld, der waschmittelreine weisse.

Deshalb wieder ins Ausland: Plötzlich sind die einstigen Weltkriegsalliierten gegen den Nationalsozialismus – USA, Krankreich, Grossbritannien und Russland – die faschistischen Schmuddelkinder, während in den anderen Ländern Rechts schon wieder verliert oder stagniert. Italien ist eigentlich die einzige noch verlässliche Politlandschaft. Der Faschismus war da nie weg, sondern lag wie die Pomodoroschicht auf der Pizza stets unter dem System.

Die schlecht spermierten Fans des FC Schaffhausen haben auf der Winterthurer Schützenwiese auf einem Spruchband die christlichen Werte des selbstgerechten Schweizermanns propagiert: «Winti-Fraue figgä und verhaue». Auch hier läuft gleich das ganze politische europäische Vaterschaftsprogramm ab: Gewalt gegen Frauen muss einheimisch sein, deshalb müssen Frauen und ihre Rechte nur vor muslimischen Männerhorden geschützt werden.

Ruedi Widmer ist Cartoonist in Winterthur.

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