Nr. 23/2019 vom 06.06.2019

Staats- und Literaturkrise

Annette Hug ist sehr angeregt von Wien wie auch von Solothurn

Von Annette Hug

Österreich hatte gerade keine Regierung mehr, als ich in Wien Gedanken für ein Podium zu «Machtstrukturen im Literaturbetrieb» ordnete. Dann gings auf den Heldenplatz, wo Greta Thunberg und Arnold Schwarzenegger radikale Massnahmen gegen den Klimawandel forderten. Unterstützt wurden sie von Conchita Wurst und Jugendlichen, die ungefragt ein Lied auf die Melodie von «Bella ciao» sangen.

Zwei Bekannte aus China, mit denen ich mich am selben Abend traf, wollten mir nicht glauben, dass ich, ohne Eintritt zu zahlen, Arnold Schwarzenegger gesehen hatte und dass ein Land ohne Regierung so ruhig sein konnte. Sie sahen ungestörten, gemächlichen Alltag. Ich war mir selber nicht sicher, ob ich verstand, was da vor sich ging, und dachte laut nach: Die österreichische Regierung sei nicht mit dem Staat gleichzusetzen, weshalb nicht alles zusammenkrache, wenn die Spitze wegfalle. Wobei der Staatspräsident blieb. Wenn Van der Bellen in Erinnerung rief, dass Konflikte und Zerwürfnisse zu einer Demokratie gehörten und deshalb Prozesse vorgesehen seien, um die Konflikte geordnet auszutragen, dann schien er das Wort «staatstragend» gelassen zu verkörpern.

Überraschend tauchte dieses Wort an der Eröffnung der Solothurner Literaturtage wieder auf. Nell Zink hielt eine Rede, in der sie Erzählperspektiven kritisch befragte: Welche Stimmen werden häufig geschaffen und verstärkt, und reicht das? Sie hinterfragte die «Symbiose von Nationalismus und Literatur». Jenseits von Nationalsprachen kam sie zum Schluss, dass AutorInnen für die Sprache als Medium der Demokratie ein kollektives Sorgerecht trügen. Wir müssten «staatstragende AutorInnen im bestmöglichen Sinn» werden.

Gleichzeitig prasselte Text aus dem digitalen Raum auf die Literaturtage ein. Die Literaturkritikerin Anne-Sophie Scholl und die Autorin Corinna T. Sievers kritisierten die Auswahl der geladenen AutorInnen – Sievers machte sich mit der Darstellung junger Autorinnen als willige Opfer von Verlegern, die sie betatschten, nicht nur Freundinnen. Scholl unterstellte auch, dass in Solothurn die Vernetzung wichtiger sei als die mediale Resonanz eines Werks. Inzwischen ist bekannt, dass Sibylle Berg nicht eingeladen war, weil der Programmkommission trotz Nachfrage kein Manuskript eingereicht worden war, das sie hätte lesen können. Was interessant ist an dieser Diskussion: Die feministische Kritik richtet sich an eine Programmkommission, in der Frauen die Hälfte der Sitze ausmachen. Autorinnen waren nicht nur an der Eröffnungsfeier des Festivals sehr präsent, sondern auch an den Lesungen.

Und gerade deshalb ist die Kritik wichtig. Zumindest an den Solothurner Literaturtagen können Frauen auswählen und gestalten. Also müssen sie sich auch der Machtkritik stellen. So bleibt die Frage, was literarisch relevant ist, wach, und die Antworten sind in Bewegung. Die Solothurner Literaturtage sind so wichtig, weil es sonst kaum Orte gibt, wo Debatten öffentlich stattfinden. Zum Beispiel um die Frage, weshalb trotz wachsender Macht von Frauen im Literaturbetrieb sexistische Übergriffe weiter vorkommen und die Kanonbildung so männerlastig bleibt. Aber am schönsten sind die sprachlichen Fragen: Was wäre die weibliche Form für den österreichischen Ausdruck «Freunderlwirtschaft»?

Annette Hug ist Autorin in Zürich und zitiert zum Thema Kolleginnen gern Katja Brunner: «… sieh sie nicht als Konkurrentinnen, sondern als Muskelfaser neben dir / streite dich mit ihnen».

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