Nr. 24/2019 vom 13.06.2019

Harvey-Weinstein-Style

Journalistinnen sind bei ihrer Arbeit immer wieder sexuellen Übergriffen ausgesetzt, sei es von Kollegen, Vorgesetzten oder Interviewpartnern. Gehört das zum Berufsrisiko?

Von Noëmi Landolt

«Sie können ein Dirndl auch ausfüllen.» Diesen Satz – den Blick auf ihren Busen gerichtet – sagte der FDP-Politiker Rainer Brüderle zur «Stern»-Journalistin Laura Himmelreich, als diese mit ihm über etwas ganz anderes sprechen wollte: Politik. Das war 2013. Seither ist Brüderle in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Ganz im Gegensatz zur Debatte um sexuelle Belästigung von Frauen. Nachdem Himmelreich Brüderles Verhalten in einem Artikel thematisierte, verbreitete sich in den sozialen Medien der Hashtag #aufschrei viral. In Zehntausenden von Tweets berichteten Frauen von ihren Erfahrungen mit Sexismus und der Alltäglichkeit sexualisierter Übergriffe. 2017 wurde dann bei #MeToo auch übergriffiges Verhalten von Medienschaffenden wie Fox-News-Moderator Bill O’Reilly oder CNN-Mitarbeiter Ryan Lizza öffentlich gemacht. In Deutschland wurden vergangenes Jahr ein ARD-Korrespondent sowie ein WDR-Journalist nach Vorwürfen der sexuellen Belästigung geschasst. Aus demselben Grund wurde vor wenigen Wochen ein Mitarbeiter beim Berliner «Tagesspiegel» per sofort freigestellt.

«Passisch uf»

Am Wochenende veröffentlichte nun der «Tages-Anzeiger» die Resultate seiner Umfrage zu sexueller Belästigung in der Schweizer Medienbranche. 53 Prozent der Frauen und 34 Prozent der Männer, die eine Antwort einschickten, gaben an, während ihrer Arbeit als JournalistIn sexuelle Belästigung erfahren zu haben. «Tagi»-Journalistin Simone Rau beschreibt in einem Artikel die ganze Bandbreite von Erfahrungen, von krass sexistischen Sprüchen und Belästigung per SMS über Stalking bis hin zu ungewollten Berührungen; eine Frau gab gar an, in ihrem Büro vergewaltigt worden zu sein.

Auffällig ist, dass Journalistinnen überdurchschnittlich oft von Belästigung durch Externe betroffen sind, wie Politiker, Sportler, Experten, Musiker … So erzählt etwa die freie Multimediajournalistin Samantha Zaugg in einem Videotestimonial, wie sie als junge Lokaljournalistin von einem Politiker – Harvey-Weinstein-Style – im Bademantel an der Tür empfangen wurde: «Ich wusste nicht, wie reagieren, aber ich blieb, weil ich das Interview brauchte.» Die Journalistin war von ihren KollegInnen im Vorfeld gewarnt worden: «Passisch denn uf!» In dem dreiminütigen Testimonial vereint sich vieles, was insbesondere unerfahrene Journalistinnen gefährdet. Etwa der Druck, eine Story zu liefern: Wer neu in der ohnehin kriselnden Branche ist oder als freie Journalistin arbeitet, traut sich kaum, eine Geschichte abstürzen zu lassen. Oder die Bagatellisierung von sexueller Belästigung: Das Verhalten des Politikers war auf der Redaktion bekannt. Trotzdem schickte man die Journalistin (alleine!) zu ihm, trotzdem liess man ihn auf dem Sender immer wieder zu Wort kommen. Das ist nicht die Atmosphäre, in der man Vorgesetzte um Unterstützung anfragt.

In Weissweinlaune

Zaugg hatte den Politiker zu Hause besucht. Das ist nicht ungewöhnlich. Um InterviewpartnerInnen zu treffen, begeben sich JournalistInnen in Hotelzimmer, auf abgelegene Bauernhöfe, auf Waldspaziergänge. Gespräche an ruhigen Orten haben viele Vorteile. Man kann sich ungestört unterhalten, die Tonaufnahme hat bessere Qualität. Für Frauen sind sie jedoch auch eine potenzielle Gefahrenzone. Die wenigsten Journalistinnen würden es sich erlauben, Politiker zu Hause zu besuchen und sich dabei zu betrinken. Nicht in einer Gesellschaft, in der Männer davon ausgehen, dass sie ein Anrecht auf die Körper von Frauen haben. Auch Rainer Brüderle war in Weissweinlaune, als er Laura Himmelreich anbaggerte.

Himmelreich thematisierte Brüderles übergriffiges Verhalten in ihrem Porträt «Der Herrenwitz». Das brauchte viel Mut – und auch den Rückhalt der Redaktion. Diese hat eine Schutzpflicht ihren Angestellten gegenüber, egal ob die Übergriffe ausserhalb oder im Betrieb selbst stattgefunden haben. Nachdem sich der Betriebsrat des «Tagesspiegels» etwa als ungeeignete Anlaufstelle erwies, da dessen Vorsitzender selbst gerne Witze über Frauen machte, will die Zeitung nun eine externe Ombudsfrau einsetzen. Der deutsche Journalistenbund fordert zudem eine unabhängige Beschwerdestelle, die auch freien JournalistInnen zugänglich ist. Ähnliche Massnahmen sind auch in der Schweiz dringend nötig.

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