Nr. 25/2019 vom 20.06.2019

Nur kein Afropessimismus

Flying Lotus hustlet und bastelt mit «Flamagra» weiter an seiner Vision einer emanzipatorischen Musik. Dabei dreht er seit Jahren in der gleichen Schleife – aufregend ist das trotzdem.

Von Arno Raffeiner

«Fire is coming!»: Steven Ellison alias Flying Lotus sorgt auf seinem neuen Album für leichte ­Schwebezustände und Schwindel. Foto: Renata Raksha

Steven Ellison wurde 1983 in Los Angeles geboren. Im selben Jahr flog mit Guion Bluford der erste Afroamerikaner mit einem Spaceshuttle ins All, und Ronald Reagan unterzeichnete ein Gesetz, das einen Feiertag zu Ehren von Martin Luther King einführte. So viel zu den heroischen Einträgen in den Annalen der Black History. Abgesehen davon war 1983 das Jahr, in dem eine Schwemme an spottbilligem Crack die Innenstädte der USA in Zombielandschaften verwandelte.

«Unsere Geschichte ist eine Abfolge schlechter Gegenwarten», erklärte Greg Tate 2017 in einem Interview mit der Zeitschrift «Spex» und meinte damit die Geschichte der AfroamerikanerInnen. Tate beschäftigt sich als Autor und Theoretiker mit dem in letzter Zeit wieder viel diskutierten Afrofuturismus, der aus rassistischen Erfahrungen heraus über alternative Lebenswelten nachdenkt. Steven Ellison wurde im Bereich der Popkultur zu einem seiner wichtigsten Exponenten. Unter seinem Pseudonym Flying Lotus gibt Ellison seit dem Erscheinen seines zweiten Albums «Los Angeles» im Jahr 2008 massgebliche Impulse für eine afroamerikanische Musikavantgarde – auch wenn er in Sachen Prominenz mittlerweile mehreren seiner frühen Kollaborateure den Vortritt lassen muss. Etwa dem Rapper und Pulitzer-Preisträger Kendrick Lamar, dem Saxofonisten Kamasi Washington, der als Held einer zugleich politischen wie spirituellen Jazzrenaissance gefeiert wird, oder Tyler, the Creator, dem einstigen Rabauken der Odd-Future-Posse, der sich auf seinem jüngsten Album «Igor» gerade vom Reibeisen-MC zum postmodernen Soul-Crooner mausert.

Als wäre nichts passiert

Tyler singt in einem seiner neuen Songs von einem emotionalen Erdbeben. Im Video zu «Earfquake» steckt er ein TV-Studio in Brand, nur um dann selbst als Feuerwehrmann durch die Flammen zu taumeln. Feuer ist auch auf «Flamagra», dem sechsten Album von Flying Lotus, die zentrale Metapher. Mittendrin, auf Track 13 von 27 bei einer Gesamtlänge von knapp 67 Minuten, darf einer der Stargäste die frohe Botschaft verkünden: «Fire is coming!», krächzt Regisseur David Lynch mit verzerrter Stimme. Und George Clinton, der Übervater des P-Funk, wird für den Song «Burning Down the House» eingeladen.

«Flamagra» erscheint nach einer fünfjährigen Veröffentlichungspause, in der Ellison vor allem für andere Leute produzierte, an Filmmusik arbeitete und einen Horrorfilm namens «Kuso» drehte. Vor elf Jahren spielte er Gigs mit «Hope»-Sticker auf seinem Laptop und spendete auch selbst für die Präsidentschaftskampagne von Barack Obama. Nun also das erste Flying-Lotus-Album nach dem ersten afroamerikanischen Präsidenten – und es tut so, als wäre nichts passiert.

Die Musik stagniert auf dem Niveau von Ellisons letztem Album «You’re Dead» (2014), das wiederum auf dem Niveau des Vorgängers «Until the Quiet Comes» (2012) stagnierte. Die britische Zeitung «The Observer» packte die Diagnose ihrer drei Absätze langen Kurzkritik zu «Flamagra» schon in die Überschrift: Flying Lotus stecke in einer «kosmischen Zeitschleife» fest. Der Befund ist nicht neu, und Menschen mit weltallromantischen Anwandlungen werden den Künstler bestimmt darum beneiden. Ellison macht in dieser Schleife seit Jahren konstant aufregende, einzigartige Musik. Nur ist das aktuell eben keine Neuigkeit mehr.

«Afro-hustle-ism»

Spannender ist, wie sich Ellisons Verhältnis zu den wesentlichen Elementen im seit geraumer Zeit ausdefinierten Flying-Lotus-Klangkosmos verschiebt. War seine Musik früher zwischen Hip-Hop und gewagter Electronica schwer einzuordnen und klang wie eine Verheissung auf Neues, so ist eine Referenz nun klar benennbar: die gute alte Tradition des Jazz – Fusion und Acid Jazz und natürlich auch das Räucherstäbchenaroma des Ashram-Jazz seiner Grosstante Alice Coltrane. Die Flying-Lotus-Schleife führt von G-Funk – Snoop Doggs «Doggystyle» war erklärtermassen das wichtigste Album seiner Jugend – zu Jazz-Funk, weg von Gangsta-Gehabe hin zu einer Intellektualität und Spiritualität, die aber nach wie vor mit spacigen Effekten aus der Welt von Computerspielen und Comiccharakteren durchsetzt ist. Paradox ist, wie die musikhistorische und die ästhetische Überfrachtung dabei immer wieder einen gegenläufigen Effekt haben und für leichte Schwebezustände und Schwindel sorgen. Seinen Ruf als Zeremonienmeister sonischer Kifferrituale wird Ellison wohl nicht mehr los.

«Obama repräsentiert den Afropessimismus», sagte Greg Tate ein Jahr nach dem Ende von dessen Präsidentschaft, «die Negation der Idee, dass es jemals einen befreiten, emanzipatorischen Raum für Schwarze in Amerika geben wird.» Die Bejahung dieser Idee sieht Tate nicht in der Politik, sondern im Pop verwirklicht: im «Afro-hustle-ism» von Rap-Entrepreneuren wie Jay-Z. Dem Pessimismus will sich Steven Ellison offensichtlich nicht anschliessen. Dem Hip-Hop-Hustling schon eher. Vor allem aber bastelt er weiter an der Deko seines eigenen befreiten Musikraums.

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