Nr. 25/2019 vom 20.06.2019

Party unter dem Sternenbanner

1999 intervenierte die Nato militärisch im Kosovokonflikt. Bill Clinton, seinerzeit Präsident, ist nun in das Land zurückgekehrt, das ohne ihn wohl nicht existieren würde. Und wurde gefeiert wie ein Popstar.

Von Franziska Tschinderle, Pristina

«Mein bester Freund Bill»: Tausende Kosovo-AlbanerInnen feiern in Pristina den Jahrestag des Kriegsendes und jubeln dem Ex-US-Präsidenten zu. Foto: valdrin Xhemaj, Keystone

Die Mittagssonne brennt auf den Platz vor dem Parlament von Pristina. Das Spitzenpersonal von Europas jüngstem Staat schwitzt in dunklen Anzügen und Blazern. Alle, die im Kosovo etwas zu sagen haben, sind gekommen – MinisterInnen, DiplomatInnen, der Präsident und der Premierminister, Botschafter und ausländische Gäste. Eine Kameradrohne surrt über die Menschentraube und macht Aufnahmen aus der Luft. Am nächsten Tag machen die Fotos auf Twitter die Runde. Und wie immer, wenn der Kosovo einen Feiertag begeht, wird es kontrovers. Für die AlbanerInnen sind sie Ausdruck der erlangten Freiheit. Für die SerbInnen eine Provokation.

Die Luftaufnahmen zeigen ein mit Blumen geschmücktes, rundes Podium, umgeben von Stühlen, die so angeordnet sind, dass sie aus der Vogelperspektive betrachtet ein Muster ergeben. Es ist das Symbol der Nato – eine Kompassrose mit vier Spitzen auf marineblauem Grund. Am Boulevard hat die Menge eine übergrosse Flagge aufgespannt, mit der man problemlos einen Lastwagen zudecken könnte. Sie zeigt das Sternenbanner der USA neben dem albanischen Doppeladler. Die grosse Schutzmacht und das kleine Protektorat – ganze nahe beieinander.

Orden für den Expräsidenten

Der Kosovo feiert zwanzig Jahre Befreiung und das Ende des Krieges. Beides wurde mithilfe der Alliierten herbeigeführt – mit dem Eingreifen der USA in den Konflikt und den Bombardements der Nato. Auch die deutsche Luftwaffe und die britische Royal Air Force beteiligten sich an Kampfhandlungen. In Belgrad gilt der 12. Juni als Trauertag, an dem der Kosovo den SerbInnen entrissen wurde. Für den mehrheitlich von AlbanerInnen bewohnten Kosovo, der 2008 einseitig seine Unabhängigkeit erklärt hat, ist der 12. Juni eine Art Geburtstag. Damals, 1999, marschierte die Nato-geführte Kosovo Force (Kfor) im Kosovo ein und wurde von jubelnden Menschenmassen empfangen. Hunderttausende Kosovo-AlbanerInnen, die vor dem Krieg ins Ausland geflohen waren, kehrten in ihre Heimat zurück. Seitdem ist Clinton hierzulande ein Held. Und um die USA wird ein regelrechter Kult betrieben.

Es gibt wohl keinen Staat auf der Welt, dessen Bevölkerung so amerikafreundlich ist, wie der Kosovo. Bedenkt man, welche Feindschaft den USA in anderen und vor allem vielen muslimischen Ländern entgegenschlägt, ist das durchaus bemerkenswert. Der Refrain eines im Kosovo beliebten Songs geht so: «Thank you, USA, you are my best friend. You are the peace keeper, you are the legend.»

So wurde Bill Clinton bei seiner Ankunft für die diesjährigen Feierlichkeiten am Flughafen der rote Teppich ausgerollt. Für Madeleine Albright, die ehemalige US-Aussenministerin, enthüllten Soldaten eine Statue. Beiden wurden Orden verliehen. Später stand Clinton winkend neben seiner Statue in Pristina, die ihm bereits 2009 gewidmet worden war – daneben ein Wohnblock, an dessen Aussenfassade sein Porträt prangt, gelegen an einer breiten Verkehrsader, dem Bill Clinton Boulevard. Weiter stadteinwärts kreuzt er den George W. Bush Boulevard, jenem Präsidenten zu Ehren benannt, der 2008 die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt hat. Reist man durch den Kosovo und Albanien, sieht man immer wieder Nachbauten der Freiheitsstatue.

Der Kosovo ist mittlerweile elf Jahre alt. Die Menschen, die während des Krieges Babys waren, sind inzwischen erwachsen. Und obwohl der Kosovo eines der ärmsten Länder Europas ist, gezeichnet von hoher Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Korruption, jubelt am 12. Juni auch diese Generation mit. «Thank you Mr. President!» und «USA! USA! USA!» tönt es zu Bill Clinton hinüber, der lächelnd am Podium steht. Der Kosovobesuch ist für Clinton ein Heimspiel. Egal was er sagt, die Menge liebt ihn. «Der Kosovo ist klein, aber manchmal kann ein kleiner Ort für etwas Grösseres stehen», sagt Clinton mit brüchiger Stimme. Madeleine Albright führt in ihrer Rede aus, wofür der Kosovo für die USA damals gestanden habe – für Gerechtigkeit, die Menschenrechte und das Ende der Barbarei. «Eine ganze Ethnie wurde aus ihren Häusern vertrieben», so Albright, «und das im Hinterhof der Nato.» Dabei, so die ehemalige Aussenministerin, habe man nicht zusehen können.

Wie in einer Zeitmaschine

Wenn man so will, dann ist Pristina in diesen heissen Junitagen eine Art Zeitmaschine. Hier haben die USA noch den Status der globalen Ordnungsmacht inne, von dem sie sich unter Trump verabschieden. Es ist das Bild eines Landes, das Weltpolizei spielt und hohe Militärausgaben akzeptiert, um unter der Flagge von Demokratie und Menschenrechten militärisch in Konflikte einzugreifen. Ein Land, dass seine Soldaten in ferne Länder entsendet und Opfer hinnimmt, um den «Unschuldigen» zu helfen, wie Clinton sagt.

Doch dieses – ohnehin ideologisch verzerrte – Bild, das Clinton von den USA in Pristina zeichnet, verblasst. Seit Trump gilt die Parole «America First» auch in der Aussenpolitik. Noch nie hat ein US-Präsident vor ihm das transatlantische Bündnis derart infrage gestellt wie er. Das bereitet vielen Regierungen der am Militärbündnis beteiligten Staaten Sorge. Und im Kosovo stellen sich manche die berechtigte Frage: Was, wenn Trump eines Morgens aufwacht und die US-amerikanischen Kfor-Soldaten aus dem Kosovo abzieht? So wie die Truppen in Syrien und Afghanistan?

Von all dem ist bei den Feierlichkeiten in Pristina keine Rede. Auch nicht davon, dass die Nato-Bombardements völkerrechtswidrig waren. Einerseits, weil sie ohne Uno-Mandat durchgeführt wurden – und auch mit Propagandalügen gerechtfertigt wurden. Andererseits, weil dabei 500 ZivilistInnen starben, obwohl nur militärische Ziele hätten getroffen werden sollen. Der Kosovo war ein Wendepunkt in der Geschichte des Bündnisses. Zum ersten Mal führte die Nato Krieg gegen ein Land. «Ich bin stolz auf das, was wir getan haben», sagt Albright.

Die USA behaupteten damals, der Einsatz basiere auf einer Nutzen-Kosten-Rechnung: Greift man mit Gewalt in einen Konflikt ein, um womöglich noch mehr Gewalt zu verhindern? Ende der neunziger Jahre hatte die Öffentlichkeit noch vor Augen, was im bosnischen Srebrenica passiert war. Im Kosovo wurde die albanische Bevölkerung systematisch unterdrückt, irgendwann auch massakriert und vertrieben. Ein weiterer Völkermord sollte um jeden Preis verhindert werden – so jedenfalls die Rechtfertigung der Nato-Strategen; über die eigenen geopolitischen Interessen gerade gegenüber Russland war man weniger mitteilsam. Clinton habe sie damals mitten in der Nacht angerufen, erinnert sich Albright. «Mr. President, wir tun das Richtige», habe sie ihm gesagt. Später spazieren die beiden Hand in Hand über den Boulevard von Pristina, umgeben von jubelnden Menschenmassen. Alle wollen einen Blick auf die zwei Menschen werfen, denen sie, wie sie sagen, ihr Leben zu verdanken haben. Eine Frau Mitte Dreissig, die den Krieg miterlebt hat, kann die Kritik an den Nato-Bomben nicht verstehen: «Das serbische Regime hat unser Leben zerstört.»

Die Europäische Union ist derweil bei den Feierlichkeiten auffallend unterrepräsentiert. Ob die Menge auch so gejubelt hätte, wenn Federica Mogherini, die EU-Aussenbeauftragte, eine Rede in Pristina gehalten hätte? Oder Johannes Hahn, Kommissar für Erweiterungspolitik. Von beiden sind die Kosovo-AlbanerInnen mehr und mehr enttäuscht. Einerseits, weil die lange versprochene Visaliberalisierung ausbleibt. Andererseits erkennen fünf EU-Mitgliedsländer – Griechenland, die Slowakei, Zypern, Spanien und Rumänien – den Kosovo immer noch nicht an. Der Dialog mit der EU ist gescheitert und hat nach sechs Jahren keine Einigung gebracht. Die braucht es aber, wenn der Kosovo eines Tages Teil der EU werden soll. Pristina fühlt sich im Stich gelassen. Das zeigt sich daran, wie gereizt der Ton mittlerweile zwischen Brüssel und Premierminister Ramush Haradinaj ist, der vor Monaten Strafzölle auf Güter aus Serbien eingeführt hat. Washington und Brüssel wollen, dass die Zölle fallen. Haradinaj aber bleibt stur. Erstmals legt sich ein Regierungschef offen mit den wichtigsten Verbündeten des Kosovo an.

Risikofaktor Trump

Die Mühlen der EU mahlen langsam. In Washington hingegen sitzt ein Mann im Weissen Haus, der schnelle Deals liebt. Trump hat sich bisher nur einmal zum Kosovo geäussert. In einem Brief an den kosovarischen Präsidenten Hashim Thaci schrieb er, dass er ihn und den serbischen Präsidenten Aleksandar Vucic nach Washington einlade, um ein historisches Abkommen zu unterzeichnen. Dabei, so Trump, sei ihm jede Lösung recht. Auch ein Gebietsaustausch. Gemeint ist eine Grenzkorrektur, bei der Belgrad den mehrheitlich von SerbInnen bewohnten Norden erhalten würde und Pristina im Gegenzug mit albanisch besiedelten Ortschaften in Südserbien entschädigt würde. Washington pocht auf schnelle Resultate, während die Mitgliedsländer der EU, vorneweg Deutschland, Grenzverschiebungen am Balkan für ein Tabu halten. Die wichtigsten Alliierten des Kosovo ziehen in der Lösung des Konflikts nicht mehr an einem Strang. Dabei war der Kosovo einst ihr Prestigeprojekt. Milliarden Hilfsgelder sind in das kleine Land geflossen. Der Westen hat den Krieg damals militärisch gewonnen. Heute fehlt ihm die politische Strategie, wie es weitergehen soll.

Am Abend nach den Feierlichkeiten steht ein weisshaariger Amerikaner auf der Bühne eines Fünfsternehotels am Rand von Pristina. Es ist Wesley Clark, Oberbefehlshaber der Nato-Streitkräfte im Kosovokrieg. Er spricht auf einer Sicherheitskonferenz. Der Kosovo, so Clark, könne ein Vorzeigebeispiel für ganz Europa werden, wenn er die Streitigkeiten mit Serbien beende. Wie, das sagt er nicht. Clark hat 1999 als General den Abwurf der Bomben befohlen. Die Gräben, die sie hinterlassen haben, müssen heute andere zuschütten.

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